Historischer Überblick bis 1974
Wir wollen an dieser Stelle nur einen kurzen historischen Überblick
geben, um eine Basis zu schaffen auf der die weiteren Ereignisse
und das Handeln der Guerilla in Griechenland erst eingeordnet werden
können. Genauso wie wir von heute aus gesehen, die Aktionen und
Erklärungen der deutschen bewaffneten Linken, ihr Verhältnis zur
übrigen Linken und die Reaktion des Staates auf sie nicht begreifen
können ohne die deutsche Vergangenheit zu analysieren, genauso wenig
lassen sich die Aktionen und Erklärungen des 17N und des ELA verstehen
ohne Wissen um ein politisches Klientelsystem, zwei reaktionäre
bis faschistische Diktaturen, eine brutale Besatzung durch die deutsche
Armee, den erfolgreichen Partisanenkampf dagegen, zwei Bürgerkriegen
und der geopolitischen Lage im Mittelmeer und den damit verbundenen
Interessen.
Griechenland stand seit seiner Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich
1821 immer unter der Fuchtel von Schutzmächten (Russland, Frankreich,
Großbritannien). Es wurde regiert von einem deutschen, durch die
britische Regierung eingesetzten König, der in ihrem Interesse handelte.
Es war ein Agrarland, dessen herrschende Klasse hauptsächlich aus
einer GroßgrundbesitzerInnenschicht bestand, die ihre Macht über
Klientelpolitik ausübte.
1936 etabliert Ioannis Metaxas mit Hilfe des Königs eine reaktionäre
Diktatur in partieller Nachahmung des italienischen Faschismus und
deutschen Nationalsozialismus. Linke, Liberale und überhaupt Oppositionelle
werden massenhaft auf Gefangeneninseln verschleppt und schwerer
FOLTER unterzogen, Angehörige und Freunde werden mit Sippenhaft
massiv drangsaliert. Dem kann man sich nur durch die Unterzeichnung
von Reueerklärungen entziehen, in denen man seinen politischen Überzeugungen
abschwört und dem Regime die Treue gelobt; diese Methoden werden
auch von den späteren Diktaturen intensiv angewandt.
Die KP als größte oppositionelle Kraft versucht ihre Strukturen
im Untergrund zu erhalten.
1940 wird Griechenland, nachdem Metaxas ein Ultimatum abgelehnt
hat, von italienischen Truppen angegriffen. Dieser Angriff kann
zurückgeschlagen werden, auch durch eine massive, spontane Beteiligung
der Bevölkerung > dies ist das erste Mal, dass die faschistischen
Armeen im 2. Weltkrieg eine Niederlage hinnehmen müssen, auch dadurch
ist dieser 28. Oktober zum Nationalfeiertag und dem Symbol von Widerstand
geworden
1941 kommt die deutsche Wehrmacht den Italienern zur Hilfe. Ihr
gelingt es, Griechenland relativ schnell zu erobern (bis auf Kreta,
wo erbitterter Widerstand geleistet wird).
Griechenland wird daraufhin in drei Zonen, zwischen den deutschen,
bulgarischen und italienischen Truppen aufgeteilt und mit Hilfe
einer Kollaborationsregierung kontrolliert.
Von Anfang an versuchen die Besatzer soviel Ressourcen wie möglich
aus Griechenland rauszuholen, was zu schweren Hungersnöten und tausenden
Toten führt.
Die alte, rechte Regierung und der griechische König stellen sich
unter den Schutz der Briten und gehen ins Exil nach London und Kairo.
relativ bald bildet sich ein breiter Widerstand in der Bevölkerung:
z.B. steigen zwei Studenten auf die Akropolis und reißen die Hakenkreuz-Fahne
herunter
es gibt viele große Streiks, die teilweise brutal niedergeschlagen
werden und verschiedene Widerstands-Organisationen werden gegründet:
die KP gründet die Nationale Befreiungsfront (EAM), die als Volksfront
alle Schichten und Kräfte sammeln soll. Die KP selber ist die größte
und stärkste Fraktion darin, es schließen sich aber auch republikanische,
liberale und sozialistische Gruppen an
Die EAM gründet die Griechische Volksbefreiungsarmee, ELAS, die
als PartisanInnenarmee in die Berge geht, um den Kampf gegen die
Besatzung aufzunehmen.
Diese: die EAM und die Elas werden die entscheidenden militärischen
und politischen Kräfte des Befreiungskampfes.
Außerdem entstehen noch verschiedene andere Widerstandsgruppen,
die ihre eigenen PartisanInnen-Einheiten aufstellen:
der EDES (Nationaler Republikanischer Bund), der anfänglich eine
Organisation mit halbsozialistischem Programm ist, wird später aber
zum Sammelbecken der gr. Rechten
und die EKKA - Nationale und soziale Befreiung, die auch streng
antikommunistisch ist
Das sind die drei größeren PartisannInengruppen, sie operieren
in verschiedenen Gebieten. Die britischen Kontaktleute, die den
PartisanInnengruppen Hilfe zukommen ließen, konzentrieren sich auf
die bürgerlichen, antikommunistischen Gruppen.
Die Elas erhält sehr viel Hilfe aus der bäuerlichen Bevölkerung.
Im von der ELAS befreiten Teil Griechenlands wird eine Selbstverwaltung
aufgebaut, die erstmals ein verhältnismäßig freies selbst bestimmtes
Zusammenleben ermöglicht und die patriachalen Verhältnisse aufbricht.
Um diese Aufstandsbewegung niederzuschlagen, reagieren die Besatzer
mit massiven Vergeltungsmaßnahmen, wie Geiselnahmen, Konzentrationslager
und brutalsten Massakern an der Einwohnerschaft ganzer Dörfer -
Distomo und Kalavrita sind nur zwei Beispiele - werden in der Ausstellung,
die draußen im Eingangsbereich hängt, auch noch mal genauer dargestellt.
Die deutsche Regierung weigert sich nach wie vor, für diese Verbrechen
Entschädigungen zu zahlen.
Nach der italienischen Kapitulation 1943 besetzt die deutsche Wehrmacht
ganz Griechenland, womit die Verfolgung von Oppositionellen noch
mal zunimmt und die Deportation und Vernichtung der jüdischen GriechInnen
beginnt.
Im gleichen Zeitraum beginnt eine reorganisierte griechische Rechte
und einige PartisanInnengruppen gemeinsam mit den den Deutschen,
verstärkt gegen die EAM vorzugehen.
Mit einem erfolgreichen Vorrücken der roten Armee muss sich die
Wehrmacht Ende 1944 aus Griechenland zurückziehen. Dabei hat die
EAM die Möglichkeit, die Kontrolle über das ganze Land zu übernehmen.
Ihre Volksfrontstrategie führt stattdessen zu einer Anbiederungspolitik
gegenüber den Briten. Sie versucht über die Teilnahme an der so
genannten Regierung der nationalen Einheit, ein "demokratisches
Griechenland", in dem alle Klassen gleichermaßen repräsentiert
werden, mitaufzubauen und gibt so nach und nach ihre Kontrollmöglichkeiten
aus der Hand. Sie hofft dabei auf die Hilfe der SU. Stalin hat sich
aber in einem Geheimabkommen mit dem britischen Premierminister
Churchill über die Einflußspähren auf dem Balkan geeinigt und dabei
Griechenland Großbritannien überlassen.
Die Briten haben kein Interesse an einem sozialistisch-demokratischen
Griechenland, sondern daran, den kommunistischen Einfluss zurückzudrängen
und stabile Strukturen aufzubauen, d.h. ihren eigenen Einfluss zu
erhalten. Dabei setzen sie auf die reaktionären, rechten und faschistischen
Kräfte. Um den Einfluss der EAM und der ELAS zurückzudrängen sind
die Briten bereit, einen Bürgerkrieg zu führen und bereiten diesen
auch vor.
Mitte Oktober 1944 befindet sich Athen nach dem (relativ ungestörten)
Abzug der Wehrmacht unter britischer Kontrolle. Die griechische
Exilregierung, die aus Rechten und Liberalen besteht und in der
auch die EAM einige Ministerposten hat, übernimmt die Herrschaft,
handelt aber nach Anleitung der britischen Regierung.
Der Streit um die Auflösung der PartinanInnenverbände und der rechten
Exilarmee wird zur zentralen Frage zwischen Regierung und EAM und
führt zum Austritt der EAM-Minister aus der Regierung.
Den bewussten Provokationen der britischen Militärkontrolle (Schüsse
auf eine Demonstration zur Unterstützung der EAM mit Dutzenden Toten
und der Wiederausrufung des Kriegsrechts) kann und will die auf
Integration bedachte EAM-Führung nichts entgegensetzen.
Im Vertrag von Varkiza, im Februar 1945 verpflichtet sich die
EAM zur Demobilisierung der ELAS und zur Übergabe der Waffen, die
Regierung verpflichtet sich dafür zur Einhaltung demokratischer
Grundrecht und der Säuberung von Verwaltung, Armee und Polizei,
sie erkennt EAM und KP als legale Organisationen an, verweigert
ihnen aber die Regierungsbeteiligung. Es gibt eine Amnestie, die
aber nur für "politische Vergehen" gilt.
Der nun verstärkt einsetzende rechte Terror kostet allein im folgenden
Jahr 1200 Linke das Leben, die zunehmende Strafverfolgung bringt
85.000 Menschen in die Gefängnisse
zusätzlich wird im Juni 1946 ein Notstandsgesetz verabschiedet,
das die Todesstrafe für Delikte, die "die Sicherheit des Staates
gefährden" vorsieht und Streiks und Demonstrationen verbietet.
Wieder werden Linke auf die Inseln deportiert oder hingerichtet.
Angesichts der massiven Repression baut die KP erneut PartisanInnenverbände
auf und ein Bürgerkrieg beginnt.
Die USA, die mit der Truman-Doktrin im März 1947 Großbritannien
als "Schutzmacht" Griechenlands ablösen, unternehmen das
ihre, um die Herrschaft der lokalen Eliten im gesamten mittleren
Osten zu sichern: in den Bergen wird Napalm eingesetzt, Armee und
Nationalgarde massiv aufgerüstet, EAM und KP werden verboten.
Am 9. Oktober 1949 beschließt die KP nach drei Jahren die Einstellung
der Kämpfe, die verbliebenen PartisanInnen fliehen in verschiedene
Staaten des Ostblocks.
Die Rechten haben also gewonnen. Sie binden das Land immer enger
in internationale Bündnisse ein, 1952 wird es Mitglied der NATO,
dessen wichtige Südostflanke es bildet. 1961 wird ein Assoziationsvertrag
mit der EWG abgeschlossen.
Seine wirtschaftliche Situation ist von sehr hohen Verbrauchssteuern
(also für die 'normalen Leute') bei gleichzeitig hohen Ausgaben
für Rüstung und Verwaltung und massiven Subventionen für in- und
ausländische Firmen bei steigender Auslandsverschuldung und Inflation
gekennzeichnet. Die Gewinnakkumulation der herrschenden Schicht
der nationalen Bourgeoisie ist eng mit den Interessen ausländischer
Konzerne und Regierungen verwoben.
Die Rechte fürchtet durchein Wiedererstarken der Linken ab Anfang
der 60er Jahre, das sich in Wahlsiegen und einer Massenbewegung
für Demokratie und höhere Löhne, Streiks und der Gründung unabhängiger
Gewerkschaften ausdrückt, um ihrer Dominanz.
Daher putscht im April 1967 eine Gruppe von Generälen mit Unterstützung
des CIA und des Königs.
allein in der ersten Nacht werden über 9.000 Menschen verhaftet,
der Belagerungszustand wird ausgerufen, Teile der Verfassung außer
Kraft gesetzt und Anordnungen aus der Zeit der Nazi-Okkupation wieder
eingesetzt,
Insgesamt werden zwischen 1967 und 1974, dem Ende der Militärdiktatur,
zwischen 80.000 und 150.000 Menschen aus politischen Gründen verhaftet
Folter, sowohl körperliche als auch seelische ist üblich und äußerst
brutal, die Bedrohung und Verfolgung von Angehörigen, der die Verfolgten
wiederum nur mit der Unterzeichnung von Reueerklärungen entkommen
können an der Tagesordnung
Die Wirtschaftspolitik verändert sich unter der Junta nicht essentiell,
die Subventionen für große (aus- wie inländische) Konzerne steigen
sowie die Militärausgaben. Dabei ist die militärische Unterstützung
durch die BRD die zweitstärkste nach den USA
der Widerstand:
zwar ist die Linke nicht auf den Putsch vorbereitet und durch die
schnellen Massenverhaftungen paralysiert, es gründen sich aber bald
verschiedene Widerstandorganisationen
in der Anfangszeit der Junta äußert sich der Protest hauptsächlich
durch Großdemonstration anlässlich der Beerdigung des Politikers
Giorgos Papandreou und des Schriftstellers Georgios Seferis
das Attentat von Alekos Panagoulis auf den Juntaführer Papadopoulos
ist eine herausragende Aktion des militanten Widerstandes, Anschläge
auf kleiner Ziele sind jedoch häufig
ab November 1972 gibt es Demonstrationen vor allem der StudentInnen,
im November 73 wird das Polytechnikon in Athen besetzt, SchülerInnen
der Mittelschulen und Bauarbeiter streiken, das Polytechnikum mit
einem eigenen Radio-Sender wird zum Zentrum der Versammlungen und
Kämpfe, unterstützt werden diese Kämpfe durch Massendemonstrationen
in West-Europa gegen die Junta, die zur Destabilisierung des Ansehens
des Regimes beitragen
Nach der brutalen Räumung des Polytechnikon am 17. November, dessen
23. Jahrestags wir am 17. November gedenken, ebbte die anti-diktatorische
Bewegung zwar ab und die rechtesten Teile der Junta übernehmen vorübergehend
die Macht.
Zu der Umwandlung in eine parlamentarische Demokratie, die die
Militärs ein halbes Jahr später einleiten, trägt die Revolte aber
genauso bei, wie die
Zypernkrise (Zypern ist unabhängig und sowohl von Türken als auch
von Griechen bewohnt. Da die Regierung relativ links war und gegen
die auf der Insel stationierten Militärbasen agitierte, versuchten
verschiedene Nato-Kräfte, vor allem Großbritannien und die US-Regierung,
diese zu entmachten. Ein Staatsstreich der griechischen Junta-Armee
misslingt, daraufhin besetzt die Türkei 40% der Insel und garantiert
in der Folge die Existenz der Basen.)
Die damit schwindende internationale Unterstützung für die Junta
führte zur Rückkehr von Karamanlis, der vor der Militärdiktatur
eine rechte Regierung geleitet hatte, aus dem Exil. Er bildet eine
"Regierung der nationalen Einheit", die einen "Demokratisierungsprozess"
einleiten soll. Die am symbolträchtigen 17. November 1974 durchgeführte
Parlamentswahl gewinnt die von ihm neu gegründete Nea Dimokratia
mit der Drohung: "Karamanlis oder die Panzer"
In der Folge gibt es zwar Prozesse gegen einige Mitglieder der
Junta, gegen Folterer und Armeeangehörige, dies betraf jedoch nur
wenige und sie erhielten auch angesichts der Schwere ihrer Taten
geringe Strafen. Weder Armee noch Polizei wurden gesäubert, es blieben
rechte Strukturen.
Die militanten Kämpfe der linken und undogmatischen Gruppen gegen
die Militärdiktatur sind die Grundlage für das Entstehen der heutigen
großen und radikalen linken und anarchistischen Bewegung in Griechenland.
Militanz und Bewaffnung sind im Unterschied zur deutschen Linken
integraler Bestandteil der politischen Kultur der außerparlamentarischen
Linken und auch im Bewußtsein der griechischen Bevölkerung vorhanden.
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