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Jungle World: Nr. 52/2002 - 18. Dezember 2002
Rüstige
Rentner gesucht
Nach
dem spektakulären Ende der Stadtguerilla 17. November ermittelt
die griechische Polizei gegen zwei weitere bewaffnete Gruppen.
von ralf dreis
Nachdem
der griechischen Polizei im Sommer der lang ersehnte Schlag gegen
die Stadtguerilla 17. November gelang, sollen nun die übrigen bewaffnet
kämpfenden Gruppen enttarnt werden. Die konservative Tageszeitung
Kathimerini berichtete in der vergangenen Woche, dass nur noch "einzelne
Puzzlestücke" an einem umfassenden Bild des "griechischen Terrorismus"
fehlten.
Die
Zeitung beruft sich auf Informationen aus höchsten Polizei- und
Regierungskreisen und kündigt die baldige Verhaftung von mindestens
fünf Personen an. Diese befänden sich seit einiger Zeit unter ständiger
Beobachtung. Die Festnahmen seien noch nicht erfolgt, weil einer
der Verdächtigen nicht nur Mitglied des 17. November gewesen sein
soll, sondern sich später auch den Organisationen Erster Mai und
Ela (Revolutionärer Volkskampf) angeschlossen habe und heute an
"einer Universität in der Ägäis" unterrichte.
Anhand
dieses Mannes, der in der Organisation 17. November unter dem Codenamen
Parkinson geführt worden sein soll, wollen die Behörden ihre Lieblingstheorie
beweisen. Sie besagt, dass alle in Griechenland bewaffnet kämpfenden
Gruppen eng miteinander verbunden sind
und teilweise aus denselben Personen bestehen.
Nach
der Meinung der Ermittler versuchten zwei Personen mehrere Male,
eine vom 17. November unabhängige Organisation zu gründen. Der erste
Versuch, die Revolutionäre Kämpferische Linke (Ema), endete in einem
Fiasko. Bei ihrer ersten Aktion deponierte die Gruppe eine Bombe
vor dem Haus eines Industriellen. Ein Passant nahm das Paket an
sich und stieg damit in den nächsten Bus, wo die Bombe explodierte.
Wie durch ein Wunder wurde jedoch niemand ernsthaft verletzt.
Die
gleichen Personen gründeten 1987 den Ersten Mai, dem sich nach Angaben
von Kathimerini auch Parkinson anschloss. Er soll sich im gleichen
Jahr an dem Anschlag auf den damaligen Vorsitzenden des Allgemeinen
Griechischen Gewerkschaftsbundes, Giorgos Raftopoulos, beteiligt
haben. Damals wurde zunächst der im vergangenen Oktober erneut verhaftete
Anarchosyndikalist Giannis Serifis (Jungle World, 40/02) für diesen
Anschlag verantwortlich gemacht. Jedoch mussten die Ermittlungen
wegen mangelnder Beweise eingestellt werden.
Nach
der Theorie der Fahnder schloss sich die Organisation im Jahr 1990
nach einem Mordanschlag auf den stellvertretenden Staatsanwalt am
höchsten griechischen Gericht dem Revolutionären Volkskampf an.
Diese Gruppe, die von den Verfolgungsbehörden als "die Mutter aller
Terroristen" bezeichnet wird, ist das eigentliche Ziel der Ermittlungen.
Angeblich sind die Gründungsmitglieder der Organisation seit dem
Beginn der neunziger Jahre durch die Auswertung von Stasi-Akten
bekannt. Diese Hinweise genügten bisher aber nicht für Vorladungen
oder gar Festnahmen.
Ein
Teil dieser Akten bezieht sich auf die angeblichen Verbindungen,
die die Organisation zur damals in aller Welt gesuchten terroristischen
Carlos-Gruppe unterhielt. Erst das in den letzten Jahren mit Hilfe
britischer- und US-amerikanischer Spezialisten neu gesammelte und
ausgewertete Material habe jedoch gesicherte Erkenntnisse gebracht.
Es sei jetzt nur noch eine Frage der Zeit, bis die "Ela-Opas" verhaftet
würden.
Vor
sieben Jahren stellte die Organisation den bewaffneten Kampf ein,
der jedoch fast bruchlos von den Revolutionären Zellen fortgeführt
wurde. Im Gegensatz zum 17. November legte die Ela immer Wert darauf,
dass bei ihren Anschlägen keine Menschen gefährdet wurden. Die meisten
Einschätzungen gehen davon aus, dass damals ein Teil der Ela die
Auflösung der Organisation nicht akzeptierte und unter neuem Namen
weitermachte. Die Ermittler wollen nun diese Annahme beweisen. Sie
glauben allerdings, dass von der einst mitgliederstarken Organisation
nur noch fünf Personen in den Revolutionären Zellen aktiv waren.
Auch die Verhaftung dieser Personen werde vorbereitet.
Die
Revolutionären Zellen traten vor allem während des Kosovokrieges
in Erscheinung, als sie zahlreiche Bombenanschläge auf europäische
und US-amerikanische Ziele in Griechenland durchführten. Bei einem
dieser Anschläge auf ein Kongresshotel in Athen starb eine unbeteiligte
Frau, die bei der Räumung des Hotels von den Sicherheitsbehörden
vergessen wurde.
Die
Ermittler könnten aber noch einige Schwierigkeiten mit der Glaubwürdigkeit
ihrer Zeugen bekommen. In einem ausführlichen Interview mit der
Tageszeitung Eleftherotypia meldete sich Anfang Dezember Dimitris
Koufodinas, ein Mitglied des 17. November, zu Wort. Er hatte sich
Anfang Oktober freiwillig gestellt und die politische Verantwortung
für alle Aktionen der Organisation übernommen.
In dem
Interview erklärte er, warum der bewaffnete Kampf immer noch berechtigt
sei, und bestritt den Wahrheitsgehalt der Aussagen, die mutmaßliche
Mitglieder des 17. November gemacht haben. Einige der Inhaftierten
hätten keinerlei Beziehungen zu der Organisatuion unterhalten. Namen
nannte Koufodinas allerdings nicht.
Die
Staatsanwaltschaft in Athen will mit dem Prozess gegen die in Untersuchungshaft
sitzenden mutmaßlichen Militanten des 17. November voraussichtlich
Ende März beginnen. Bis dahin sollen sich die Gefangenen mit drei
Stunden Hofgang pro Tag begnügen und die restliche Zeit in Isolationshaft
verbringen.
Indes
gehen die Solidaritätsaktionen für den ebenfalls in Untersuchungshaft
sitzenden Anarchosyndikalisten Serifis weiter. Ende November forderten
über 3 500 Teilnehmer einer Antikriegsdemonstration in Athen seine
sofortige Freilassung. Mit derselben Forderung sorgte Anfang Dezember
eine Demonstration von Motorradfahrern in der Innenstadt von Thessaloniki
für Aufsehen.
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