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So oder So - Die
Libertad!-Zeitung - Nr. 12- Winter 2002 - Seite 4
Der griechische Sommer:
17. November als Organisation am Ende?
"Unangreifbare" bewaffnete Organisation nach 27 Jahren in drei Wochen aufgerollt
In den letzten
Monaten erreichten uns täglich neue Nachrichten aus Griechenland,
wo nach 25 Jahren des bewaffneten Kampfes, die "Revolutionäre Organisation
17. November" plötzlich aufgerollt wurde. 27 Jahre lang hatte diese
Gruppe gekämpft, ohne dass dem Staat auch nur im Ansatz klar war,
aus wem sie besteht, in der ganzen Zeit gab es keine einzige Festnahme,
keine Aussagen, die zu einer Identifizierung geführt hätte, die
Gruppe 17. November schien ein Phantom zu sein, das hin und wieder
zuschlägt, ohne Spuren zu hinterlassen.
Diese Unfassbarkeit
war auch viele Jahre lang der Grund für diverse Theorien, die besagten,
dass es diese Gruppe gar nicht gibt, dass sie ein Geheimdienstprojekt
sei oder direkt von der PASOK, der sozialdemokratischen griechischen
Regierungspartei organisiert und finanziert sei. Zumindestens
diese letzte Theorie löste sich auf, als der 17. November im Frühjahr
1999 einen Raketenangriff auf die PASOK-Zentrale
in Athen verübte. Jetzt ist innerhalb weniger Wochen die gesamte
Struktur der Gruppe aufgeflogen und die wilden Theorien werden Lügen
gestraft.
Die Entwicklung des 17. November
Die Revolutionäre
Organisation 17. November (17N) hatte ihre Wurzeln im Kampf gegen
die Militärdiktatur, die sich 1967 in Griechenland an die Macht
geputscht hatte. Ihr Name erinnert an den 17. November 1973, an
dem hunderte Student/innen und Arbeiter/innen das Athener Polytechnikum
besetzt hatten. Beim Sturm durch das Militär wurden 34 Student/innen
getötet, über 800 verletzt. Nachdem die Militätjunta, die Griechenland über 6 Jahre beherrschte, hauptsächlich
von der USA unterstützt und anerkannt worden war, richteten sich
die Aktionen auch zunächst gegen US-amerikanische Ziele in Griechenland.
Der erste Anschlag galt dem Athener CIA-Chef Richard Welch, der
im Dezember 1975 vom 17N erschossen wurde.
In ihrer Erklärung
zu diesem Anschlag schrieben sie, dass "der amerikanische Imperialismus
den Feind Nr. 1 des griechischen Volkes darstellt, und dass Griechenland
eine Bananenrepublik lateinamerikanischen Typs im Ostmittelmeer
ist." Damit konnten sie sich der großen Unterstützung einer Mehrheit
des griechischen Volkes sicher sein, die nicht vergessen hatte,
welche Rolle die USA in der Zeit der Diktatur gespielt hatten. Die
Aktionen der ersten Periode des Kampfes richteten sich dann auch
weiterhin gegen amerikanische Einrichtungen, gegen Juntafolterer
und Repressionskräfte.
Als im Jahr 1981
schon vor den Parlamentswahlen klar wurde, dass die sozialdemokratische
Partei PASOK die Wahl gewinnen würde, veröffentlichte der 17. November
ein Manifest, in dem er analysierte, dass der Machtwechsel weder
von der bürgerlichen Klasse Griechenlands, noch von der USA geduldet
werden würde und vor einem neuen Militärputsch warnte. Als sie eingestehen
mussten, dass diese Einschätzung falsch war, erklärte der 17. November
eine zweijährige Kampfpause, die es der PASOK ermöglichen sollte,
ihre Wahlversprechen umzusetzen.
Erst 1983 trat
die Gruppe dann wieder in Erscheinung, als sie den amerikanischen
Armeeangehörigen Tsantes exekutierte. In den folgenden Erklärungen betonten
sie, dass eine neue Phase des Kampfes begonnen hätte, die sich nunmehr
gegen griechische Kapitalisten und ihre Handlanger wie Zeitungsherausgeben
genauso richten würde, wie gegen amerikanische Einrichtungen. Eine
"Arbeitsteilung" im Kampf wurde vorgeschlagen, in der sich der 17.
November zusammen mit anderen bewaffnet kämpfenden Gruppen die militärischen
Aufgaben vornimmt, während es der außerparlamentarischen Linken
übertragen wurde, eine Massenbasis zu schaffen. Das gesamte Projekt
Befreiung sollte so zusammen mit der griechischen Linken organisiert
werden, angefangen vom Erreichen der Unabhängigkeit vom amerikanischen
Imperialismus, weitergehend zur Entwicklung einer "wahren Demokratie"
bis hin zum Aufbau des Sozialismus.
Diese Rechnung
ging in mancherlei Hinsicht auch tatsächlich auf. Die Aktionen des
17. November fanden in der griechischen Gesellschaft lange Zeit
große Sympatien, und nicht nur klammheimliche
Freude. Jede Erklärung der Gruppe war in den großen Tageszeitungen
zu lesen. Das erklärte Ziel, durch Aktionen genug Aufmerksamkeit
zu bekommen, um die eigene politische Propaganda breit unter die
Menschen zu bringen, wurde jahrelang erfolgreich durchgesetzt. Die
Tatsache, dass über all die Jahre kein einziges Mitglied des 17.
November festgenommen wurde, führte zu dem immer wieder geäußerten
Verdacht, die PASOK hätte Kontakt zum 17. November bzw. dem Vorwurf,
die griechische Regierung würde zu wenig gegen den Terrorismus vorgehen.
Die USA setzte Griechenland aus diesem Grund auf die Liste der Staaten,
die nicht vollständig gegen den Terrorismus kooperieren. Die US-Botschaft
in Athen bot eine wesentlich höhere Belohnung für Aussagen an, die
zur Identifizierung der Mitglieder des 17. November führen, als
die griechische Regierung - aber auch das brachte keinen Erfolg.
Der 17. November
konnte also durchaus auf breite Unterstützung innerhalb der griechischen
Gesellschaft bauen. Allerdings erkaufte er sich das auch durch einen
zunehmend nationalen Populismus, der sich etwa durch die nationalistischen
Töne in ihren Texten zeigte. So enthielten Erklärungen zu Aktionen
gegen türkische Ziele von 1988 und 1991 jeweils die Forderung, Zypern
bleibe griechisch. Den endgültigen politischen Bruch mit einem großen
Teil der radikalen Linken Griechenlands vollzog der 17. November
dann 1994, als er in einer Erklärung die Mobilisierung der nationalistischen
Bewegungen gegen den neu gegründeten Staat Mazedonien aufgriff,
und sich damit gegen die Diskussion in der radikalen Linken stellte.
Trotz dieser herrschenden Distanz arbeitete der 17. November
beharrlich weiter und war genauso unfassbar wie vorher. Auch die
permanenten Bemühungen britischer und amerikanischer Geheimdienste,
die die griechischen Behörden unterstützen sollten und inzwischen
auf dem Gebiet der Terrorismusbekämpfung in Griechenland eine eigenständig
agierende Kraft sind, führten zu keinen neuen Erkenntnissen. Erst
als Mitte dieses Jahres eine Bombe in den Händen eines Mitglieds
des 17. November explodierte, kam es zum Showdown, der allerdings
überraschend total ablief.
Der Zusammenbruch
Am 29. Juni 2002 explodierte eine Bombe
im Hafen von Piräus, ein fehlgegangener Anschlag des 17. November.
Am Tatort blieb Savvas Xiros
schwer verletzt liegen, aus den Ermittlungen aus diesem Fall wird
die gesamte Struktur des 17. November innerhalb weniger Wochen offengelegt.
Was war passiert?
Über die Identität des Verletzten, die in
seiner Wohnung gefundenen Hinweise und viele gefundenen Schlüssel
konnte die griechische Polizei in kurzer Zeit verschiedene andere
Mitglieder, Wohnungen und Waffenlager des 17. November identifizieren
- es kam zu einer ersten Verhaftungswelle. Bis auf einen einzigen
Festgenommenen haben alle anderen sich sofort bereit erklärt, ihr
Wissen um organisatorische Struktur und Mitglieder des 17. November
den Verfolgungsbehörden preiszugeben.
In einer beispiellosen Kampagne übernehmen
die Massenmedien die Ermittlungsarbeit. Jeden Tag sind die Vernehmungsprotokolle
in den Zeitungen nachzulesen, die Medien recherchieren angebliche
Mitglieder und Sympatisant/innen, brechen
vor laufenden Kameras in deren Wohnungen ein und verlangen Auskünfte.
Die Verfolgungsbehörden ernten dann, was die Medien zur Reife gebracht
haben. Diejenigen, deren Bilder in Zeitung oder Fernsehen erschienen
werden Tags darauf von den Anti-Terror Einheiten verhaftet. >
Gegenwärtig wird in Griechenland von allen
Seiten der antikapitalistischen Bewegungen eine Frage gestellt:
wie konnte eine Organisation, die sich 27 Jahre lang allen Ermittlungen
zum Trotz zu halten vermochte, innerhalb weniger Wochen total zerschlagen
werden. Eine Gruppe aus Griechenland, die sich trotz der immer noch
vorherrschenden Meinung, der 17. November sei ein Geheimdienstprojekt,
um die Gefangenen kümmert und versucht die Vorgänge darzustellen
und zu bewerten schreibt zu dieser Frage:
Die wichtigen gesellschaftlichen und politischen
Veränderungen, die in den letzten zwei Jahrzehnten in Griechenland
stattgefunden haben, führten alle Richtungen der Linken in eine
große Krise. Dieser Krise konnte sich natürlich auch der 17. November
nicht entziehen. Durch ihre Erklärungen und durch die Auswahl ihrer
Ziele war ihre Unfähigkeit sichtbar, ihre Entscheidung für den bewaffneten
Kampf glaubhaft zu erklären. Ihre politische Intervention endete
einfach in einem Kraftspiel mit den Repressionskräften. Darüber
hinaus hat die Verhaftung ihrer Mitglieder gezeigt - was auch zu
erwarten war - dass sie wichtige organisatorische Probleme hatten.
Die Erneuerung ihrer Kräfte stieß auf unüberwindbare Hindernisse
mit dem Ergebnis, dass sie sich zum großen Teil zu einer Familienangelegenheit
entwickelte. Neun ihrer 19 bekannten Mitglieder stammten im wesentlichen
aus zwei Familien.
Diese politische und organisatorische Krise
erklärt zum großen Teil die Haltung bezüglich der Zusammenarbeit
mit der Polizei, welche die bis jetzt Verhafteten gezeigt haben.
Ihre politische Ausweglosigkeit war so bedeutend, dass die Selbstverletzung
und Verhaftung des Savvas Xiros zum völligen Zusammenbruch
der Moral ihrer Mitglieder führte. Nicht nur dass keines ihrer Mitglieder
- außer D. Koufontinas - versucht hat,
in die Illegalität zu gehen, sondern 10 von den 17 Verhafteten haben
sofort und ohne jeglichen besonderen Druck zugestimmt alle Mitglieder
der Organisation, die sie kannten der Polizei preiszugeben.
Die Rolle der griechischen Regierung in dieser Entwicklung ist auch
eine Betrachtung wert. In der weltweiten "Koalition gegen den Terrorismus",
die sich nach dem 11. September 2001 gründete, tat sich Griechenland
sehr schwer, auch wenn sich die griechische Regierung voll hinter
die Politik Bushs stellte. Die Vorwürfe, die PASOK hätte zumindestens
Kontakt zu bewaffneten Gruppen, führten soweit, dass sich die USA
öffentlich überlegten, die Teilnahme an den olympischen Spielen
2004 in Athen aus Sicherheitsgründen abzusagen. Ein sichtbarer Erfolg
im Kampf gegen den Terrorismus war zwingend notwendig. Spätestens
nach der Exekution des britischen Militärattachés Stephen Saunders
im Herbst 2000 war klar, dass die griechischen Behörden etwas unternehmen
mussten. Nicht etwa, weil die bewaffneten Organisationen eine reale
Gefahr des System-(um) sturzes darstellten,
sondern weil sie die Verfolgungsbehörden der Lächerlichkeit Preis
gaben und den Willen zur Verfolgung in Frage stellten.
Der Schlag gegen den 17. November wird nicht
die letzte Aktion gewesen sein, die die griechischen Verfolgungsbehörden
gegen die Linke führt. Im Rahmen der europäischen Harmonisierung
und der Vorbereitung auf die Olympiade 2004 steht noch weit mehr
an. Die anderen bewaffneten Gruppen, die sich zwar alle schon offiziell
aufgelöst haben, deren Mitglieder aber größtenteils unermittelt
sind und die ganze moderne antikapitalistische Bewegung in Griechenland
sehen sich mit einer seit den Zeiten der Junta nicht mehr dagewesenen
Repression und Verfolgung konfrontiert. Darüberhinaus
laufen jetzt schon Angriffe gegen die Anwälte, die die Verteidigung
der bis jetzt Festgenommenen übernommen haben. So bleibt nur zu
Hoffen, dass die griechische Gesellschaft nicht dem Beispiel anderer
europäischer Länder folgt, und ihre Vergangenheit vollständig vergisst.
Die Legitimation des Kampfes gegen Diktatur und Imperialismus war
es, die in Griechenland dafür gesorgt hatte, dass sich vielfältige
Initiativen gegen die herrschende Weltordnung bilden konnten, und
über lange Zeit sich auch "wie der Fisch im Wasser" bewegen konnten.
Die EU-Ratspräsidentschaft wird demnächst turnusgemäß an Griechenland
weitergegeben. Spätestens zum EU Gipfel in Thesaloniki
wird sich zeigen, inwieweit die allgemeine Hysterie gegen die Linke
tatsächlich zum gesellschaftlichen Mainstream
geworden ist.
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