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Angehörigeninfo Nr. 291, 26.10.2004
1174 Jahre Gefängnis
"Kollektivschuld" als neuer Rechtsstandard: Vier der 'fünf Angeklagten
im Prozeß gegen die griechische ELA-Stadtguerilla verurteilt
Jeweils 972 Jahre Gefängnis für vier Angeklagte aus der 1995 aufgelösten
griechischen Stadtguerilla Organisation ..Revolutionären Volkskampf'
(Epanastatikos Laikos Agonas, ELA) hatte der Staatsanwalt für
.. Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung",
Beihilfe an 41 Bombenanschlägen, einem versuchten Attentat sowie
einem Mord und 48 Mordversuchen gefordert. Die am Montag vom Gericht
in Athen schließlich verhängten 1174 Jahre Gefängnis wurden auf
die vom griechischen Gesetz zulässige Höchststrafe von 25 Jahren
.. reduziert". Da die drei Männer und eine Frau bereits
zwischen ?? und 64 Jahren alt sind, ist das Urteil jedoch ungefähr
gleichbedeutend mit .. Lebenslänglich".
Für die Angeklagten Christos Tsigaridas, Angeletos Kanas, Konstantinos
Agapiou und lrini Athanasaki bewertete das Gericht zwar den Anklagepunkt
der .. Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung"
als veIjährt. Aus der als ..erwiesen" erachteten ELA-Mitgliedschaft
leitete das Gericht jedoch die Beteiligung der Angeklagten an allen
ELA zugeschriebenen Anschlägen ab. Katerina latropoulou, die Verteidigerin
von lrini Athanasaki und Witwe des im Februar 2004 in Athen verstorbenen
linken Aktivisten Rolf Pohle, erklärte dazu, die Verurteilten
würden für Verbrechen bestraft, die es gar nicht gab :
.. Vor Gericht wurden einzelne Taten, wie Anschläge mit einer
geringe Schäden verursachenden Bombe aus Campinggas, zu Sprengstoffanschlägen
aufgewertet. Aus Bombenanschlägen, die nur Sachschaden verursachen
sollten und auch nur Sachschaden verursachten, wurden Mordanschläge."
Die Staatsanwaltschaft hatte in dem acht Monate dauernden Verfahren keinen
einzigen Indizienbeweis für die Verstrickung der Angeklagten in
die ihnen zur Last gelegten Taten vorlegen können. Zudem verwickelte
sich die einzige substanzielle Belastungszeugin der Anklage, die
ehemalige Ehefrau des Angeklagten Angeletos Kanas, bei ihrer Aussage
in Widersprüche. Mal wollte sie zwei, mal drei der Angeklagten in
dieser, mal in jener Wohnung beim gemeinsamen Bombenbauen gesehen
haben.
Aus Mangel an Beweisen wurde der fünfte Angeklagte Michalis Kasimis vom
Gericht freigesprochen. Der Bruder des 1977 von der Polizei erschossenen
ELA-Gründers Christos Kasimis hatte für die ihm zur Last gelegte
Beihilfe zum versuchten Mordanschlag der Organisation
.. 1. Mai" gegen den Vorsitzenden des griechischen Gewerkschaftsverbandes
GSEE schon 1987 vor Gericht gestanden und war freigesprochen worden.
Das Gesamturteil allerdings bewertete dessen Anwalt Dimitris Belantis
als "erschreckend". Gegenüber der
jungen Welt sagte er: "Zum ersten Mal wurde im demokratischen Griechenland
mit dem Mittel der "kollektiven Schuld" verurteilt. Ohne daß es
Beweise für die konkrete Teilnahme eines Angeklagten an einer Tat
gab, werden den Verurteilten alle Aktionen angelastet.
Heike Schrader,
Athen
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