Griechenland: die "Revolutionäre
Organisation 17. November"
- einige Hintergründe -
18. Juli. Die griechische
Polizei hat den mutmaßlichen Chef der Gruppe 17. November verhaftet.
In der Nacht zum Donnerstag nahm sie auf der Insel Lipsi
den 63 Jahre alten Alexandros Giotopoulos
fest. Sein Name hatte schon seit Anfang der neunziger Jahren
auf den Listen der Verdächtigen gestanden, die die amerikanische
Bundespolizei FBI mit den Militanten des 17. November in Verbindung
bringt. Erst nach dem fehlgeschlagenen Attentat am 29. Juni 2002
im Hafen von Piräus, bei dem sich der Attentäter Savvas
Xiros selbst schwer verletzt hat, war
die griechische Polizei aber auf die Beweise gestoßen, die sie benötigte,
um Giotopoulos zu verhaften. Die Polizei
nahm jetzt auch zwei Brüder von Savvas
Xiros fest.
Gelebt hat Giotopoulos überwiegend in Paris, wo er als Professor gelehrt
haben soll. Daneben hatte er unter einem anderen Namen in Athen
eine Wohnung erworben und auf der Insel Lipsi
ein Haus. In seiner Athener Wohnung stellte die Polizei am Donnerstag
einen Computer und Dokumente sicher. Giotopoulos
ist in einem trotzkistischen Elternhaus aufgewachsen und war, beeinflußt
auch von den Studentenunruhen von 1968, immer stärker von der Idee
eines bewaffneten Aufstands fasziniert.
Geboren wurde Giotopoulos 1939 in Paris, 1947 kehrte er mit seinen Eltern
nach Griechenland zurück. Als die Obristen 1967 in Griechenland
die Macht übernahmen, setzte er sein Studium der Wirtschaftswissenschaften
in Paris fort. Damals schloß ihn die Kommunistische
Partei Griechenlands aus; in Paris arbeitete er mit Nikos Poulandzas
zusammen, einem der führenden Marxisten jener Zeit. Mit anderen
Exilgriechen gründete Giotopoulos 1968
die trotzkistisch-marxistische Gruppe "29. Mai". Einige
ihrer Mitglieder, auch Giotopoulos, ließen
sich in Kuba in der Taktik der Stadtguerrilla
ausbilden. Ende 1969 löste sich die Gruppe auf. Nach dem Zusammenbruch
des Obristenregimes in Griechenland kehrte er 1974 nach Athen zurück.
Seit 1981 ist er aber auch dort aus der Offentlichkeit verschwunden. Die Bewohner von Lipsi sagen jedoch, daß er seit
zwanzig Jahren, wenn auch unter anderem Namen, regelmäßig auf die
Insel komme.
Sein Vater, Dimitris
Giotopoulos, war der bekannteste Trotzkist Griechenlands.
In den dreißiger Jahren hatte er die trotzkistische Bewegung "Arbeit"
gegründet, die er selbst autoritär geführt hat. Mit dem Decknamen
" Vittie" soll er sogar der Stellvertreter Trotzkis gewesen
sein. Er wurde Lehrer des griechischen Trotzkisten Mikhalis
Raptis ("Pablo"). der als einer
der führenden Köpfe der 4. Internationalen galt und dessen Name
wiederholt mit dem 17. November in Verbindung gebracht worden ist.
Giotopoulos wanderte 1935 nach Paris aus,
wo er mit Trotzki brach. 1936 kämpfte er im spanischen Bürgerkrieg
auf der Seite der Trotzkisten und Anarchisten. 1939 kehrte er nach
Paris zurück und 1947 nach Athen, wo er, weil er im Besitz von Originaldokumenten
von Marx war, die "Archivmarxistische Partei Griechenlands"
gründete. Zunehmend wurde Dimitris Giotopoulos
angeblich gewahr, daß die bürgerliche
Demokratie die einzige Alternative zum stalinistischen und zum faschistischen
Terror ist, und er wurde überzeugter Antikommunist. Er starb 1965
in Athen.
Mit der Verhaftung
von führenden Mitgliedern des 17. November kann die Regierung Simitis,
dessen sozialistische Pasok Partei mehr
als zehn Prozentpunkte hinter die oppositionelle "Neue Demokratie"
zurückgefallen ist, auf einen wichtigen Erfolg verweisen. Denn der
17. November hatte seit 1975 insgesamt 23 politisch motivierte Morde
verübt. Nie ist indes ein Mitglied der Gruppe verhaftet worden.
Das hat Spekulationen genährt, daß sie von Personen aus dem Geheimdienst oder der Politik
gedeckt worden sind.
Diese Vermutungen
sind noch immer nicht beseitigt, auch wenn sie sich nicht durch
konkrete Beweise erhärten lassen. Weiter sucht die Polizei einen
Verdächtigen mit dem Namen Dimitris Koufodinas. Er soll der Verbindungsmann zwischen Xiros und Giotopoulos gewesen.sein. Es halten sich Vermutungen, daß er seit 1984 für den griechischen Geheimdienst gearbeitet
hat. Der Geheimdienst hat das aber öffentlich dementiert.
Noch im vergangenen
Monat hatte das amerikanische Außenministerium den Mißerfolg
der griechischen Regierung, die Gruppe 17. November aufzudecken,
als "lästig" kritisiert. Bewegung war in die Verfolgung
der Gruppe gekommen, nachdem sie im Juni 2000 den britischen Militärattaché
in Athen, Stephen Saunders, liquidiert hatte. Danach entsandten
Scotland Yard und das FBI Anti-Terror-Spezialisten
nach Athen, die der nicht gut ausgebildeten griechischen Polizei
"helfen" und sie "beraten" sollten - so lautete
die offizielle Sprachregelung. In Wirklichkeit aber haben sie aktiv
die Ermittlungen fortgesetzt und zum Beispiel erstmals alle Aktionen
des 17. November mit Computerprogrammen miteinander verglichen.
In der Folge kreisten
die Sicherheitskräfte den Kern des 17. November immer mehr ein,
so daß dessen Mitglieder nervös wurden und in die Offensive gingen.
Zunächst haben sie am 17. Juni in Piräus folgenlos einen Abgeordneten
der Pasok mit einer Handgranate angegriffen.
Am 29. Juni schlug das Bombenattentat von Xiros
im Hafen von Piräus fehl. Danach konnte die Polizei die Schlinge
um den kleinen harten Kern der Gruppe weiter zuziehen.
22. Juli. "Der
griechischen Polizei ist erneut ein Schlag gegen die Untergrundorganisation
17. November gelungen. Ein in Deutschland geborener Busfahrer habe
beim Verhör gestanden, Mitglied der Gruppe zu sein, erklärte die
Polizei am Montag. Der 36-Jährige war am Sonntag in Nordgriechenland
festgenommen worden" (AP vom 22. Juli). Die Zeitung " Eleftherotypia"
berichtete indes am 21. Juli, die zahlreichen Festnahmen mutmaßlicher
Mitglieder der Organisation hätten einen geplanten Anschlag auf
NATO-Soldaten verhindert.
Nach Berichten
der Zeitung hätten festgenommene Mitglieder der linksgerichteten
Gruppe im Verhör ausgesagt, Anschläge auf NATO-Soldaten im Kosovo
geplant zu haben. Bei Razzien in Verstecken der Organisation seien
Informationen über NATO-Konvois im nordgriechischen Hafen von Thessaloniki
gefunden worden.
Der am Sonntag
festgenommene 36-Jährige gestand nach Angaben der Polizei, an einem
Diebstahl von Dutzenden Anti-Panzer-Raketen von einem griechischen
Militärstützpunkt 1989 beteiligt gewesen zu sein. Außerdem habe
er die Beteiligung an einem Bombenanschlag und an einem Raubüberfall
eingeräumt.
Nach jahrelangen
Ermittlungen gegen die Organisation 17. November hatte die Polizei
am Wochenende bereits neun Fahndungserfolge gemeldet. Der griechische
Ministerpräsident Costas Simitis
erklärte am Montag, es werde aber noch einige Zeit dauern, bis der
Terrorismus in Griechenland ausgelöscht sei.
Ursprünge der Gruppe.
Die Gruppe 17. November führt ihren Namen auf eine der blutigsten
Auseinandersetzungen in der Zeit der Militärdiktatur zurück. In
der Nacht auf den 17. November 1973 hatten Polizeieinheiten, die
von Panzern unterstützt worden waren, das Athener Polytechnikum
gestürmt. In dem Gebäude hatten sich demonstrierende Studenten verbarrikadiert,
die ein Ende des faschistischen Obristenregimes gefordert hatten.
Dabei kamen 34 Studenten ums Leben und mehr als 800 wurden verletzt.
Erstmals hatte sich der 17. November am 23. Dezember 1975 eines
Attentats bezichtigt, als Mitglieder den Bürochef des amerikanischen
Geheimdienstes CIA in der amerikanischen Botschaft in Athen, Richard
Welch, ermordeten. Seither hat die kleine, über ein Zellensystem
aufgebaute Gruppe 23 politische Morde verübt, überwiegend an griechischen
Politikern und Industriellen sowie an Diplomaten aus wichtigen Nato-Ländern.
Der 17. November
orientiert sich an den Vorbildern der deutschen RAF und den Roten
Brigaden. Die organisatorisch sehr kleine Gruppe habe den Terror
der Vergangenheit verübt, der sich gezielt gegen einzelne Personen
gerichtet und wenig " Kollateralschäden" verursacht habe, sagt Thanos Veremis, einer der führenden
Professoren, der sich mit der Geschichte Griechenlands und des Balkans
befaßt.
Was sind die
Hintergründe des gegenwärtigen Geschehens?
Die Gruppe 17. November ist eine der aktivsten griechischen Untergrundorganisationen
und hat sich zu zahlreichen Anschlägen, Überfällen
und 23 "Hinrichtungen" bekannt. Die griechische Regierung
war unter wachsenden Druck geraten, die Gruppe zu bekämpfen,
weil Athen im Jahr 2004 die Olympischen Spiele ausrichtet.
Warum wurde in 27 Jahren kein Mitglied der "Revolutionäre
Organisation 17. November" gefasst? Athen, 7. Juni 2000: Zwei
Männer auf einem Motorrad halten neben dem Auto von General
Stephen Saunders, feuerten vier Schüsse ab und fahren unbehelligt
davon. Keine Festnahmen, keine Spuren. Die Verantwortung für
den Anschlag übernimmt die Revolutionäre Organisation
17. November. Tags darauf erklärte die Gruppe in der "
Elefterotypya", der zweitgrößten griechischen Zeitung:
"Saunders nahm an der Planung der barbarischen Bombardierung
Jugoslawiens teil und ist somit verantwortlich für die Ermordung
tausender Zivilisten, der Zerstörung der Wirtschaft und Infrastruktur
des Landes".
Für Hinweise auf die Identität der Mitglieder des 17.
November bot die griechische Polizei umgerechnet 2,9 Millionen €
die Athener US-Botschaft gar 5,5 Millionen €. Trotzdem konnte lange
Jahre kein Mitglied der Gruppe gefasst werden. Dieses Charakteristikum
war immer wieder Anlass für Spekulationen über eine Verbindung
der Gruppe in die höchsten Kreise griechischer Politik, namentlich
zur sozialdemokratischen PASOK: "Personen in der griechischen
Regierung kennen Mitglieder des 17. November", erklärte
etwa der CIA-Chef a.D. James Wollsey der griechischen Wochenzeitung
"To Pontiki" nach dem Anschlag auf den britischen General.
Der amerikanische Geheimdienst verortete in seinem aktuellen Bericht
an die US-Regierung Griechenland zusammen mit Pakistan unter den
Ländern, die "nicht vollständig gegen den Terrorismus
kooperieren".
Linker Patriotismus oder Geheimdienstkomplott?
Die Aktivitäten der Organisation indes sind nicht angetan,
die Verschwörungstheorien zu stützen: im März 1999
schlug eine Rakete im Zentralbüro der PASOK ein. Die sozialdemokratische
Regierung betreibe den Ausverkauf des Landes an die USA und die
EU, so die Begründung des 17. November. Manche findige Kommentatoren
sehen jedoch gerade in solchen, für die Gruppe charakteristischen
Sätzen einen Beleg dafür, dass die Revolutionäre
Organisation 17. November nicht länger existiere, sondern die
dunklen Mächte der Geheimdienste sich des Namens bemächtigt
haben. War die Diktion immer marxistisch-leninistisch gehalten,
klangen ab Anfang der 1990er Jahre zunehmend patriotische Untertöne
in den Communiqués der Gruppe durch. Einen politischen Trennstrich
zum größten Teil der radikalen Linken zog der 17. November
schließlich mit seiner verbalen Unterstützung der massiven
nationalistischen Mobilisierung gegen die neue Republik Mazedonien
1994. Dass der 17. November 1989 einen Politiker der rechtsgerichteten
Nea Dimokratia erschoss, der während der Militärdiktatur
im Widerstand gearbeitet hatte und für eine Annäherung
zur Linken eintrat, schien da nur ein weiteres Anzeichen dafür,
dass es sich hier um eine Story à la "Phantom RAF" handeln
müsste - leider auch der linken " jungle world" in
einem der wenigen deutschsprachigen Beiträge zum Thema (Ausgabe
vom 14.6.2000). Der Ursprung solcher Ideen ist wohl der gleiche
wie bei ähnlichen Spekulationen um die Roten Brigaden und die
RAF: die Unfähigkeit, sich - unabhängig eigener politischen
Bewertung - die Tatsache einer bewaffneten revolutionären Organisation
vorstellen zu können, die in ihren Massstäben auch noch
erfolgreich ist.
Yankee go home
Mit ihrem "patriotischen Antiimperialismus" (so die
Zeitung sooderso) standen die Kombattanten des 17. November nicht
allein. In einer Meinungsumfrage bekundeten 1991 knapp 60 Prozent
der Befragten, hauptsächlich Wähler/innen der PASOK wie
der Kommunistischen Partei, Zustimmung zu den politischen Zielen
der Gruppe. Solche Sympathiebekundungen sind deutlich zurückgegangen,
seit 1994 bei einem Anschlag erstmals ein Passant zu Tode kam. Dies
änderte indes wenig an der seit der US-amerikanischen Unterstützung
der Militärjunta in der Bevölkerung tiefsitzenden Ablehnung
der USA: während der Bombardierung Jugoslawiens beteiligten
sich Zehntausende an Blockaden der NATO-Stützpunkte, die Transportarbeitergewerkschaft
sperrte griechische Schienenstrecken und Häfen für US-amerikanisches
Kriegsgerät. Als US-Präsident Clinton im November 1999
die - wie er sagte - "traditionelle griechische Gastfreundschaft"
in Anspruch nehmen wollte, sahen sich die Sicherheitskräfte
gezwungen, den Präsidentenkonvoi durch Vororte zu geleiten,
da die Innenstadt von 20 000 wütenden Demonstrant/innen blockiert
war.
Das neue Antiterrorgesetz
Damit soll jetzt Schluss sein; so will es die Regierung, die das
Land durch einen radikalen Sozialabbau in die Euro-Zone katapultierte
und die Olympiade 2004 nach Athen geholt hat. Ein kürzlich
geschlossenes polizeiliches Abkommen mit den USA erlaubt es US-Antiterrorspezialisten,
auf eigene Faust in Griechenland zu ermitteln. In Athen will man
außerdem Großbritannien für eine europäische
Initiative gewinnen, so Außenamtssprecher Panos Beglitis:
"Der Terrorismus ist kein lokales Problem. Wir müssen
ihn auf EU-Ebene angehen."
Zunächst allerdings soll ein griechisches Antiterrorgesetz,
vergleichbar dem deutschen Paragraphen 129a, auf den Weg gebracht
werden. 1991 hatte die damals konservative Regierung bereits einmal
versucht, ein solches Gesetz verabschieden zu lassen. Ungeachtet
politischer Unterschiede brachten damals die großen Tageszeitungen,
denen der Abdruck der Communiqués des 17. November untersagt werden
sollte, das Vorhaben zu Fall. Auch heute ist das Gesetzesprojekt,
dessen Text bislang geheimgehalten wird, heftig umstritten. "Das
Antiterrorgesetz wird die demokratischen Rechte der Bürger
außer Kraft setzen und die Strafprozessordnung zum Nachteil
des Volkes manipulieren", befürchtet Costas Papadakis
aus dem Vorstand der Anwaltskammer: "Und das", betont
der Anwalt, "werden wir auf keinen Fall hinnehmen."
Kernstück des neuen Gesetzes wird, so Papadakis, die Abschaffung
der Schöff/innen in politischen Verfahren sein. Die vier Schöff/innen
hatten in mehreren Antiterrorverfahren die drei Berufrichter/innen
überstimmt und die Anklage abgewiesen. Das Ergebnis: von den
146 Bombenanschlägen und Schusswaffenattentaten seit 1975 ist
nur eines "aufgeklärt" - und dies nur deshalb, weil
der Anarchist Nikos Maziotis nach seiner Festnahme 1998 unumwunden
erklärt hatte, er sei für einen Bombenanschlag auf das
Finanzministerium verantwortlich. Maziotis wurde in erster Instanz
zu 15 Jahren Haft verurteilt.
Wusste die Stasi alles?
In Sachen 17. November haben die griechischen Ermittler in der
Vergangenheit auch deutsche Unterlagen ausgewertet. Der Innenminister
erklärte noch kurz vor dem letzten Anschlag, er sei in Besitz
eines MfS-Dokuments, das die Mitgliederstruktur des 17. November
offen lege. Es ist nicht bestätigt, aber wahrscheinlich handelt
es sich dabei um ein Dossier, dass die US-amerikanische Botschaft
der griechischen Polizei im März 2000 offiziell übergeben
hat. Dort sind 60 griechische "Terrorismus-Verdächtige"
vermerkt, die - so schlugen die US-Diplomaten vor - einer DNS-Analyse
unterzogen werden sollten. Die Daten sollten dann mit dem Blut verglichen
werden, dass in einem Fluchtfahrzeug nach dem gescheiterten Anschlag
auf den deutschen Botschafter letztes Jahr sichergestellt wurde.
Die griechische Polizei allerdings hielt das Ansinnen für "nicht
verfassungskonform". Und der 17. November höhnte, die
Polizei könne anhand der Stasi-Liste ohnehin nur "einige
der üblichen Verdächtigen" verhaften.
Redaktionskollektiv Rowi, Quellen: AP-Meldungen, sooderso-Zeitung,
FAZ vom 19. Juli 2002
http://www.roteswinterhude.de/hintergrund.htm
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