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Neue Folge - analyse & kritik - Zeitung für
linke Debatte und Praxis / Nr. 427 / 10.6.1999
50 Jahre NATO - das Beispiel Griechenland
Griechenland trat
der NATO im Februar 1952 bei - drei Jahre nach ihrer Gründung und
gleichzeitig mit der Türkei. Die innenpolitische Auseinandersetzung
stand noch im Zeichen des 1949 beendeten Bürgerkrieges. Die Terrorisierung
der linken Kräfte nahm kein Ende.
Kurz nach Griechenlands
NATO-Beitritt stand der Kommunist N. Belogiannis
zum zweiten Mal vor dem Militärgericht. Er wurde als Sowjet-Spion
zum Tode verurteilt und schließlich hingerichtet. Das politische
Geschehen im Lande wurde maßgeblich bestimmt von der Armee (geleitet
von der paramilitärischen Organisation IDEA), dem militärischen
Geheimdienst KYP (direkt der CIA untergeordnet), der Polizei, der
Miliz TEA und besonderen Terrorgruppen, die bei Wahlkämpfen eingesetzt
wurden.
Trotz Verfolgung
formierte sich die linke Bewegung und nahm als EDA (Vereinigte Demokratische
Linke) an den Parlamentswahlen teil. Es reichte, die Zeitung dieser
Partei, Avgi , zu lesen, um als Kommunist abgestempelt und bespitzelt
zu werden. Die Repressionsmaßnahmen setzten bei dem "Gesinnungszeugnis"
an, das u.a. für die Ausstellung des Reisepasses
oder die Arbeitsplatzsuche unentbehrlich war. Sie reichten bis zur
Einweisung in ein Internierungslager ohne Gerichtsurteil.
Viele Inseln wie
Makronissos , Lesbos und Ai-Stratis
sind in Griechenland ein Begriff für Verbannung und Folterung der
Linken. Die Insel Jaros ist als das Konzentrationslager
für Linke in die griechische Geschichte eingegangen. Dieses KZ-ähnliche
Lager wurde erst nach dem Fall der griechischen Diktatur 1974 endgültig
geschlossen.
Im Mai 1963 wurde
nach einer Versammlung der Friedensbewegung in Thessaloniki der
populäre EDA-Abgeordnete und Friedensmarathonläufer Grigoris Lambrakis
auf offener Straße niedergeschlagen und danach von einem Lastwagen
überfahren. Ein politischer Mord - geplant von der Polizei, durchgeführt
von faschistischen Banden. Bei den Wahlen vom Februar 1963 gewann
die Partei der Zentrumsunion (EK) die absolute Mehrheit. Ihre Regierung
versuchte innerhalb der Grenzen der westlichen "Demokratie"
das politische Leben in Griechenland zu reformieren. Die USA, die
Armee und der König sahen ihre Interessen dadurch gefährdet. Durch
Intrigen der Rechten und des Palastes wurde die Regierung gestürzt.
Eine Welle von Demonstrationen und Kundgebungen für mehr Rechte
und Demokratie erschütterte das Land. Die Polizei verletzte bei
diesen Kundgebungen Hunderte von Menschen und provozierte weiteren
Widerstand der Linken. Im Juli 1965 wurde das führende Mitglied
der linken Lambrakis-Jugend von der Polizei
ermordet.
Am 21. April 1967
- einen Monat vor den Neuwahlen, bei denen die Zentrumsunion wahrscheinlich
wieder die Mehrheit erhalten hätte - ergriff eine Junta von Obristen
die Macht. Die "Revolution vom 21. April", wie die Militärs
ihren Putsch nannten, wurde nach dem NATO-Plan "Prometheus"
durchgeführt, der zur "Abwehr einer kommunistischen Aggression"
ausgearbeitet worden war.
Am 17. November
1973 rollten wieder die Panzer in Athen und ertränkten den Aufstand
der Studenten, die das Polytechnikum drei Tage besetzt gehalten
hatten, in Blut. Hauptparole der Studenten war: "Brot, Bildung,
Freiheit". Im Juli 1974 putschte die griechische Junta unter
Führung der Militärpolizei in Zypern gegen Erzbischof Makarios.
Fünf Tage später begann der NATO-Staat Türkei mit der längst vorbereiteten
Invasion in Zypern und der Vertreibung der griechisch-zypriotischen
Bevölkerung aus dem Nordteil der Insel. Die Gefahr eines Krieges
zwischen den beiden NATO-Partnern rückte in greifbare Nähe. Daß es nicht dazu kam, liegt nicht daran, daß etwa die NATO interveniert hätte. Vielmehr verweigerten
Offiziere der griechischen Armee der Junta die Gefolgschaft. Die
Diktatur brach zusammen, und der ehemalige Ministerpräsident und
Schützling der USA, Karamanlis, wurde aus dem Exil zurückgerufen
und mit der Bildung einer Zivilregierung beauftragt.
Eine Demokratisierung des Militärapparates hat jedoch nicht stattgefunden.
Die Träger der Diktatur genießen bis heute Straffreiheit - abgesehen
von 19 Personen, die unmittelbar am Putsch vom 21. April 1967 beteiligt
waren bzw. denen Folterungen in der Zeit danach nachgewiesen werden
konnten.
Im November 1974 gewann Karamanlis die ersten "freien"
Wahlen nach der Diktatur unter dem Motto "Karamanlis oder die
Panzer". Im Oktober 1981 fand der "Wechsel" statt.
Die Wahlen brachten die PASOK (Panhellenische Sozialistische Bewegung)
von Andreas Papandreou an die Macht. Eines der Hauptwahlversprechen
von PASOK war der Austritt Griechenlands aus der NATO und das Schließen
der NATO-Militärbasen in Griechenland.
Kaum an der Regierung,
unterschrieb die PASOK einen neuen Vertrag, der den Verbleib der
US-amerikanischen und NATO-Militärbasen in Griechenland sicherte
und damit die weitere Mitgliedschaft Griechenlands in der NATO.
Alle diese Jahre wurde die Feindschaft zwischen den NATO-Mitgliedsländern
Griechenland und Türkei aufrechterhalten. Die Scharmützel in der
Ägäis sind Bestandteil des Lebens beider Völker geworden. Die gegenseitige
militärische Aufrüstung der "Partner" läuft auf Hochtouren
und füllt die Kassen der Rüstungsindustrie.
Gegenwärtig macht
die Regierung mitbei den Plänen der NATO,
Jugoslawien zu zerstückeln - trotz der eindeutigen Meinung in der
griechischen Bevölkerung:
Nach einer Umfrage
sind 96% der Griechinnen und Griechen gegen diesen Krieg. Schon
seit langem hat die Regierung Hafen und Flughafen von Thessaloniki
den Angriffskräften der NATO zur Verfügung gestellt. Ein Sturm von
Demonstrationen und Kundgebungen - vor der US-Botschaft, NATO- und
Eu-Einrichtungen -, Konzerten sowie Arbeitsniederlegungen aus Protest
gegen diese Politik hält immer noch an.
Schon gleich nach
Beginn der Demonstrationen wurde mit einem Beschluß
des höchsten griechischen Gerichts Arios
Pagos das Demonstrationsrecht verschärft.
Ministerpräsident Simitis aber hat die
Parole ausgegeben "Erst die Interessen Griechenlands"
(zum Glück nicht "Griechenland über alles") und unterschreibt
alle Resolutionen der NATO ohne besonderen Widerstand. Das ist die
Demokratie, die die NATO verteidigen möchte. Das ist die Demokratie,
die die NATO anderen Ländern aufzwingen will. Übrigens: Der Begriff
"Demokratie" wurde von den alten Athenern eingeführt,
als sie über 200.000 Sklaven hielten.
Kostas , Hamburg
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