Veranstaltung
Prozess gegen ELA
Prozess gegen 17.November
Haftbedingungen
Solidarität Staat&Repression
Presse
Erklärungen
Fotos und Plakate
Hintergrund
Aktuelles
Europäisches Sozialforum in Athen 2006
MAIL
|
junge Welt, 19.02.2004
Heike Schrader,
Athen
Anklage ohne Beweise
Griechenland:
Prozeß gegen mutmaßliche Mitglieder des "Revolutionären Volkskampfes"
Seit vergangener
Woche läuft in Griechenland der zweite große "Terroristenprozeß".
Vier Männern und einer Frau wird die Mitgliedschaft
im "Revolutionären Volkskampf" (Epanastatikos Laikos Agonas, ELA)
und die Beteiligung an Anschlägen vorgeworfen.
Der 1975 gegründete ELA verstand sich als Teil der Massenbewegung
des Volkes gegen das System. Sein Ziel war die Entwicklung dieser
Bewegung "bis zum revolutionären Sturz des kapitalistisch-imperialistischen
Systems und zur Errichtung einer sozialistischen Herrschaft des
Volkes".
In einer zwanzigjährigen Phase der "bewaffneten Propaganda" griff
der ELA hauptsächlich symbolische Ziele an. Seine Bomben und Brandsätze
verursachten Sachschäden an Gebäuden von internationalen Konzernen
und an Fahrzeugen von Angehörigen britischer und US-amerikanischer
Militärs. Nicht nur die Unterstützung der einheimischen, auch die
Solidarität mit der internationalen Arbeiterbewegung war Motiv für
die Aktivitäten des ELA. Als Reaktion auf den Tod der RAF-Gefangenen
im deutschen Hochsicherheitsgefängnis Stammheim setzten Mitglieder
der Organisation im Oktober 1977 das Warenlager der AEG im Norden
Athens in Brand. Bei einem Schußwechsel mit Zivilpolizisten kam
dabei der mutmaßliche Gründer des ELA und Herausgeber der Antipliroforise
(Gegeninformation) Christos Kasimis, ums Leben. Die Verbreitung
von Informationen und die "Ideologisierung" der Massenbewegung gehörten
zu den Schwerpunkten der ELA-Aktivitäten. Die 42 Ausgaben der Antipliroforis
waren auch an ausgewählten Kiosken und in Buchhandlungen erhältlich.
Erst seit Anfang der 90er Jahre ging der ELA gezielt auch gegen
Personen vor. Bei Angriffen auf Einrichtungen der Sondereinheiten
der griechischen Polizei (MAT) wurden Polizisten getötet und verletzt.
1995 stellte die Organisation ihre Aktivitäten ohne eine öffentliche
Erklärung ein.
Christos Tsigaridis ist der einzige Angeklagte, der eine Verbindung
zum ELA zugibt. Der 64 Jahre alte Rentner wurde im Februar 2003
festgenommen, erlitt jedoch in der Untersuchungshaft einen Herzanfall
und wurde im Mai vergangenen Jahres unter Auflagen aus dem Gefängnis
entlassen. Die anderen vier Angeklagten bestreiten jede der Anschuldigungen.
Michalis Kasimis nimmt an, daß er allein wegen seines Bruders Christos,
der bei dem Anschlag auf das AEG-Lager getötet wurde, angeklagt
ist. Die anderen drei Angeklagten sind auf Grund der Aussage der
Hauptbelastungszeugin Sofia Kiriakidou vor Gericht. Sie beschuldigt
ihren Exehemann Angeletos Kanas sowie die beiden Mitangeklagten
Konstantinos Agapiou und Irini Athanasaki, führende Mitglieder des
ELA gewesen zu sein. Angeblich hat sie die drei beim Bombenbauen
beobachtet.
Der 52jährige Angeletos Kanas bezeichnet die Beschuldigungen als
Hirngespinste, die seine Exfrau aus Eifersucht und Rachegelüsten
erfunden habe. Konstantinos Agapiou führt seine Verhaftung auf seine
politische Vergangenheit als aktiver Kämpfer im Widerstand gegen
die Militärdiktatur in Griechenland zurück. Irini Athanasaki "verdankt"
ihren Platz auf der Anklagebank nach eigener Einschätzung der Tatsache,
daß sie sich geweigert hat, mit den Geheimdiensten zusammenzuarbeiten
und ihren früheren Lebenspartner Agapiou zu belasten.
Mehr als 400 Zeugen sind aufgeboten, um den Angeklagten die Mitgliedschaft
in einer kriminellen Vereinigung, die Beteiligung an zwei Morden,
17 Mordversuchen und 69 Sprengstoffanschlägen nachzuweisen. Die
wenigsten werden allerdings Wesentliches zum Prozeß aussagen können.
Andere Beweise, wie Fingerabdrücke oder Waffenfunde, gibt es ebenfalls
nicht.
|