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Junge Welt vom 18.04.2005

Ausland          

Heike Schrader, Athen        

Belastungszeuge mit Widersprüchen       

ELA-Prozeß wieder aufgerollt: Giannis Serefis Beteiligung an Bombenanschlag 1994 vorgeworfen       

In den vergangenen drei Jahrzehnten verbrachte Giannis Serifis etliche Jahre in Untersuchungshaft ohne jemals verurteilt zu werden. Nunmehr steht der bekannte griechische Politaktivist und ehemalige Widerstandskämpfer gegen die Militärdiktatur wegen mutmaßlicher Mitgliedschaft in der Stadtguerillaorganisation "Revolutionärer Volkskampf" (ELA) in Athen vor Gericht. Ende vergangener Woche wurde in diesem zweiten ELA-Prozeß die Beweisaufnahme abgeschlossen. Neben Serifis sitzen in dem seit Anfang Februar laufenden Gerichtsverfahren die bereits zu jeweils 25 Jahren Gefängnis verurteilten Christos Tsigaridas, Irini Athanasaki, Kostas Agapiou und Angeletos Kanas sowie der zuvor freigesprochenen Michalis Kasimis auf der Anklagebank.

Beweise fehlen

Serifis wird die Beteiligung an einem Bombenanschlag des ELA 1994 auf einen Polizeibus im Athener Stadtteil Perissos vorgeworfen, bei dem ein Polizeibeamter ums Leben kam. Für denselben Anschlag waren vier seiner Mitangeklagten schon im vergangenen Oktober verurteilt worden. Zwar hatte das Gericht damals keinerlei Beweise für eine Täterschaft vorlegen können, es folgerte aber aus der unterstellten Mitgliedschaft der Angeklagten im ELA eine Beihilfe zu allen Anschlägen der Organisation.

Die Ereignisse von 1994 wurden nun eigens für den im ersten Prozeß nicht angeklagten Serifis erneut aufgerollt: Mit Hilfe eines Augenzeugen wollte die Anklage diesmal nachweisen, daß der Angeklagte nicht nur am Anschlag beteiligt war, sondern sogar die Bombe gezündet hat. Der Zeuge Andreas Koronaios hatte unmittelbar nach dem Anschlag gegenüber der Polizei von einem etwa 30jährigen Mann berichtet, der mit einem mobiltelefonähnlichen Fernzünder die Bombe zur Explosion gebracht haben soll. Schon damals waren dem Zeugen auch Fotos des - zum Tatzeitpunkt 57jährigen - Giannis Serifis gezeigt worden, den der Zeuge allerdings nicht als den Täter erkannt hatte.

Als sich Koronaios acht Jahre später erneut bei der Polizei meldete, weil er Serifis im Fernsehen nun doch als den Täter von 1994 erkannt haben wollte, wiesen die Beamten den Zeugen zunächst als unglaubwürdig zurück. Erst im Zuge des erneuten Beweisaufnahmeverfahrens für den laufenden Prozeß griff die Staatsanwaltschaft seine Aussage aus dem Jahre 2002 wieder auf. Vor Gericht dann verstrickte sich Koronaios bereits bei den Angaben zur Person in Widersprüche - über seine Berufe und sogar über sein Geburtsdatum. Zudem gab er mal an, mit einem Auto am Tatort gewesen zu sein, mal, mit dem Moped, mal, alleine, mal, zusammen mit einem Albaner. In einer Version seiner Aussagen hatte er dem tödlich verletzten Polizeibeamtem im zerstörten Bus erste Hilfe geleistet, in einer anderen gab er an, der Beamte sei durch die Wucht der Explosion aus dem Bus geschleudert worden. Einen Zeugen, der den einzigen Belastungszeugen überhaupt am Tatort gesehen hat, gibt es nicht.

Kein Ende in Sicht

Sollte das Gericht trotz aller Ungereimtheiten und offensichtlichen Falschaussagen der Version des einzigen Belastungszeugen folgen, droht Giannis Serifis eine lebenslängliche Gefängnisstrafe. Aber auch bei einem Freispruch wäre kein Schlußpunkt unter die Verfolgung des politischen Aktivisten gesetzt. Der nächste Gerichtstermin steht bereits fest. Anfang Dezember soll Serifis wieder auf der Anklagebank sitzen. Die Staatsanwaltschaft hat gegen seinen Freispruch im Prozeß gegen mutmaßliche Mitglieder der Stadtguerilla 17N im Dezember 2003 Berufung eingelegt.