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Konkret 05/75, S. 41  

Mikis Theodorakis

Rot + realistisch

Mikis Theodorakis, griechischer Komponist, Politiker und Widerstandskämpfer, bis 1970 prominentester Häftling der Athener Junta, kehrte nach dem Machtwechsel vom 24. Juli 1974 in seine Heimat Griechenland zurück. Die von ihm mitgegründete "Vereinigte Linke" konnte sich bei den Wahlen vom 17. November 1974 nicht durchsetzen. Anfang dieses Jahres verließ Theodorakis Griechenland wieder - ein Entschluß , hinter dem mehr steckte als nur die Zusage für eine mehrmonatige Konzerttournee durch Europa. KONKRET fragte Theodorakis nach seinen Erfahrungen, politischen Motiven und Perspektiven.

KONKRET: Aimilios Sachareas von der griechischen KP hat über Sie geschrieben: "Mit den schier unerschöpflichen Kräften, über die er verfügt, könnte und müßte Mikis Theodorakis auf politischer wie kultureller Ebene ein dauerhaftes Bündnis der griechischen marxistischen Linken erreichen, wenn er sich bestimmte Mechanismen und Probleme ernsthaft vor Augen hält."  

THEODORAKIS: Ich persönlich halte die Einheit aller marxistischen Kräfte im Augenblick für das dringlichste Ziel in Griechenland. Tatsächlich aber wird gerade das hauptsächlich durch jene beiden "Mechanismen" verhindert, die. die beiden Kommunistischen Parteien darstellen und die sich gegenseitig bis aufs Messer bekämpfen. Allerdings haben mittlerweile die meisten Kader innerhalb beider Parteien begriffen, daß dieser Zwiespalt, für den sich bislang noch keine Lösung abzeichnet, die gesamte linke Bewegung und das ganze werktätige griechische Volk in tiefste Ausweglosigkeit führt. Davon profitieren natürlich die reaktionären Kräfte. Ich gehe jetzt wieder nach Griechenland zurück, nachdem ich mich mit allen Mitteln für die Einheit eingesetzt habe, nachdem ich innerhalb der "Vereinigten Linken" für das gemeinsame Vorgehen aller linken Kräfte zumindest auf der Grundlage eines gemeinsamen Minimal-Aktionsprogramms eingetreten bin. Mein Hauptanliegen war und ist, zu dieser Einheitsfront, auf welcher Ebene auch immer, beizutragen; und zwar ohne irgendwelche Privilegien, denn das wäre unrealistisch. Wir alle sind Genossen in der Bewegung, und was immer in der Bewegung geschieht, geht uns alle an.
Ich kehre jetzt nach Griechenland zurück; mit der entschlossenen Position, so zu handeln und zu diskutieren, als gäbe es die Spaltung nicht, sondern als stünden wir vor dem Beginn einer neuen geschlossenen Bewegung. Damit will ich sagen, wir dürfen über den politischideologischen Differenzen nicht vergessen, daß wir vor dem Neuaufbau unseres Landes stehen. Wir müssen lernen, alle Genossen, die sich ernsthaft mit ideologischen Problemen und Zweifeln auseinandersetzen, auch als Genossen zu achten und zu behandeln, das heißt als Träger einer Bewegung, die dank ihnen zumindest in ideologisch-geistiger Hinsicht die erste Rolle bei der Neugestaltung des griechischen Lebens spielt.

KONKRET: Sie sagen immer, erstes und konkretes Ziel Ihres politischen Engagements sei die Einheit aller fortschrittlichen Kräfte Griechenlands gegen den geschlossenen Block der Rechten. Widerspricht die Aufspaltung dieser Kräfte in viele "neue linke" Gruppen nicht dieser erklärten Absicht?

THEODORAKIS: Die "Neue Griechische Linke" war im wesentlichen eine Exil-Bewegung, die den Ehrgeiz hatte, zur Problematisierung bestimmter politischer Grundfragen beizutragen, sowohl im internationalen Rahmen wie auch speziell auf die griechische Linke bezogen. Die Art der Befreiung Griechenlands machte die Fortführung dieser Organisation als Organisation in Griechenland selbst jedoch unmöglich, wir hatten keine Gelegenheit, die notwendige Massenbasis dafür aufzubauen. Deswegen fand ich persönlich ja auch, daß die weitere Fortführung einer Organisation, die sich "Neue Griechische Linke" nennt, nichts anderes darstellen würde, als eine weitere Zersplitterung, die die Verwirrung in den Reihen der Linken verstärken würde. Die "Neue Griechische Linke" war mehr eine theoretische Bewegung mit einer bestimmten ideologischen Ausrichtung. Sie sollte nicht durch eigenständigen Kampf, sondern durch ihre Mitglieder, die nicht durch fanatischen Dogmatismus und quasi-religiöse Leidenschaft geprägt sind, dazu beitragen, die Auseinandersetzung auf ein Niveau freier Diskussionen und ungehinderten Ideenaustausches zu bringen - immer mit dem Ziel der Einheit aller antifaschistischen, fortschrittlichen, marxistischen und kommunistischen Kräfte und Gruppen in unserem Land. Ich habe den Eindruck, daß das Wahlergebnis die beiden kommunistischen Parteiapparate sehr belastet und ihre Mitglieder dazu gebracht hat, die Probleme neu zu überdenken. Sie sind gezwungen, auf den Druck von der Basis zu reagieren, der aus ihrer ausweglosen Politik resultiert. Erstes Ergebnis ist der Versuch der Sammlung aller linken Kräfte, die nicht zu den beiden Parteien gehören, in der EDA (Vereinigte Demokratische Linke). Ich weiß nicht, wie sich diese Bewegung zukünftig entwickeln wird, aber sie interessiert mich sehr und ich würde mich ihr anschließen, wenn ich sicher sein könnte, daß nicht doch eine der beiden KPs dahintersteht . Was finden wir denn augenblicklich in Griechenland konkret an politischen Organisationen vor? Da ist die Rechte, repräsentiert durch die "Neue Demokratie" von Karamanlis, die Mitte, gespalten in die "Zentrumsunion - Neue Kräfte" von Mavros und den Linksflügel, die "PASOK" (Panhellenische Sozialistische Bewegung) von Andreas Papandreou. In diesem Rahmen bewegen sich unsere Auseinandersetzungen und Differenzen. Das heißt aber, wir arbeiten für ein Land, das außerhalb Griechenlands liegt. Denn Griechenland wird heute von den werktätigen Klassen getragen, die einen einheitlichen politischen Ausdruck brauchen. Wenn wir ihn ihnen nicht geben, wer sonst? Alle diese Querelen zeigen, ich würde sagen, zumindest Egoismus und Taubheit gegenüber dem Drama eines Volkes, das bis zur Stunde ohne eigene Organisation oder Partei ist. Denn die Tatsache, daß es zwei KPs und vier oder fünf andere kommunistische Organisationen gibt, ist dasselbe, als gäbe es keine Organisation. Das Volk ist nicht gespalten, es hat gemeinsame Probleme.

KONKRET: Sie sprachen kürzlich von der veränderten Situation in Griechenland, die Sie dazu bewogen habe, nach der ersten Berührung mit dieser veränderten Realität ins Ausland zu gehen. Worin genau besteht diese Veränderung und wieso bringt sie Sie dazu, das Land zu verlassen?

THEODORAKIS: Die Herrschaft der Junta in den letzten siebeneinhalb Jahren hat in Griechenland tiefgreifende Veränderungen mit sich gebracht, die sich auf alle Erscheinungen des nationalen Lebens erstrecken. Die Veränderungen, die stattgefunden haben, sind vor allem gesellschaftlicher Art. Für die ökonomische Entwicklung Griechenlands waren diese Jahre unter der Junta sicher eine äußerst kritische Phase. Griechenland steht heute im Begriff, sich fast ohne Übergang von einem Agrarstaat zu einem Industriestaat zu wandeln. Das hat ungeheure politisch-gesellschaftliche Folgen, etwa das Entstehen neuer Klassen und neuer Unterdrückungen. Das bringt aber niemand zur Sprache. Denn die Kräfte, die sich in Griechenland etabliert haben, orientieren sich an der Vergangenheit. Trotz der neuen Wirklichkeiten läuft alles den alten gewohnten Trott weiter. Die stattgefundene Veränderung muß aber im größeren historischen Rahmen gesehen werden, nicht nur im Hinblick auf kurzfristige tagespolitische Faktoren. Die bedingungslose und allgemeine Ablehnung der Junta durch das griechische Volk, der ökonomische, politische, nationale und gesellschaftliche Bankrott der siebenjährigen Juntapolitik haben die nationale Unabhängigkeit zu einer Forderung der Massen werden lassen. Die Politiker jedoch haben, hinter ihren Parteiapparaten manipulierend, alles daran gesetzt, Verwirrung zu stiften und für sich selbst den größten Teil des Kuchens zu ergattern; wie Piraten haben sie sich auf die Politik gestürzt, um Beute zu machen. In diesem Klima politischer Piraterie war für mich kein Platz.

KONKRET: Wollen Sie jetzt mit Konzerten im Ausland griechische Politik machen?  

THEODORAKIS: Ich habe, glaube ich, zur Genüge bewiesen, daß meine Musik dem griechischen Volk gilt; wie ich ohnehin glaube, daß jedes wirkliche Kunstwerk immer eine konkrete ideologische und politische Wirklichkeit ausdrückt. Mein Werk ist vorbehaltlos den Kämpfen des griechischen Volkes gewidmet. Die Beziehungen der Völker untereinander lassen sie ihre Kämpfe und ihre Kultur besser begreifen. Kultur ist ein unerläßliches Mittel zur Solidarität der Völker. In den Zeiten der Diktatur hat z. B. die internationale Solidarität in Europa eine wesentliche Rolle für uns gespielt. Und es war nicht nur so, daß das deutsche Volk dem griechischen geholfen hat, sondern das griechische Volk war auf seine Art auch dem deutschen hilfreich. So etwas ist notwendig. Ideen und Meinungen, Erscheinungsformen der Politik und Kultur müssen im freien Austausch bleiben. So betrachtet, haben meine Konzerte hier politischen Charakter.

KONKRET: In Ihren "Liedern für Andreas" heißt es an einer Stelle: " . .. sie haben dich oft belogen, sie belügen dich heute und werden dich auch weiter belügen." Wird jetzt in Griechenland immer noch gelogen?

THEODORAKIS: Karamanlis sagt heute die Wahrheit. Andere belügen das Volk. Karamanlis war ein Repräsentant der Rechten und mag auch heute noch eine Rolle in der Bourgeoisie spielen. Aber die Menschen ändern sich, und die bürgerlichen Politiker haben heute ihre Lektion aus der jüngsten Geschichte gut gelernt. Sie haben begriffen, daß sie vom Terror einer Junta-Diktatur selbst betroffen werden. Ich sehe, daß zwischen der Rechten und dem Zentrum, zwischen dem Lager der bürgerlichen Politiker also und der Junta eine tödliche Feindschaft herrscht. Die politische Führung der Bourgeoisie, die aus Angst vor dem Kommunismus alles getan hat, um die Amerikaner ins Land zu holen, mußte erfahren, daß die Amerikaner sich ihrer wie Versuchskarnickel bedient haben. Das hat ihnen die Augen geöffnet und sie haben die Amerikaner rausgeworfen. Es gibt heute einen Widerspruch zwischen dem neuen Nationalismus der bürgerlichen Klasse und dem amerikanischen Imperialismus. Die Bourgeoisie kämpft heute an zwei Fronten: gegen die Amerikaner und gegen die Junta. Das sind heute auch die Fronten des Volkes. Wir haben also augenblicklich eine gemeinsame Marschroute. Das heißt nicht, daß unsere Interessen identisch sind. Auf diesem gemeinsamen Marsch können durchaus neue, vor allem Klassenwidersprüche auftreten. Sie müssen aber hinter dem augenblicklich wichtigsten Ziel zurückstehen: der nationalen Unabhängigkeit und der Demokratie. Karamanlis hat keinen Grund, das Volk zu belügen. Er will das Land von den Resten der Militärjunta befreien und es auf den Weg der Unabhängigkeit führen, der vielleicht auf das Modell der westeuropäischen Staaten und ihren Grad der Unabhängigkeit hinausläuft. Denn die totale Neutralität Griechenlands dürfte nur sehr schwer zu bewerkstelligen sein. Mit anderen Worten: die anderen belügen das griechische Volk; diejenigen, die behaupten, Karamanlis sei auf Beschluß der Amerikaner und mit ihrer Erlaubnis nach Griechenland zurückgekehrt, er setze den Staatsstreich fort und habe ein Techtelmechtel mit der Junta, er werde die Schuldigen nicht bestrafen usw. In Wirklichkeit hat er dem Land bis heute drei gewaltige Erfolge beschert, die bislang keine einzige Regierung oder Organisation vor ihm geschafft hat: den Austritt Griechenlands aus der NATO, die Legalisierung der Kommunistischen Partei und der endgültige Rauswurf des Hofes, der schon immer das größte Übel im Land war. Karamanlis muß daher zwangsläufig zur Zielscheibe aller reaktionären Kräfte werden, und es ist eine völlig lächerliche und blinde Politik, ihn in diesem Augenblick mit dem alten blinden Fanatismus zu bekämpfen.

KONKRET: Ist es nicht so, daß Karamanlis seine schützende Hand über die härtesten Killer und Folterer, den Kern der Faschistentruppe von Ioannidis hält? Gesetzesvorlagen zur Säuberung der Armee hat er verhindert, warnende Informationen über Putschpläne seiner "Schützlinge" hat er ignoriert und gar nicht erst weitergeleitet. Für den jüngsten Putschversuch ist er zumindest indirekt mitverantwortlich.

THEODORAKIS: Das ist falsch. Karamanlis kam ja nicht durch eine Volksrevolution an die Macht. Er kann sich auf kein Volksheer und keine Volksmiliz stützen. Er hat die, die ihn gewählt haben. Wer auch immer in diesem Augenblick in Griechenland an der Regierung wäre, stünde er auch noch so weit links, ein Kommunist von mir aus, was sollte er anders machen? Jemand, der keine organisierten Massen hinter sich hat, sondern das Militär mit dem Militär und die Polizei mit der Polizei schlagen muß . Er kann nichts anderes tun, als allmählich und methodisch so viele Kader wie nur möglich auf seine Seite zu bringen. Wenn von hundert neunzig auf seiner Seite stehen, ist es einfach, die restlichen zehn zu schlagen. Umgekehrt sieht das schon anders aus. Und so verhält es sich im Falle Karamanlis. Karamanlis fand eine Armee vor, in der nur zehn von Hundert auf seiner Seite waren. Jetzt macht er langsam aber sicher aus den zehn zwanzig und aus den zwanzig dreißig, bis zumindest eine Gewinnchance besteht. Er geht vorsichtig vor. Auch Ioannidis nahm er nicht sofort fest, sondern wartete, bis er sicher sein konnte, daß die Richter ihn auch verurteilen, die Offiziere ihn auch verhaften und die Polizisten ihn auch bewachen würden. Als ich im Gefängnis war, der Kommunist Theodorakis, gab es spätestens vom dritten Tag an Wärter, die zu mir hielten. Ioannidis aber könnte sie alle auf seine Seite bringen. Er war sieben Jahre lang der Chef des Ganzen. Das gleiche gilt für Theophilojannakos (einer der Oberfolterer der Militärpolizei und Mitbeteiligter an dem jüngsten Putsch). In dem Moment, wo er zuschlagen wollte, konnte man ihn fassen. Das ist jetzt passiert. Vor zwei Monaten wäre das nicht möglich gewesen. Als Kommunist und Mitglied der Vereinigten Linken behaupte ich, daß ein wirklicher Politiker, ein bürgerlicher Politiker wie Karamanlis im Augenblick eine größere Rolle für die Interessen der Arbeiterklasse spielen kann als jeder andere.