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junge Welt, 08.07.2004
Interview von Beat
Makila
" Terroristenprozeß "
in Athen: Gibt es ein faires Verfahren?
jW sprach mit Silke Studzinsky
Seit Februar 2004
findet in Korydallos /Athen der Prozeß gegen
vier Männer und eine Frau statt, denen die Mitgliedschaft in der
Gruppe ELA ( Epanastatikos Laikos Agonas - Revolutionärer Volkskampf) und die Beteiligung an
Anschlägen vorgeworfen wird. Silke Studzinsky ,
Strafverteidigerin aus Berlin, weilte Ende Juni als Prozeßbeobachterin
in Athen.
F: Wie war Ihr erster Eindruck von diesem Verfahren?
Ich fühlte mich
an die Hochzeit der sogenannten "Terroristenprozesse"
in der Bundesrepubik erinnert. Der Prozeß
findet in einem gesondert gesicherten Gerichtsgebäude statt, das
extra für solche Verfahren gebaut wurde. Das Gebäude und der Zellentrakt,
in dem die Angeklagten seit dem 2. Februar 2003 unter Sonderhaftbedingungen
sitzen, sind unterirdisch. Während der Verhandlung sind über 20
bewaffnete Sicherheitskräfte im Gerichtssaal anwesend. Der Einlaß verläuft durch eine Metallschleuse, in der man mittels
einer chemischen Überprüfung auf Sprengstoff untersucht wird. Die
Besuche der Gefangenen - auch bei Anwaltsbesuchen - finden mit Trennscheibe
statt und sind videoüberwacht.
F: Den Angeklagten werden alle Aktionen der ELA zur Last gelegt?
Ihnen wird die
Beteiligung an sämtlichen Anschlägen der Organisation vorgeworfen.
ELA hatte sich 1975 gegründet und ist seit 1995 nicht mehr in Erscheinung
getreten. Vor allem symbolische Ziele wie Gebäude multinationaler
Konzerne, Fahrzeuge US-amerikanischer und britischer Einrichtungen,
Ministerien und die Vertretungen der EU sowie der UNO in Athen wurden
angegriffen. Anfang der neunziger Jahre ging ELA auch gezielt gegen
Personen vor. Christos Tsigaridis ist der einzige Angeklagte, der eine Mitgliedschaft
bis 1990 einräumt, sich aber nicht zu einzelnen Anschlägen äußert.
Die anderen vier Angeklagten bestreiten jede der Anschuldigungen.
F: Worauf stützt sich die Anklage?
Die Anklage fußt
neben der unbewiesenen Theorie, daß sämtliche
bewaffneten Organisationen Griechenlands miteinander zusammenhängen
sollen, auf der Aussage der Kronzeugin Sofia Kiriakidou
und auf Material der DDR-Staatssicherheit, das laut Gerichtsbeschluß
als Beweis verwendet werden kann. Andere Beweise, wie Fingerabdrücke
oder Waffenfunde, gibt es nicht. Insgesamt sind 400 Zeugen aufgeboten.
Wenn die bereits angehörten Zeugen überhaupt etwas sagen konnten,
dann war es Entlastendes. So haben etliche Zeugen berichtet, daß
ihnen von den Ermittlungsbehörden gezielt die Namen und Fotos der
Angeklagten vorgelegt wurden, um sie zu belasten.
F: Wird das Verfahren rechtsstaatlichen Grundsätzen gerecht?
Nein, auf keinen
Fall. Das Gericht geht davon aus, daß
die Aktionen von ELA erst mit der Festnahme der Angeklagten im Jahr
2003 endeten, obwohl seit 1995 keine Aktivitäten mehr von ELA ausgegangen
sind. Auf dieser Grundlage wäre die Mitgliedschaft nach fünf Jahren
verjährt.Wenn das Gericht die Mitgliedschaft
bis ins Jahr 2003 verlängert, kann es zu Strafen von bis zu 15 Jahren
nach dem im Jahr 2001 verabschiedeten Antiterrorgesetz kommen.
F: Wann ist mit einem Urteil zu rechnen?
Das Gericht ist
anscheinend gewillt, das Verfahren möglichst bald, also noch vor
Beginn der Olympischen Spiele, zu beenden. Sollte bis zum 2. August
kein Urteil ergangen sein, müßten die
noch inhaftierten Angeklagten - zwei Angeklagte bekamen unter Auflagen
Haftverschonung - aus der Haft entlassen werden. Vor diesem Hintergrund
deutet alles darauf hin, daß die Angeklagten
in Kürze verurteilt werden.
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