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Einfach ins
Meer geworfen
Der mörderische Umgang mit Flüchtlingen
gehört im EU-Mitgliedsland Griechenland zum Standard der Grenzsicherung
Heike Schrader, Athen
Mindestens sechs Menschen sind in einer Meerenge zwischen der Türkei und Griechenland
ertrunken. Sie mußten sterben, weil Beamte der griechischen Küstenwache
sich Anfang der Woche entschieden, rund 40 Menschen, die sie vor
der Insel Chios aufgegriffen hatten, ins Meer zu werfen. Es war
eine tödliche Abschreckung, die inzwischen auch das UN-Flüchtlingshilfswerk
UNHCR zu Ermittlungen bewogen hat. Nach Angaben des UNHCR-Sprechers
Metin Corabatir sollen im Rahmen der Nachforschungen auch die Überlebenden
der Tragödie befragt werden.
Dies scheint auch notwendig, denn sowohl Griechenland wie auch die
Türkei nutzen den Zwischenfall vor allem politisch, indem sie der
jeweiligen Gegenseite die Schuld zuschieben. Nach Angaben des Kommandeurs
der türkischen Küstenwache, Can Erenoglu, ist
dies kein Einzellfall. Gegenüber der Nachrichtenagentur AP erklärte
der Konteradmiral, seine Offiziere hätten schon zuvor zwei Fälle
gemeldet, bei denen die griechische Küstenwache Flüchtlinge auf
See ausgesetzt habe. Der erste entsprechende Bericht
stamme aus dem Jahr 2004, der andere vom Mai dieses Jahres.
Die Antwort aus Athen kam umgehend: Die Türkei halte sich nicht
an ein Abkommen, das sie dazu verpflichte, illegal aus der Türkei
eingereiste Flüchtlinge wieder aufzunehmen. In den vergangenen vier
Jahren habe Griechenland 22000 Rückführungsanträge gestellt, »und
nur 1400 wurden angenommen«, sagte Außenamtssprecher Giorgos Koumoutsakos
am Donnerstag. Auch die Küstenwache wies die Vorwürfe kategorisch
zurück: »Für das Marineministerium gilt das Recht auf Leben gleichermaßen
für alle Menschen«.
Die Vorwürfe kommen aber nicht nur aus der Türkei. Auch
Bewohner der vor der türkischen Küste gelegenen griechischen Inseln
bezeugen seit Jahren, daß die griechische Wasserpolizei Schiffe
und Boote daran hindert, ihre Hoheitsgewässer zu erreichen.
Selbst völlig überladene Schlauchboote würden
bei schwerem Wetter zur Umkehr in die Türkei gezwungen. Im
April 2005 hatten die Bewohner der Insel Chios
durch Proteste eine solche Aktion verhindert. Fischer hatten das
schon dicht an die Küste gelangte Boot sowie die Manöver der Wasserpolizei
bemerkt.
Andere Flüchtlinge kommen beim Durchqueren der Minenfelder an
der Nordgrenze Griechenland ums Leben. Obwohl die Regierung in Athen
gesetzlich verpflichtet ist, diese Minenfelder,
die noch aus dem Konflikt mit der Türkei stammen, abzubauen, ist
dies bis heute nicht geschehen. Nach Angaben der
Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" starben seit 1994
mindestens 55 Menschen durch diese Minen, mindestens 46 wurden verletzt.
In der öffentlichen Diskussion stehen jedoch nicht nur in Griechenland
weder die Flüchtlinge noch ihre Fluchtgründe im Zentrum, sondern
die Abschottung der EU-Grenzen. Ein Ring aus »sicheren Drittstaaten«
ermöglicht der EU seit Jahren die rücksichtslose Abschiebung von
Migranten. Auffanglager in Nordafrika verhindern, daß die Menschen
nach Europa gelangen.
Tatsache bleibt, daß nach übereinstimmenden Angaben von Flüchtlingsorganisationen
seit 1992 mindestens 10000 Menschen auf der Flucht aus ihrer Heimat
im Mittelmeer ertrunken sind. Weitere wurden Opfer der illegalen
Verminung der griechischen Nordgrenze. Die Empörung darüber ist gering.
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