|
Jungle World: Nr. 36/2002 - 28. August 2002
Zeit
der Spekulationen
Der
griechische Staat will eine Verbindung zwischen linken Aktivisten
und der Terrorgruppe 17. November nachweisen. Viele reagieren darauf
mit der Verleugnung ihrer politischen Vergangenheit.
von
harry ladis und lia yoka, thessaloniki
Während
sich die griechischen Ermittler damit brüsten können, die letzte
linke Stadtguerillagruppe Europas ausgehoben zu haben, hat die griechische
Linke nichts Besseres zu tun, als ihre Glaubwürdigkeit weiter zu
beseitigen. Eingeschüchtert dadurch, dass einige der Mitglieder
des 17. November aus den eigenen Reihen kommen und bereitwillig
aussagen, beeilen sich viele, im Einklang mit der Regierung den
Terrorismus zu verdammen. Im besten Fall wird die Einhaltung der
Grund- und Strafprozessrechte der Gefangenen gefordert. "Die Linke
ist dabei, ihre eigenen Kinder aufzufressen", schreibt der Strafrechtler
Giannis Panoussis.
Ein
Beispiel dafür ist der Fall des Druckers Theologos Psaradelis. Er
gestand nach seiner Festnahme Anfang August, 1985 an einem Bankraub
teilgenommen zu haben. Er behauptet allerdings, nicht gewusst zu
haben, dass seine Mittäter die Beute für den 17. November benutzen
wollten. Er habe geplant, 1 500 Euro für die Herausgabe eines trotzkistischen
Buches zu verwenden. Savvas Xeros, der Ende Juni festgenommen wurde,
als eine Bombe vorzeitig in seinen Händen explodierte (Jungle World,
33/02), bestätigte Psaradelis' Aussage.
Gleichzeitig
wies er den Verdacht kategorisch zurück, dass Psaradelis in weitere
Taten des 17. November verwickelt gewesen sei. Obwohl er wegen seiner
Kämpfe gegen die Militärjunta lange Zeit im Gefängnis gesessen hat
und jahrelang ein bekannter Syndikalist der trotzkistischen Gruppierung
OKDE war, lehnte es die Gruppe ab, ihn zu unterstützen. Sie will
in der Öffentlichkeit nicht mit "Terroristen" in Verbindung gebracht
werden.
Die
KP und andere ML-Linke halten hingegen an ihren Verschwörungstheorien
fest. Was zu tragikomischen Situationen führen kann, wie im Fall
des angeblichen Mitglieds des 17. November, Sotiris Kondilis, der
durch die Aussagen von Xeros belastet wird. Unangenehm für die Kommunisten
ist, dass er mehrmals auf der Liste der KP-Abspaltung NAR an Kommunal-,
Parlaments- und Europaparlamentswahlen teilnahm. Nach seiner Festnahme
wurde er nun von seinen ehemaligen Genossen als Agent der USA bezeichnet.
Da spielt es dann keine Rolle, dass auch Angehörige des Geheimdienstes
wie der CIA-Mitarbeiter Richard Welch oder der britische Militärattache
Steven Saunders von der Gruppe ermordet wurden.
Neben
solchen kruden Vorstellungen gibt es aber auch selbstkritische Stimmen,
die beklagen, dass der 17. November nur als Ersatz für die fehlende
Oppositionskraft der Linken gedient habe. Der linke Komponist Mikis
Theodorakis schreibt in einem Artikel in der linksliberalen Tageszeitung
Eleftherotypia, die Linke habe die historische Chance versäumt,
während der Militärdiktatur effektiven Widerstand zu leisten. Die
Existenz des 17. November sei das Ergebnis dieser politischen Lücke
gewesen. "Uns fehlte nicht nur der Mut, Verantwortung zu übernehmen,
sondern viele haben damals auch zu den ersten Attentaten des 17.
November applaudiert, als hätten sie den Zorn der radikalen Patrioten
über die Verschonung der Junta-Folterer ausgedrückt".
Ministerpräsident
Kostas Simitis will nun Teile der Linken für sich gewinnen. Ende
Juli erklärte er der griechischen Bevölkerung: "Das soziale Umfeld
der Linken hat in diesem Land viele Kämpfe geführt und kann ein
großes Angebot vorweisen. Man weiß, dass die Gewalt hierzulande
verschiedene Wurzeln hat." Der überwältigende
Erfolg der Zeugenschutzmaßnahmen und der Kronzeugenregelung sowie
die Marginalität radikaler linker Ansichten lassen die sozialdemokratische
Pasok-Regierung gönnerhaft erscheinen.
Gleichzeitig
versuchen die Staatsschützer, alle Stadtguerilla-Gruppen der achtziger
und neunziger Jahre auszuheben und ihnen Kontakte zur antiautoritären
Szene nachzuweisen. Bekannte Aktivisten haben Vorladungen zu einem
"freundlichen Verhör" bekommen, wie die Polizei es nennt. Diese
Verhöre haben keinen offiziellen Charakter, die Verdächtigen haben
nicht die Rechte von Zeugen oder Angeklagten. In den Zeitungen kursieren
zudem die Namen von Anarchisten, und die Ermittler hoffen, durch
die Aussagen der Verhafteten das missing link zwischen dem 17. November,
anderen Guerillagruppen und der anarchistischen Szene zu finden.
Die
bedeutendste Stadtguerilla war der Revolutionäre Volkskampf (Ela).
Die Gruppe wurde 1975 nach dem Ende der Militärjunta gegründet und
löste sich 1995 selbst auf; in den ersten Jahren setzte sie zahlreiche
US-amerikanische Autos in Brand und aus Solidarität mit den Gefangenen
der RAF wurde in den späten siebziger Jahren eine Reihe von deutschen
Firmen angegriffen. Ein Gründungsmitglied der Gruppe, Christos Kassimis,
kam im Herbst 1977 bei dem Versuch ums Leben, die AEG-Zentrale in
Berlin in die Luft zu sprengen.
Eine
Abspaltung jener Gruppe, der "Juni 78", übernahm im Jahr 1978 die
Verantwortung für die Hinrichtung des ehemaligen Junta-Folterers
Petros Babalis und erhielt dafür viel Zustimmung in der Bevölkerung.
In der meistens gut informierten Zeitung To Vima wurde nun behauptet,
der Angriff auf drei israelische Ziele im Jahr 1982 in Athen und
die Zusammenarbeit mit der Volksfront zur Befreiung Palästinas bei
einem Sprengstoffattentat auf die saudi-arabische Botschaft im Jahre
1983 lasse auf eine Infiltration durch Geheimdienstagenten schließen.
Aus den Archiven der Stasi gehe andererseits hervor, dass die Organisation
zur gleichen Zeit engen Kontakt zur so genannten Carlos-Gruppe aufgenommen
habe. Allerdings habe sich ihr Beitrag auf die Beobachtung der Ziele
und Vorbereitungsaktionen beschränkt.
Xeros,
der in seiner 67seitigen Aussage erwähnte, dass Christos Tsoutsouvis
ihn für die Ela habe anwerben wollen, gab damit den Gerüchten über
die Verbindung zwischen dem 17. November und anderen bewaffneten
Gruppen neue Nahrung. Tsoutsouvis war ein Mitglied der Gruppe "Antistaatlicher
Kampf", einer der zehn Gruppierungen, die aus der Ela entstanden
sein sollen. Er starb 1985 bei einem Schusswechsel, nachdem er drei
Polizisten getötet hatte.
Der
noch gesuchte Bienenzüchter Dimitris Koufodinas soll früher ebenfalls
ein Mitglied der Gruppe gewesen sein. Bereits in der Vergangenheit
wurden verschiedene Anarchisten beschuldigt, Mitglieder der Ela
gewesen zu sein. Bisher waren diese Anschuldigungen vor Gericht
allerdings nicht haltbar.
Inzwischen
wird allerdings auch versucht, eine ideologisch-philosophische Verbindung
zwischen dem bewaffneten Kampf der Guerilleros und den Anarchisten
herzustellen. So glaubt die Zeitung To Vima, dass die Entstehung
des Guerillakampfes auf die Debatte zwischen Marx und Bakunin in
der 1. Internationalen zurückgeführt werden kann.
Die
Tageszeitung Ta Nea macht sogar den spanischen Anarchisten Buenaventura
Durutti für die Entstehung der Terrorgruppen verantwortlich. Als
Beleg für diese These muss herhalten, dass Dimtris Giotopoulos,
der Vater des angeblichen Masterminds des 17. November, Alekos Giotopoulos,
im spanischen Bürgerkrieg gekämpft hat. Die Tatsache, dass er damals
auf der Seite der trotzkistischen Poum stand, soll beweisen, dass
beide Strömungen auch später zusammen kämpften.
|