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Studentische Unruhen in Griechenland
Wassilios Karl Aswestopoulos 12.02.2007
Protestieren die Studenten nur gegen
die Einführung von Privatuniversitäten oder steckt mehr dahinter?
Seit Monaten finden in Griechenland
regelmäßig Studentendemonstrationen statt. Gewalt ist dabei auf
der Tagesordnung. Die meisten Universitäten sind
von Studenten besetzt, und somit für den Lehrbetrieb geschlossen.
Die Protestwelle wendet sich gegen die konservative Regierung der
Nea Dimokratia (ND), die neben der Einführung privater Universitäten
ins griechische Bildungssystem eine Auflockerung des akademischen
Asyls plant.
Widerstand gegen private Universitäten
Auslöser für die studentischen Unruhen ist eine geplante Verfassungsänderung, mit der private
Hochschulen legalisiert werden sollen. Artikel 16, Absatz 4 der
griechischen Verfassung begründet ein
staatliches Monopol für die universitäre Ausbildung in Griechenland.
Dieser Verfassungsartikel hat in der
Vergangenheit schon oft zu Konflikten geführt. Einerseits war es
zeitweise schwer für Absolventen einer ausländischen privaten Hochschule,
eine Anerkennung der akademischen Grade zu erreichen. Andererseits
haben zahlreiche, meist englische oder amerikanische private Hochschulen
in Griechenland Niederlassungen
eröffnet. Diese privaten Hochschulen sind in Griechenland selbst
nicht als akademische Bildungseinrichtungen anerkannt. Aber die
betreffenden Absolventen können mit einem dort erworbenen akademischen
Grad der privaten Hochschulen in den Ursprungsländern der privaten
Universitäten oder überall dort im Ausland, wo der Titel anerkannt
wird, ihr Studium fortsetzen. Der dort erworbene Titel berechtigt dann aufgrund der EU-Freizügigkeit
meist zur Berufsausübung, reicht aber in der Regel nicht für die
Erlangung einer akademischen Gleichstellung mit griechischen Absolventen.
Der Weg zum Glück, der öffentliche Dienst
Das Fehlen der akademischen Gleichstellung
hindert die Absolventen daran, im öffentlichen Dienst Griechenlands
zu arbeiten. Denn zu den Einstellungsvoraussetzungen des öffentlichen
Dienstes in Griechenland zählt neben der fachlichen Eignung auch
eine akademische Anerkennung des jeweiligen Studientitels. Durch
die verschleppte Anerkennung akademischer Titel hat die griechische
Regierung schon in der Vergangenheit Verstoßverfahren gegen EU-Richtlinien durchstehen müssen. Das wäre alles nicht weiter
tragisch für die Absolventen, wenn in Griechenland eine ausreichende
industrielle Infrastruktur vorhanden wäre, die Akademiker beschäftigen
könnte. Leider ist dies nicht der Fall. Die meist durch Fördermittel
finanzierten privaten Unternehmen
besetzen die wenigen verfügbaren Arbeitplätze gerne auf Grund
persönlicher Freundschaften oder Abhängigkeiten Nach dem Motto "Eine
Hand wäscht die andere" werden vornehmlich diejenigen eingestellt,
deren Verwandtschaft oder Bekanntschaft für die begehrten Fördermittel
sorgt. Der aufgeblähte öffentliche Dienst ist in Griechenland daher
nach wie vor der sicherste
und beliebteste Arbeitgeber. Ein Beamtendasein in Griechenland ist
auch auf relativ niedrigem Lohnniveau auf Grund des
Korruptionsfaktors sehr attraktiv. Der Eintritt in den öffentlichen
Dienst Griechenlands war bis vor wenigen Jahren über gute Beziehungen
zu lokalen Politikern möglich. Durch eine Gesetzesänderung 1994
ist dies nicht mehr der Fall. Gemäß dem Gesetz 2190/94 muss jede
Einstellung in den öffentlichen Dienst vom unabhängigen Rat für
die Auswahl des Personals für den öffentlichen
Dienst (ASEP) genehmigt werden. Die komplizierten Auswahlmethoden
und aufwändigen Prüfungsverfahren, die vom ASEP durchgeführt werden,
haben schon mehrmals zum Paradoxon geführt, dass im aufgeblähten
Verwaltungsapparat Griechenlands wichtige Stellen
unbesetzt blieben. Leider sind dadurch auch viele Stellen
an den griechischen Hochschulen und vor allem an den öffentlichen
Schulen unbesetzt. Diese Stellen werden meist kurzfristig mit saisonalen
Zeitvertragsmitarbeitern besetzt. Kontinuität in der Ausbildung
oder gar ernsthafte Forschung ist aber so nicht möglich, wie die
Gewerkschaftsorganisation der Universitätsprofessoren POSDEP
beklagt.
Das Schulwesen
Vor diesem Hintergrund kann man die Furcht der
Professoren vor privaten Hochschulen vielleicht besser verstehen.
Die seltene Einigkeit zwischen Studentenschaft und Professoren begründet
sich im Ziel der Proteste. Nicht in den Motiven. Das griechische
allgemein bildende Schulsystem umfasst bis zum qualifizierenden
Sekundarschulabschluss zwölf Schuljahre. Die ersten sechs in der
Grundschule, dann drei Jahre Gymnasium und schließlich drei Jahre
Lyzeum. Die Fremdsprachenausbildung findet meist an privaten Sprachschulen
statt, die neben dem normalen Schulunterricht besucht werden. Die öffentlichen Schulen sind
nicht in der Lage, ihre Schüler ausreichend in Fremdsprachen zu
unterrichten. Zu dieser von den meisten Familien privat aufzubringenden
Extraausgabe kommt in der Zeit des Lyzeums der dringend benötigte
Nachhilfeunterricht. Anders als in Deutschland müssen nahezu alle
Schulkinder, die die zentrale Reifeprüfung bestehen wollen Nachhilfeunterricht
besuchen. Das familiäre Budget wird dadurch mit 4.500-6.000 Euro
pro Schuljahr belastet. Denn die staatlichen Schulen können den
erforderlichen Unterrichtsstoff
nicht ausreichend vermitteln. Darüber hinaus können gerade
einkommensschwache Familien nach der kostenintensiven Schulzeit
kaum finanzielle Mittel aufbringen, um einen Studenten zu unterstützen.
Deshalb arbeiten viele Studenten nebenbei, was wiederum die Studienzeit
verlängert.
Die neue Hochschulreform sieht neben der Einführung
privater Hochschulen vor, die Maximalstudienzeit auf sechs bis sieben
Jahre zu begrenzen. Die Griechen fürchten auch, dass dies zu einer
weiteren Stärkung der Nachhilfeindustrie führt. Bereits jetzt hängen
an den schwarzen Brettern der Universitäten viele Kleinanzeigen
für private Repetitorien. Anders können viele der berufstätigen
Studenten den Lehrstoff nicht mehr bewältigen.
Das akademische Asyl
Die protestierenden Studenten halten landesweit
Hochschulen besetzt. Das ist möglich, da in Griechenland die Hochschulen
einen Sonderstatus besitzen. Es ist trotz Ausnahmeregelungen faktisch
ausgeschlossen, dass Polizeikräfte zur Amtsausübung ein Hochschulgelände
betreten. Da die studentischen Widerstände ausschlaggebend für den
Umsturz der Militärregierung Griechenlands waren, und weil gegen
Ende der Militärdiktatur am 17.November 1973 viele Studenten bei
der Erstürmung der auch damals besetzten Universitäten durch das
Militär getötet wurden, gilt ein Polizeieinsatz an einer Universität
immer noch als illegaler Tabubruch. Die neue Hochschulreform soll
dieses Asyl weitgehend abschaffen, denn fast alle Studentendemonstrationen
Griechenlands enden mit verletzten Demonstranten, verletzten Polizisten,
erheblichen Sachschäden und Umsatzeinbußen den Einzelhandels.
Die jüngste Demonstration in Athen
Eigentlich war am 8. Februar 2007 in Athen nichts
Besonderes los. Eine Polizeiaktion im Rahmen einer angemeldeten
Demonstration versperrte wie üblich weite Teile der Innenstadt.
Das Wetter war wie in diesem Winter normal, frühlingshaft mit 17°C,
es trat kein Minister zurück und kein Skandal war zu vermelden.
Im Süden Europas nichts Neues. Wirklich? Endlich fand einmal eine große, griechenlandweite Studentendemo ohne
Verletzte, ohne übermäßig viele zerstörte Schaufensterscheiben oder
verbrannte Autos statt. Mit
Graffitis dekorierte Wände oder Schaufenster werden kaum noch als
Sachbeschädigung wahrgenommen. Schließlich sind Griechenlands Innenstädte
voll mit Plakaten und Graffitis von Fußballmannschaften, Lokalpolitikern,
Musikern oder Handwerkern, die ihre Dienste anbieten. Das wäre für
sich schon eine Meldung wert. Direkt am Tag nach der lokalen Studentendemo
in Thessaloniki, bei der einige unbeteiligte Passanten durch übermäßigen
Tränengaseinsatz zu vermelden waren, fand in der Hauptstadt Griechenlands
eine friedliche landesweite Demo statt.
Die Polizeiführung hatte nach den Vorfällen von
Thessaloniki vorauseilend eine chaotische Situation angekündigt,
wie sie in Deutschland von den Demonstrationen zum Maifeiertag in
Berlin bekannt ist. In Thessaloniki war ein Bürogebäude der Europäischen
Union von autonomen Gruppen angegriffen worden. Nebenbei wurden
Kameras, die der Verkehrsüberwachung dienen sollen, aber von linken
Oppositionellen als "Big Brother" angesehen werden, zerstört. Derart vorgewarnt haben die griechischen
Sicherheitskräfte ihre Taktik geändert. Anstatt wie sonst abzuwarten,
dass sich die "üblichen Verdächtigen" unter die Demonstranten
mischen, wurde diesmal im Vorfeld scharf kontrolliert, wer sich
der Athener Innenstadt nähern wollte.
Eine Kamera, studentisches Aussehen oder ein Motorradhelm
waren verdächtig. Jeder, auf den diese Beschreibung in etwa zutraf,
lief Gefahr von Sicherheitskräften kontrolliert zu werden. Auf diese
Weise wurden z.B. drei Studenten vorläufig festgenommen, weil man
in ihren Taschen chirurgische Gesichtsmasken fand, die bekanntlich
bei Tränengaseinsätzen nützlich sein können. Also galten die Studenten
als potentielle Krawallmacher, die an der Demonstrationsteilnahme
gehindert werden mussten. Dreizehn Reisebusse, die potentielle Demonstranten
zur griechenlandweiten Demonstration nach Athen fahren sollten,
wurden von der Polizei angehalten. Die Weiterfahrt der Busse wurde
verboten, da in den Bussen angeblich linksgerichtete autonome Demonstranten
mitfahren würden. Eine eiligst herausgegebene Pressemitteilung der
Polizei beschuldigte das Organisationskomitee der Demonstration,
es wäre für potentielle Ausschreitungen verantwortlich. Zu den Nachwehen der Demonstration
gehört daher eine intensive Auseinandersetzung der Regierung mit
der parlamentarischen und außerparlamentarischen Opposition über
den "neuen Polizeistaat". Der zuständige Innenminister
Griechenlands, Vyron Polydoras, hat bereits recht undiplomatisch
angekündigt, in Zukunft persönlich und handgreiflich gegen
Unruhestifter vorgehen zu wollen. Ich selbst wurde von Polizisten
umkreist und kontrolliert, als ich damit begann, die Vorbereitungen
der Innenstadtsperrung fotografisch zu dokumentieren.
Schließlich war ich mit einem Motorradhelm "bewaffnet"
und mit einer Sonnenbrille "vermummt", wie mir die Beamten
zu verstehen gaben. Mit der Kamera könnte ich Polizeikräfte fotografieren
und später identifizieren. Darüber hinaus könnte ich die Fotos ins
Internet stellen. Kurz, allein die Kamera wies mich als potentiellen
Unruhestifter aus. Lediglich der Journalistenausweis bewahrte mich
vor einer vorläufigen Festnahme und vor der Beschlagnahmung meiner
Kamera. Die Polizeikräfte warnten mich ausdrücklich davor, die Demonstration
zu besuchen, denn die Demonstranten würden Journalisten gerne tätlich
angreifen.
Amerikaner und die EU bedrohen die griechischen Universitäten
Das mag zwar etwas überzogen klingen, aber die
Griechen neigen gerne dazu alltägliche Begebenheiten zu dramatisieren,
fast überall werden Verschwörungen vermutet. Die üblichen Verdächtigen,
die hinter den Verschwörungen stecken sind die USA und die Europäische
Union. Der Antiamerikanismus sitzt seit jeher
tief im Bewusstsein der Griechen. Amerika ist in den Augen
vieler Griechen Schuld an allem Unglück der Welt. Die Europäische
Union wird aufgrund des Lissabon Prozesses von den Befürwortern
der Bildungsreform als treibende Kraft für die Privatisierung des
Bildungssystems heran gezogen. Dementsprechend waren auf der Demonstration
auch viele antimamerikanische und antieuropäische Parolen zu hören.
Graffitis an den Häuserwänden bezeugten den Hass der Studenten gegen
die Journalisten. Denn fast die gesamte Presse berichtet in den
Augen der Studenten mehr oder weniger einseitig über die Demonstrationen.
Vor allem die üblichen Begleiterscheinungen, wie Sachbeschädigung
oder anderweitiger Exzesse autonomer Gruppen, werden in den Augen
der Demonstranten zu sehr hervorgehoben. Die Griechen neigen generell
zu Misstrauen gegenüber den
Medien.
Vertrauen ist gut, Misstrauen ist griechisch
Das Ausbleiben größerer Krawalle wertet die griechische
Polizei als Erfolg und Rechtfertigung ihrer Maßnahmen. Darüber hinaus
sieht sich die Regierung in ihrem Vorhaben, das akademische Asyl
einzuschränken, bestätigt. Die Studenten und Professoren ihrerseits
vermuten zivile Einsatzkräfte als Hintermänner der bisher
stets stattfindenden Krawalle. Weil die führende Oppositionspartei
Griechenland, die bis 2004 regierende PASOK, meist zaghaft wirkt
und für eine Verfassungsänderung am Artikel 16 eine Zweidrittelmehrheit
der Stimmen im Parlament erforderlich ist, vermuten die Gegner der
Verfassungsänderung hinter der Selbstsicherheit der Regierung, die
nicht über genügend Stimmen verfügt, eine verdeckte große Koalition.
Sowohl Regierung als auch Streikende versteifen sich mehr und mehr
auf ihre Positionen. Beide Seiten misstrauen einander und versuchen
im Windschatten des vorgeblichen Streitthemas, der Bildungsreform,
möglichst viele weitere Forderungen durchzusetzen. Dabei ist es
gerade diese Taktik, die das Misstrauen der jeweils anderen Seite
verstärkt. Anstatt über Lösungen für die völlig ineffizienten Bildungseinrichtungen
des Landes zu diskutieren, versuchen alle beteiligten Untergruppen
der Kontrahenten auf dem Rücken der Studenten ihre politischen Positionen
zu profilieren. Ein Verlierer steht jetzt schon fest, die Wettbewerbsfähigkeit
Griechenlands sinkt immer mehr. Dadurch wird die Kluft zwischen
den ärmeren und den wohlhabenden Bevölkerungsschichten größer. Das
bereits jetzt nur noch als Makulatur bestehende System der freien
Bildung wird, wenn sich im Hinblick auf die Sekundarstufenausbildung
und die Nachhilfeunterrichtsindustrie keine Änderung ergibt, weite
Bevölkerungsteile von der akademischen Ausbildung fern halten. Fragt
sich, ob den protestierenden Studenten bewusst ist, dass sie zwar
an staatlichen Instituten unterrichtet werden, die Ausbildung aber
jetzt schon an privaten Instituten erhalten. Schließlich ist bemerkenswert,
dass die Staatsanwaltschaft prüft,
wie viele der angeblich streikenden Professoren, gedeckt durch die
akademische Selbstverwaltung, weiter ihr volles Gehalt kassieren.
Wer sich nun fragt, was die Universitätsabsolventen machen, die
nicht in den Staatsdienst eintreten konnten und nicht in der Industrie
arbeiten, dem sei gesagt, dass sie Nachhilfestunden geben.
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