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Ergänzung zu So Oder So Nr. 13 :
veröffentlicht am 08.06.2004
Ein Rückblick auf den Gerichtsprozess
gegen die Revolutionäre Organisation 17. November
Gianna Kourtovik war Verteidigerin im Prozess
gegen die Revolutionäre Organisation 17. November. Die So oder So hatte sie um eine Stellungnahme zum Ausgang des Verfahrens
gebeten. Zum
ersten Mal...
Von Gianna Kourtovik
Am 18.Dezember 2003 wurde der Prozess gegen die 19 Beschuldigten
des 17. November abgeschlossen. Damit nahm eine unruhige Periode
ihr Ende, die mit der Explosion einer Bombe in den Händen des 40
jährigen Savvas Xiros
an einem Abend Ende Juni 2002 ihren Anfang gefunden hatte. Das Gericht
versuchte mit seinen Urteilen eine 27-jährige Geschichte zu "schließen"
und ihren heimlichen Bewunderern zu "antworten". Die Richter wollten
"Gleichgewichte herstellen" und versendeten "Botschaften",
in dem sie die 15 Angeklagten zu 55 mal lebenslänglich und ihnen
11.000 Jahre Gefängnis für eine Explosion ohne Opfer auferlegten.
So beurteilte das Gericht ein leeres Käsefass, das die Täter während
eines Bankraubes einem Kassierer über den Kopf stülpten, mit fünfmal
lebenslang, zerbrochene Glasscherben ergaben einen Mordversuch und
offensichtliche Unfälle wurden zu geplanten Hinterlistigkeiten.
Das Gericht war bestrebt ungerecht, hart und selbstverständlich
politisch zu sein. Das Gericht entsprach all dem, was sich bereits
vor dem Prozess abzeichnete. Die Aushebelung der Organisation war
durch eine nicht enden wollende Rohheit gekennzeichnet. Die Verfolgungsmechanismen
verliefen in einer völlig unkontrollierten Immunität, Gesetze wurden
offensichtlich verletzt und die Unschuldvermutung wurde geschändet.
Ein todkranker Schwerverletzter wurden einer unmenschlichen Behandlung
unterworfen, indem er, taub, blind und verstümmelt auf einer Intensivstation
liegend, 40 Tage lang verhört wurde, ohne das Recht zu haben einen
Anwalt zu sprechen- ein Tatbestand, der an den Fall des Deutschen
Günter Sonnenberg erinnert. Die betroffenen Menschen wurden geschmäht
und bewusst dem Kannibalismus der Massenmedien übergeben, es wurden
merkwürdige Beschuldigungen lanciert, die direkt aus politischen
Kreisen kamen und es erfolgte eine immerwährende, offene politische
Einmischung in die Ermittlungen.
18 Monate lang kamen US-amerikanische und britische Würdenträger
nach Griechenland und hielten Pressekonferenzen ab. Der US-amerikanische
Botschafter höchstpersönlich informierte die Journalisten über die
neuesten Entwicklungen und bezog Stellung zum Fortgang der Verhöre
und des Prozesses. Gemeinsam mit griechischen Hinterbliebenen, brachen
US-Amerikanische und britische Angehörige alle Rekorde in der
Einflussname der Massenmedien, indem sie die harte Urteile forderten.
Die US-amerikanischen Beamten mit ihren Menschenkesselchen fehlten
an keinem einzigen Prozesstag. Das Gericht war nie allein.
Griechenland erlebte nach all den bleiernen Jahren, die auf den
Bürgerkrieg folgten, zum ersten Mal einen derartigen politischen
Prozess unter solchen Bedingungen. Zum ersten Mal wurde die parlamentarische
Linke beschuldigt und beschuldigte sich selbst. Ihre Parteien, die
SYN und die KKE (Linkes Bündnis und KP), konzentrierten sich geradezu
fanatisch gegen Menschen, die "ihre Kinder" waren und verteidigten
mit offiziellen Erklärungen die Glaubwürdigkeit der Verfolgungsmechanismen,
lobten den Gesetzesbruch und schwiegen zu der Folter und den bis
zum jetzigem Zeitpunkt unbekannten Haftbedingungen in den Gefängnissen.
Zum ersten Mal sah sich die außerparlamentarische, unfassbare Linke
genötigt, öffentlich äußerst umstrittene Aktionen zu verteidigen,
welche sie bis zum damaligen Zeitpunkt verurteilt hatte. Und zum
ersten Mal haben wir in Griechenland nach all jenen Jahren "weiße
Zellen" und linke politische Gefangene, die viele Jahre im Gefängnis
bleiben werden. Aber auch auf der Ebene des juristischen Kampfes
erlebten wir zum ersten Mal Beschuldigte, die ihre Verantwortung
übernahmen, die ihre Aktionen verteidigten, die das Verfahren der
anzweifelten und den Prozess in einen Ort der politischen Auseinandersetzung
verwandelten. Der Gerichtsprozess wurde zu einem Zeitpunkt des "gesellschaftlichen
Konflikts", wie der Beschuldigte Dimitris Koufontinas es ausdrückte.
In diesem Klima arbeitete die Verteidigung an vielen Fronten. Sie
versuchte den politischen Charakter der Aktivitäten der Organisation
zu verteidigen, die historischen Ausgangspunkte und ihre gesellschaftlichen
Gründe aufzuzeigen, welche die bewaffnete Bewegung in Europa hervorbrachten.
Sie bemühte sich das negative Klima und die Geilheit des Schreckens,
die gepflegt wurden, zu kippen und die Werte und die Visionen der
gesellschaftlichen Kämpfe zu verteidigen. Sie tat ihr möglichstes,
die Rechtsbrüche, die sich bereits vor dem Prozess stattgefunden
hatten, aufzuzeigen.
Die vernichtenden Strafen waren nicht das einzige Ergebnis dieses
Prozesses. Trotz einer Aktionszeit von insgesamt 27 Jahren; trotz
23 Toten, einem Dutzend Raubüberfällen und Dutzender Bombenangriffen,
etwa gegen die Botschaft der USA, das am besten behütete Ziel Athens;
trotz des mehrfachen Eindringens in Kasernen, in Polizeistationen,
selbst während der Mittagszeit, in das Kriegsmuseum im Zentrum von
Athen zum Zwecke der Waffenbeschaffung im Rahmen der Besuchszeit,
haben es die Beschuldigte im Prozess geschafft, den gegen sie gerichteten
Zorn der Behörden zu wenden. Sie gewannen den Respekt ihrer Gegner
und es gelang ihnen sogar, sie von dem politischen Charakter ihres
Prozesses zu überzeugen. Sie veranlassten den Vorsitzenden des Gerichts
zu den Worten: "Ich habe Sie nie als Verbrecher angesehen, Sie waren
Menschen mit Visionen, Sie haben aber das Gesetz verletzt, und zwangsweise
stehen Sie dem Richter gegenüber."
Für alle, die den Prozess verfolgten, blieb zurück, dass sich dort
zwei Klassen gegenüber standen: Auf der einen Seite - auf der Anklagebank
- die "Heißblütigen" der armen und ärmsten Schichten der griechischen
Gesellschaft, auf der anderen Seite die einflussreichsten Familien
des Landes, die größten Anwaltsfirmen und die mächtigsten Länder
der Erde. Denn über die Analysen der gesellschaftlichen Erschütterungen
und politischen Verleumdungen der späteren Zeit der Nachjunta hinaus,
die die bewaffneten Bewegungen der Linke schufen, war vor allem
das der 17. November. Er war eine Gruppe von einfachen Menschen
des Volkes - warum eigentlich sollten sie auch Intellektuelle sein?
-, die es wagten sich mit wenigen Kräften und mit schwachen, aber
gewaltsamen Mitteln den Mechanismen der gesetzlichen Gewalt entgegenzustellen
und zu beweisen, dass sie nicht unbesiegbar sind. Egal ob es die
bewaffnete Sicherheitskräfte waren, die für unzählige Tote der letzten
Jahre verantwortlich waren, ob es wirtschaftlichen Interessen und
ihre Arbeitsunfälle waren, oder die Herrscher über den Planeten,
die verantwortlich sind für tödliche Kriege und die Erniedrigung
vieler Völker. Die Mitglieder des 17. November haben es 27 Jahre
lang geschafft, ihre Gegner in Erstaunen zu setzen, sie waren einzelne
Reiter in einem Europa, das seit langer Zeit die bewaffnete Gerechtigkeit
vergessen hatte. Kurz vor ihrem Ziel haben sie das Spiel verloren.
Sie siegten und wurden besiegt. Und wurden verurteilt, wie alle
Besiegte. So ist die Geschichte.
Mai 2004
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