|
Jungle World 3 - 08. Januar 2003
Volles Programm
Im März beginnt der Prozess gegen die mutmaßlichen
Mitglieder der Gruppe 17. November. Doch der griechische Staat scheint
sich damit nicht zu begnügen.
von harry ladis , thessaloniki
Ein
dichtes Programm steht Griechenland in den kommenden Monaten bevor.
Anfang des Jahres übernahm das Land für sechs Monate die Präsidentschaft
der Europäischen Union. Am 16. April sollen in Athen unterhalb der
Akropolis die Verträge und Protokolle des Beitritts der neuen EU-Mitgliedsstaaten
zum Mai 2004 unterzeichnet werden. Ein zweiter Gipfel zum Abschluss
der griechischen Ratspräsidentschaft findet am 20. Juni in der Nähe
von Thessaloniki statt. Neben der Erweiterung der EU hat Ministerpräsident
Kostas Simitis
die Steuerung der Zuwanderung zum zentralen Ziel der griechischen
Präsidentschaft erklärt. Doch vor den EU-Gipfeltreffen steht noch
ein anderes Event auf dem Programm: der "Prozess des Jahrhunderts".
Anfang
März soll der Prozess gegen die mutmaßlichen Mitglieder der Stadtguerillagruppe
17. November beginnen. Der Staat lässt sich das Spektakel einiges
kosten. So sollen allein die Ausgaben für den Umbau der Frauenabteilung
des Athener Knastes Koridalos , wo der Prozess stattfinden soll, mehr als zwei
Millionen Euro betragen.
Dort
wurden auch die Sonderabteilungen eingerichtet, in denen sich die
Gefangenen mit drei Stunden Hofgang täglich begnügen müssen und
den Rest des Tages alleine in ihren Zellen in Isolationshaft verbringen.
Den härtesten Haftbedingungen unterworfen ist Ageliki
Sotiropoulou , die einzige Frau, die wegen
Mitgliedschaft in der Gruppe 17. November angeklagt ist. Ihr ist
keinerlei Kontakt zu den anderen Gefangenen der Gruppe erlaubt.
Sotiropoulou wurde aufgrund eines Fingerabdrucks in U-Haft genommen,
bestreitet aber die Mitgliedschaft in der Organisation. Bei ihr
scheint man eine Art Sippenhaft anzuwenden, denn ihr Lebensgefährte
Dimitris Koufodinas , den sie Mitte Dezember im Knast heiratete, gilt
als eine der zentralen Figuren der Gruppe.
Am Tag
nach ihrer Eheschließung begann Sotiropoulou
einen Hungerstreik gegen ihre Haftbedingungen. Kurz darauf solidarisierten
sich sechs Gefangene der Gruppe 17. November mit ihr und nahmen
ebenfalls keine Nahrung mehr zu sich. Immerhin gestattete ihr die
Gefängnisaufsicht daraufhin, einmal pro Woche für eine halbe Stunde
ihren Sohn ohne Anwesenheit der Wärter zu empfangen.
Diskutiert
wird derzeit darüber, ob die Gerichtsverhandlung im Fernsehen übertragen
werden soll. Der Justizminister ist dagegen, weil er meint, daraus
könne eine "Seifenoper" werden. Der Athener Anwaltsverein hingegen
befürwortet eine Fernsehübertragung, da so eine Transparenz des
Prozessverlaufs hergestellt werden könne. Zudem hoffen die Anwälte,
auf diese Weise möglichen Verstößen gegen Strafprozessregeln vorbeugen
zu können, die insbesondere in politischen Prozessen häufig vorkommen.
Neben
Alekos Giotopoulos , der als Theoretiker der Gruppe gilt und nach
der Anklageschrift die Attentate geplant und die Bekennerschreiben
verfasst haben soll, ist Koufodinas der
zweite Hauptangeklagte. Er soll die Aktionen der Gruppe geleitet
haben. Koufodinas stellte sich selbst den Behörden und übernahm die
Verantwortung für die Aktionen der Guerilla. Seitdem fungiert er
als eine Art Sprecher der Gruppe 17. November.
Im Dezember
erschien ein Interview mit ihm in der Tageszeitung Eleftherotypia ,
in dem er mit einer klassischen antiimperialistischen Argumentation
die Ziele und Methoden der Guerilla verteidigte: "Wenn die Linke
die revolutionäre Gewalt nicht als eine politische und soziale Erscheinung
betrachtet und auf banalen Etiketten beharrt, kann sie sich auf
zukünftige angebliche Geheimagenten gefasst machen." Er kritisierte
damit einen Teil der griechischen Linken, der in den militanten
Vertretern des typischen linken Patriotismus und Antiamerikanismus
nur Kriminelle und Agenten sehen will.
Kurz
darauf meldete sich Koufodinas erneut
zu Wort und erklärte, dass sechs der insgesamt 84 Texte, die in
einem kürzlich erschienenen Band mit sämtlichen Materialien der
Gruppe 17. November enthalten sind, Fälschungen der Geheimdienste
seien. Alle entstammten der kurzen Regierungszeit der rechtskonservativen
Nea Dimokratia in den Jahren 1990 bis
1992. Eleftherotypia zitierte darauf eine
nicht näher benannte Quelle aus der Polizeiführung mit den Worten:
"Ich stimme der Unterscheidung des Terroristen völlig zu."
Ähnlich
wird in einem Schreiben argumentiert, das ein anderer Gefangener,
Vassilis Tzortzatos ,
aus dem Gefängnis schickte. Er wirft der Polizei vor, bei den Verhören
gefoltert zu haben, und beschreibt die Weltsicht der Gruppe. Die
wahren Terroristen seien die Imperialisten, die griechische Gesellschaft
hingegen ist bei ihm kein Gegenstand der Kritik.
Das
gesamte linke Spektrum verfolgt die Geschichte verwirrt. Außer der
ausdrücklichen Unterstützung für den autonomen Gewerkschafter Giannis
Serifis ( Jungle
World, 40/02), mit dessen Verhaftung im vergangenen Herbst die Repression
gegen die radikale Linke deutlich verschärft wurde, weiß man nicht,
mit wem man sich solidarisieren soll. Der Protest gegen die Sonderhaftbedingungen
gilt als selbstverständlich. Darüber hinaus aber gehen die Auffassungen
in Sachen 17. November weit auseinander.
So wollen
manche Linksradikale, die den bewaffneten Kampf keineswegs ablehnen,
nichts mit der Organisation zu tun haben. Andererseits entdecken
manche Anarchisten plötzlich Sympathien für die leninistisch-maoistischen
Gefangenen. Sie vergessen dabei nicht nur, dass deren autoritäre
Vorstellungen mit den eigenen kaum etwas gemein haben, sondern auch,
dass diese Gruppe nie Kontakte zu sozialen Bewegungen suchte.
Gleichzeitig
verbreiten die Medien ständig neue Gerüchte über weitere bevorstehende
Verhaftungen. So ist von 15 Mitgliedern anderer, zum Teil nicht
mehr aktiver Stadtguerillagruppen die Rede, die als nächste ins
Visier der Antiterrorfahndung geraten sollen.
Da sich an diesen Gruppen ( Jungle World,
52/01) weitaus mehr Menschen beteiligten, könnte ein großer Teil
der linksradikalen Szene kriminalisiert werden.
Ein
neuer Antiterrorgesetzentwurf, der die griechische Gesetzgebung
mit im vergangenen Jahr beschlossenen Richtlinien der EU-Innenministerkonferenz
in Einklang bringen soll, ist schon fertig. Weitere Maßnahmen vor
dem EU-Gipfel von Thessaloniki sind zu erwarten.
|