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Europäisches Sozialforum in Athen 2006
MAIL
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Konkret 05/75,
S. 41
Mikis Theodorakis
Rot
+ realistisch
Mikis Theodorakis, griechischer Komponist, Politiker und
Widerstandskämpfer, bis 1970 prominentester Häftling der Athener
Junta, kehrte nach dem Machtwechsel vom 24. Juli 1974 in seine Heimat
Griechenland zurück. Die von ihm mitgegründete
"Vereinigte Linke" konnte sich bei den Wahlen vom 17. November
1974 nicht durchsetzen. Anfang dieses Jahres verließ Theodorakis
Griechenland wieder - ein Entschluß , hinter
dem mehr steckte als nur die Zusage für eine mehrmonatige Konzerttournee
durch Europa. KONKRET fragte Theodorakis nach seinen Erfahrungen,
politischen Motiven und Perspektiven.
KONKRET:
Aimilios Sachareas von der griechischen
KP hat über Sie geschrieben: "Mit den schier unerschöpflichen Kräften,
über die er verfügt, könnte und müßte
Mikis Theodorakis auf politischer wie kultureller Ebene ein
dauerhaftes Bündnis der griechischen marxistischen Linken erreichen,
wenn er sich bestimmte Mechanismen und Probleme ernsthaft vor Augen
hält."
THEODORAKIS:
Ich persönlich halte die Einheit aller marxistischen Kräfte im Augenblick
für das dringlichste Ziel in Griechenland. Tatsächlich aber wird
gerade das hauptsächlich durch jene beiden "Mechanismen" verhindert,
die. die beiden Kommunistischen Parteien darstellen und die sich
gegenseitig bis aufs Messer bekämpfen. Allerdings haben mittlerweile
die meisten Kader innerhalb beider Parteien begriffen, daß dieser Zwiespalt, für den sich bislang noch keine Lösung
abzeichnet, die gesamte linke Bewegung und das ganze werktätige
griechische Volk in tiefste Ausweglosigkeit führt. Davon profitieren
natürlich die reaktionären Kräfte. Ich gehe jetzt wieder nach Griechenland zurück, nachdem ich
mich mit allen Mitteln für die Einheit eingesetzt habe, nachdem
ich innerhalb der "Vereinigten Linken" für das gemeinsame Vorgehen
aller linken Kräfte zumindest auf der Grundlage eines gemeinsamen
Minimal-Aktionsprogramms eingetreten bin. Mein Hauptanliegen war
und ist, zu dieser Einheitsfront, auf welcher Ebene auch immer,
beizutragen; und zwar ohne irgendwelche Privilegien, denn das wäre
unrealistisch. Wir alle sind Genossen in der Bewegung, und was immer
in der Bewegung geschieht, geht uns alle an.
Ich kehre jetzt nach Griechenland zurück; mit der entschlossenen
Position, so zu handeln und zu diskutieren, als gäbe es die Spaltung
nicht, sondern als stünden wir vor dem Beginn einer neuen geschlossenen
Bewegung. Damit will ich sagen, wir dürfen über den politischideologischen
Differenzen nicht vergessen, daß wir vor dem Neuaufbau unseres Landes stehen. Wir müssen
lernen, alle Genossen, die sich ernsthaft mit ideologischen Problemen
und Zweifeln auseinandersetzen, auch als Genossen zu achten und
zu behandeln, das heißt als Träger einer Bewegung, die dank ihnen
zumindest in ideologisch-geistiger Hinsicht die erste Rolle bei
der Neugestaltung des griechischen Lebens spielt.
KONKRET:
Sie sagen immer, erstes und
konkretes Ziel Ihres politischen Engagements sei die Einheit aller
fortschrittlichen Kräfte Griechenlands gegen den geschlossenen Block
der Rechten. Widerspricht die Aufspaltung dieser Kräfte in viele
"neue linke" Gruppen nicht dieser erklärten Absicht?
THEODORAKIS: Die
"Neue Griechische Linke" war im wesentlichen eine Exil-Bewegung,
die den Ehrgeiz hatte, zur Problematisierung bestimmter politischer
Grundfragen beizutragen, sowohl im internationalen Rahmen wie auch
speziell auf die griechische Linke bezogen. Die Art der Befreiung
Griechenlands machte die Fortführung dieser Organisation als Organisation
in Griechenland selbst jedoch unmöglich, wir hatten keine Gelegenheit,
die notwendige Massenbasis dafür aufzubauen. Deswegen fand ich persönlich
ja auch, daß die weitere Fortführung einer
Organisation, die sich "Neue Griechische Linke" nennt, nichts
anderes darstellen würde, als eine weitere Zersplitterung, die die
Verwirrung in den Reihen der Linken verstärken würde. Die "Neue
Griechische Linke" war mehr eine theoretische Bewegung mit
einer bestimmten ideologischen Ausrichtung. Sie sollte nicht durch
eigenständigen Kampf, sondern durch ihre Mitglieder, die nicht durch
fanatischen Dogmatismus und quasi-religiöse Leidenschaft geprägt
sind, dazu beitragen, die Auseinandersetzung auf ein Niveau freier
Diskussionen und ungehinderten Ideenaustausches zu bringen - immer
mit dem Ziel der Einheit aller antifaschistischen, fortschrittlichen,
marxistischen und kommunistischen Kräfte und Gruppen in unserem
Land. Ich habe den Eindruck, daß das Wahlergebnis
die beiden kommunistischen Parteiapparate sehr belastet und ihre
Mitglieder dazu gebracht hat, die Probleme neu zu überdenken. Sie
sind gezwungen, auf den Druck von der Basis zu reagieren, der aus
ihrer ausweglosen Politik resultiert. Erstes Ergebnis ist der Versuch
der Sammlung aller linken Kräfte, die nicht zu den beiden Parteien
gehören, in der EDA (Vereinigte Demokratische Linke). Ich weiß nicht,
wie sich diese Bewegung zukünftig entwickeln wird, aber sie interessiert
mich sehr und ich würde mich ihr anschließen, wenn ich sicher sein
könnte, daß nicht doch eine der beiden KPs
dahintersteht . Was finden wir denn augenblicklich
in Griechenland konkret an politischen Organisationen vor? Da ist die Rechte, repräsentiert durch die "Neue Demokratie"
von Karamanlis, die Mitte, gespalten in die "Zentrumsunion - Neue
Kräfte" von Mavros und den Linksflügel, die "PASOK" (Panhellenische
Sozialistische Bewegung) von Andreas Papandreou. In diesem Rahmen
bewegen sich unsere Auseinandersetzungen und Differenzen. Das heißt
aber, wir arbeiten für ein Land, das außerhalb Griechenlands liegt.
Denn Griechenland wird heute von den werktätigen Klassen getragen,
die einen einheitlichen politischen Ausdruck brauchen. Wenn wir
ihn ihnen nicht geben, wer sonst? Alle diese Querelen zeigen, ich
würde sagen, zumindest Egoismus und Taubheit gegenüber dem Drama
eines Volkes, das bis zur Stunde ohne eigene Organisation oder Partei
ist. Denn die Tatsache, daß es zwei KPs und vier oder fünf andere kommunistische Organisationen
gibt, ist dasselbe, als gäbe es keine Organisation. Das Volk ist
nicht gespalten, es hat gemeinsame Probleme.
KONKRET:
Sie sprachen kürzlich von
der veränderten Situation in Griechenland, die Sie dazu bewogen
habe, nach der ersten Berührung mit dieser veränderten Realität
ins Ausland zu gehen. Worin genau besteht diese Veränderung und
wieso bringt sie Sie dazu, das Land zu verlassen?
THEODORAKIS: Die
Herrschaft der Junta in den letzten siebeneinhalb Jahren hat in
Griechenland tiefgreifende Veränderungen mit sich gebracht, die sich auf
alle Erscheinungen des nationalen Lebens erstrecken. Die Veränderungen,
die stattgefunden haben, sind vor allem gesellschaftlicher Art.
Für die ökonomische Entwicklung Griechenlands waren
diese Jahre unter der Junta sicher eine äußerst kritische Phase.
Griechenland steht heute im Begriff, sich fast ohne Übergang von
einem Agrarstaat zu einem Industriestaat zu wandeln. Das hat ungeheure
politisch-gesellschaftliche Folgen, etwa das Entstehen neuer Klassen
und neuer Unterdrückungen. Das bringt aber niemand zur Sprache.
Denn die Kräfte, die sich in Griechenland etabliert haben, orientieren
sich an der Vergangenheit. Trotz der neuen Wirklichkeiten läuft
alles den alten gewohnten Trott weiter. Die stattgefundene Veränderung
muß aber im größeren historischen Rahmen
gesehen werden, nicht nur im Hinblick auf kurzfristige tagespolitische
Faktoren. Die bedingungslose und allgemeine Ablehnung der Junta
durch das griechische Volk, der ökonomische, politische, nationale
und gesellschaftliche Bankrott der siebenjährigen Juntapolitik
haben die nationale Unabhängigkeit zu einer Forderung der Massen
werden lassen. Die Politiker jedoch haben, hinter ihren Parteiapparaten
manipulierend, alles daran gesetzt, Verwirrung zu stiften und für
sich selbst den größten Teil des Kuchens zu ergattern; wie Piraten
haben sie sich auf die Politik gestürzt, um Beute zu machen. In
diesem Klima politischer Piraterie war für mich kein Platz.
KONKRET:
Wollen Sie jetzt mit Konzerten
im Ausland griechische Politik machen?
THEODORAKIS: Ich
habe, glaube ich, zur Genüge bewiesen, daß
meine Musik dem griechischen Volk gilt; wie ich ohnehin glaube,
daß jedes wirkliche Kunstwerk immer eine
konkrete ideologische und politische Wirklichkeit ausdrückt. Mein
Werk ist vorbehaltlos den Kämpfen des griechischen Volkes gewidmet.
Die Beziehungen der Völker untereinander lassen sie ihre Kämpfe
und ihre Kultur besser begreifen. Kultur ist ein unerläßliches
Mittel zur Solidarität der Völker. In den Zeiten der Diktatur hat
z. B. die internationale Solidarität in Europa eine wesentliche
Rolle für uns gespielt. Und es war nicht nur so, daß
das deutsche Volk dem griechischen geholfen hat, sondern das griechische
Volk war auf seine Art auch dem deutschen hilfreich. So etwas ist
notwendig. Ideen und Meinungen, Erscheinungsformen der Politik und
Kultur müssen im freien Austausch bleiben. So betrachtet, haben
meine Konzerte hier politischen Charakter.
KONKRET:
In Ihren "Liedern für Andreas"
heißt es an einer Stelle: " . .. sie haben
dich oft belogen, sie belügen dich heute und werden dich auch weiter
belügen." Wird jetzt in Griechenland immer noch gelogen?
THEODORAKIS: Karamanlis
sagt heute die Wahrheit. Andere belügen das Volk. Karamanlis war
ein Repräsentant der Rechten und mag auch heute noch eine Rolle
in der Bourgeoisie spielen. Aber die Menschen ändern sich, und die
bürgerlichen Politiker haben heute ihre Lektion aus der jüngsten
Geschichte gut gelernt. Sie haben begriffen, daß sie vom Terror einer Junta-Diktatur
selbst betroffen werden. Ich sehe, daß
zwischen der Rechten und dem Zentrum, zwischen dem Lager der bürgerlichen
Politiker also und der Junta eine tödliche Feindschaft herrscht.
Die politische Führung der Bourgeoisie, die aus Angst vor dem Kommunismus
alles getan hat, um die Amerikaner ins Land zu holen, mußte
erfahren, daß die Amerikaner sich ihrer wie Versuchskarnickel bedient
haben. Das hat ihnen die Augen geöffnet und sie haben die Amerikaner
rausgeworfen. Es gibt heute einen Widerspruch zwischen dem neuen
Nationalismus der bürgerlichen Klasse und dem amerikanischen Imperialismus.
Die Bourgeoisie kämpft heute an zwei Fronten: gegen die Amerikaner
und gegen die Junta. Das sind heute auch die Fronten des Volkes.
Wir haben also augenblicklich eine gemeinsame Marschroute. Das heißt
nicht, daß unsere Interessen identisch
sind. Auf diesem gemeinsamen Marsch können durchaus neue, vor allem
Klassenwidersprüche auftreten. Sie müssen aber hinter dem augenblicklich
wichtigsten Ziel zurückstehen: der nationalen Unabhängigkeit und
der Demokratie. Karamanlis hat keinen Grund, das Volk zu belügen.
Er will das Land von den Resten der Militärjunta befreien und es
auf den Weg der Unabhängigkeit führen, der vielleicht auf das Modell
der westeuropäischen Staaten und ihren Grad der Unabhängigkeit hinausläuft.
Denn die totale Neutralität Griechenlands dürfte nur sehr schwer
zu bewerkstelligen sein. Mit anderen Worten: die anderen belügen das griechische Volk;
diejenigen, die behaupten, Karamanlis sei auf Beschluß
der Amerikaner und mit ihrer Erlaubnis nach Griechenland zurückgekehrt,
er setze den Staatsstreich fort und habe ein Techtelmechtel mit
der Junta, er werde die Schuldigen nicht bestrafen usw. In Wirklichkeit
hat er dem Land bis heute drei gewaltige Erfolge beschert, die bislang
keine einzige Regierung oder Organisation vor ihm geschafft hat:
den Austritt Griechenlands aus der NATO, die Legalisierung der Kommunistischen
Partei und der endgültige Rauswurf des Hofes, der schon immer das
größte Übel im Land war. Karamanlis muß daher zwangsläufig zur Zielscheibe aller reaktionären
Kräfte werden, und es ist eine völlig lächerliche und blinde Politik,
ihn in diesem Augenblick mit dem alten blinden Fanatismus zu bekämpfen.
KONKRET:
Ist es nicht so, daß
Karamanlis seine schützende Hand über die härtesten Killer und Folterer,
den Kern der Faschistentruppe von Ioannidis
hält? Gesetzesvorlagen zur Säuberung der Armee hat er verhindert,
warnende Informationen über Putschpläne seiner "Schützlinge"
hat er ignoriert und gar nicht erst weitergeleitet. Für den jüngsten
Putschversuch ist er zumindest indirekt mitverantwortlich.
THEODORAKIS: Das
ist falsch. Karamanlis kam ja nicht durch eine Volksrevolution an
die Macht. Er kann sich auf kein Volksheer und keine Volksmiliz
stützen. Er hat die, die ihn gewählt haben. Wer auch immer in diesem
Augenblick in Griechenland an der Regierung wäre, stünde er auch
noch so weit links, ein Kommunist von mir aus, was sollte er anders
machen? Jemand, der keine organisierten Massen hinter sich hat,
sondern das Militär mit dem Militär und die Polizei mit der Polizei
schlagen muß . Er kann nichts anderes tun, als allmählich und methodisch
so viele Kader wie nur möglich auf seine Seite zu bringen. Wenn
von hundert neunzig auf seiner Seite stehen, ist es einfach, die
restlichen zehn zu schlagen. Umgekehrt sieht das schon anders aus.
Und so verhält es sich im Falle Karamanlis. Karamanlis fand eine
Armee vor, in der nur zehn von Hundert auf seiner Seite waren. Jetzt
macht er langsam aber sicher aus den zehn zwanzig und aus den zwanzig
dreißig, bis zumindest eine Gewinnchance besteht. Er geht vorsichtig
vor. Auch Ioannidis nahm er nicht sofort
fest, sondern wartete, bis er sicher sein konnte, daß
die Richter ihn auch verurteilen, die Offiziere ihn auch verhaften
und die Polizisten ihn auch bewachen würden. Als ich im Gefängnis
war, der Kommunist Theodorakis, gab es spätestens vom dritten Tag
an Wärter, die zu mir hielten. Ioannidis aber könnte sie alle auf seine Seite bringen. Er
war sieben Jahre lang der Chef des Ganzen. Das gleiche gilt für
Theophilojannakos (einer der Oberfolterer der Militärpolizei
und Mitbeteiligter an dem jüngsten Putsch). In dem Moment, wo er
zuschlagen wollte, konnte man ihn fassen. Das ist jetzt passiert.
Vor zwei Monaten wäre das nicht möglich gewesen. Als Kommunist und
Mitglied der Vereinigten Linken behaupte ich, daß
ein wirklicher Politiker, ein bürgerlicher Politiker wie Karamanlis
im Augenblick eine größere Rolle für die Interessen der Arbeiterklasse
spielen kann als jeder andere.
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