Konzept
Zum
(32.) Jahrestag der Erstürmung des Polytechnikums am 17. November
1973 & zum Stand der Prozesse gegen die Militanten von ELA
und 17. November
Anlässlich
derzeitiger Verfahren gegen zwei griechische linke bewaffnete
Gruppen machen wir eine Informations- und Diskussionsveranstaltung.
In
Griechenland gibt es eine lange kontinuierliche linke Tradition,
die auch von bewaffneter militanter Politik geprägt ist. Diese
Tradition reicht vom PartisanInnenkampf gegen die faschistische
italienische und deutsche Besatzung, dem Bürgerkrieg über den
Widerstand gegen die Militärdiktatur in den 70ern bis hin zum
letzten Anschlag des 17. November im Jahr 2000. Diese Kämpfe wurden
von einem großen Teil der Bevölkerung begrüßt und unterstützt.
Die Tradition ist immer noch so präsent, dass sie auch heute noch
die öffentliche Meinung in Griechenland bestimmt.
Auf
diese lange bewaffnete Geschichte bezogen sich die beiden Gruppen,
ELA und 17. November.
Die
Gruppe "Revolutionärer Volkskampf" (ELA) existierte von 1975 bis
1995. Ihr Ziel war der revolutionäre Sturz des kapitalistisch-imperialistischen
Systems, um eine sozialistische Herrschaft des Volkes zu erreichen.
Der ELA verstand sich als Teil der Massenbewegung des Volkes und
beteiligte sich aktiv an der Verbreitung von Informationen. Zu
diesem Zweck gab sie die Broschüre "Antipliroforisi" heraus, die
umsonst verteilt wurde. Gleichzeitig war ein militanter Arm aktiv,
der vor allem symbolische Ziele angriff, wie Gebäude von multinationalen
Konzernen, Fahrzeuge US-amerikanischer und britischer Einrichtungen,
Ministerien, Polizeistationen, Banken und die Vertretungen der
EU und der UNO in Athen. Seit Anfang der 90er Jahre ging der ELA
auch gegen Personen vor.
Die
"Revolutionäre Organisation 17. November" (17N) existiert ebenfalls
seit 1975 und beruft sich schon mit ihrem Namen auf die blutige
Erstürmung des von oppositionellen Studierenden besetzten Polytechnikums
im Jahr 1973.
Der
erste verübte Anschlag galt dem US-amerikanischen Leiter des CIA
in Athen, Richard Welch, um auf die Beteiligung der Regierung
der USA am Militärputsch und der Stabilisierung der Diktatur hinzuweisen.
Darüber hinaus verübten sie Anschläge gegen bekannte Folterer,
die nach der Militärdiktatur von der griechischen Justiz freigesprochen
wurden.
Seitdem hat sich der 17N zu zahlreichen weiteren Anschlägen bekannt,
z. B. gegen multinationale Konzerne, gegen US-, NATO- und EU-Einrichtungen
sowie gegen diverse griechische Politiker und Persönlichkeiten.
Im zweiten Golfkrieg wurden binnen kürzester Zeit diverse Ziele
in Athen mit Panzerfäusten angegriffen, während des Kosovokriegs
u.a. die BRD-Botschaft.
Bis zum Sommer 2002 wurde in den insgesamt 27 Jahren des Bestehens
des 17 N niemals ein Mitglied der Gruppe
verhaftet.
In ihren Aktionen bezogen sich beide Gruppen auf aktuelle in der
griechischen Öffentlichkeit laufende Diskussionen.
Die Erklärungen der Gruppen waren im Gegensatz zu anderen bewaffneten
westeuropäischen Gruppen so formuliert, dass jeder und jede sie
verstehen konnte. Diese Papiere wurden vollständig in der griechischen
Presse abgedruckt, wobei die jeweilige Zeitung ihre Auflage um
20- bis 30.000 Exemplare erhöhte.
"Griechenland ist mehr als nur ein Urlaubsland" -
Bezug zu Deutschland
Die
Geschichte Griechenlands im letzten Jahrhundert ist ohne die deutsche
Besatzung von 1941 bis 1944, den Partisanenkrieg dagegen sowie
den anschließenden Bürgerkrieg nicht zu verstehen.
Nach
der gewaltsamen Entwaffnung der Linken aufgrund des verlorenen
Bürgerkrieges begann ein großer Exodus in die angrenzenden Balkanländer
und die DDR. Die Anwerbung so genannter Gastarbeiter durch die
BRD führte zu einer weiteren Auswanderung. Während der Militärdiktatur
emigrierten abermals viele griechische Linke in die BRD und in
die DDR. Des Weiteren bezogen sich auch die deutschen und griechischen
linken Bewegungen aufeinander. Zum einen gab es eine Solidaritätsbewegung
während der Militärdiktatur in den 70er Jahren (z. B. Mikis Theodorakis)
und zum anderen gab es etliche Solidaritätsaktionen zu Militanten
aus der RAF und der Bewegung 2. Juni (z. B. Rolf Pohle).
In
den letzten Jahren spielt die Entschädigungsfrage zu den Verbrechen
der Wehrmacht und der SS während des zweiten Weltkriegs auch eine
Rolle innerhalb der öffentlichen linken/linksliberalen Diskussion
hier (Massaker in Distomo).
Der
zweite Prozess gegen die Gefangenen vom ELA endete im Juni 2005
mit Freisprüchen aufgrund der Unglaubwürdigkeit der Hauptbelastungzeugin.
Im Dezember beginnt das Berufungsverfahren gegen den 17. November.
In den beiden vorhergehenden Prozessen wurden die Gefangenen zu
Haftstrafen von bis zu 23 x lebenslang verurteilt. Alle Prozesse
finden in einem Hochsicherheitsgerichtsgebäude in Athen statt.
Die Gefangenen selbst befinden sich in Hochsicherheitsabteilungen
im angrenzenden Gebäude (Assoziationen zu Stuttgart-Stammheim
sind durchaus nahe liegend).
Die
Angleichung der griechischen Gesetze an die EU-Normen wird in
Form des Antiterrorgesetzes von 2001 im Rahmen der Verfahren erstmals
umgesetzt.
Die
Prozesse gegen die Gefangenen des ELA sowie das anstehende Berufungsverfahren
gegen die Gefangenen des 17. November im Dezember dieses Jahres
wurden und werden begleitet von internationalen ProzessbeobachterInnen
und ZeugInnen. Wir machen diese Veranstaltung in kritischer Solidarität
mit den Gefangenen und dem griechischen Widerstand.
Ablauf
der Veranstaltung
Überblick
über die Geschichte Griechenlands mit Bezügen zur deutschen Geschichte
Informationen
zur Verschärfung der Gesetze & Haftbedingungen sowie die Angleichung
der griechischen Gesetze an EU-Normen
Überblick über
die linke Diskussion in Griechenland
Bedeutung des
bewaffneten Kampfes für die griechische Linke und AnarchistInnen
Beitrag zum europäischen
Sozialforum 2006 in Athen
Diskussion
ReferentInnen
2
Vertreter aus den Solidaritätsbewegungen
Gianna Kourtovik:
Anwältin von Dimitris Koufodinas (17N) und Giannis Serifis (angeklagt
im zweiten ELA- und im 17N-Verfahren)
begleitende
Ausstellung von Plakaten & Dokumenten der Zeitgeschichte
Information zu
Distomo & Entschädigung
Anschließend
offener Raum für Diskussion, Musik und Party.
Die Überschüsse
gehen nach Griechenland.
Die
Veranstaltung wird simultan übersetzt.
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