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jungle world , Nr. 29/2002 - 10.
Juli 2002
Terror verzweifelt
gesucht
Die griechische
Polizei präsentiert die Verhaftung eines Bombenlegers als Erfolg
gegen die Guerillagruppe 17. November.
von harry
ladis , thessaloniki
Seit
langem bemüht sich Griechenland, mit den anderen EU-Staaten bei
der Bekämpfung des Terrorismus Schritt zu halten. Bislang ohne großen
Erfolg. Seit der ersten Aktion vor 27 Jahren ist es den Behörden
nicht gelungen, auch nur ein einziges Mitglied der Organisation
17. November festzunehmen, obwohl diese Stadtguerilla sich zu insgesamt
23 Mordanschlägen bekannte. Die Sicherheitskräfte mussten sich damit
begnügen, gelegentlich der Öffentlichkeit einige verdächtige Anarchisten
zu präsentieren, die anschließend meistens wegen mangelnder Beweise
wieder freigelassen wurden.
Jetzt sieht es
zum ersten Mal anders aus. Die Polizei will endlich ein mutmaßliches
Mitglied der Gruppe 17. November festgenommen haben. Dem 40jährigen
Ikonenmaler Savas Xirosem
explodierte am vorletzten Samstag am Hafen von Piräus eine selbst
gebastelte Bombe in den Händen. Er verlor dabei seine Finger, erlitt
schwere Verbrennungen und liegt seitdem unter strenger Bewachung
auf der Intensivstation.
In seiner Tasche
wurden zwei weitere Bomben, eine Pistole und Handgranaten gefunden.
Die Indizien legten zunächst nahe, dass Xirosem
dem so genannten leichten Terrorismus zuzurechnen ist. Damit werden
in Griechenland Gruppen bezeichnet, die kleinere Attentate auf Autos,
Banken oder Büros von Politikern durchführen. Vor allem ein Umstand
deutete darauf hin. Nicht weit vom Ort des Unfalls entfernt befindet
sich das Büro des Pasok-Abgeordneten und
ehemaligen Basketballspielers Panagiotis
Fasoulas , auf das drei Tage zuvor ein Sprengstoffanschlag
verübt worden war. Xirosem plante einen
Anschlag auf die Hafenbehörden, um seine Solidarität mit den Streiks
der Seeleute ( Jungle World, 27/02) kundzutun, lautete die erste Einschätzung
der Polizei.
Erst zwei Tage
später realisierten die Behörden, auf welche Spur sie mit der überraschenden
Festnahme gestoßen waren. Die bei Xirosem
gefundene Pistole sei einem Polizisten 1984 bei einem Banküberfall
der Organisation 17. November gestohlen worden, hieß es nun.
Eine spektakuläre
Wende nahm der Fall aber vergangenen Mittwoch
mit einer weiteren Entdeckung. Die Polizei teilte mit, dass sie
den zentralen Lagerraum der Organisation in Patissia
nahe Athen ausfindig gemacht habe. Dort sei unter anderem eine Pistole
gefunden worden, die die Stadtguerilla bei ihren Attentaten häufig
verwendet hatte. Außerdem wurden Raketen entdeckt, die 1989 aus
einer Kaserne der griechischen Armee gestohlen worden waren, sowie
eine Fahne mit einem gelben Stern und einem Maschinengewehr, dem
Symbol der Gruppe.
Seitdem läuft die
Suche nach weiteren Mitgliedern des 17. November im ganzen Land
auf Hochtouren. Im Fernsehen wird die Bevölkerung aufgerufen, sich
an der Fahndung zu beteiligen. Angaben über mutmaßliche Terroristen
können rund um die Uhr vertraulich über eine Hotline an eine Sonderkommission
weitergeben werden.
Die Behörden sind
allerdings auch dringend auf Informationen über Xirosem
angewiesen, denn der Mann ist ihnen bislang völlig unbekannt. Es
gebe weder Einträge im Strafregister, noch sei er in einem der vielen
Anarchistenprozesse aufgefallen, zitiert die Tageszeitung Eleftherotypia
den ehemaligen Polizeichef von Thessaloniki. Mit anderen Worten:
Die staatlichen Institutionen haben keine Ahnung, wen sie in Piräus
eigentlich gefangen haben.
So blieb den so
genannten Sicherheitsexperten in den TV-Sendungen nichts anderes
übrig, als ihre banalen Erkenntnisse aufzuzählen. Xirosem
sei mit einer Spanierin befreundet, die jedoch keine Verbindung
zur Eta unterhalte. In seiner Jugend habe er angeblich Kontakt zur
anarchistischen Szene von Thessaloniki gehabt und sei in den Sudan
gereist. Damit hatten sich ihre Informationen über den angeblichen
Terroristen auch schon erschöpft.
Obwohl er offensichtlich
nicht zu den "üblichen Verdächtigen" gehört, benutzt die Polizei
die Festnahme, um ihren "Kampf gegen den Terrorismus" zu legitimieren.
Im vergangenen Jahr beschloss das Parlament die so genannten Antiterrorgesetze,
die mit den Maßnahmen der deutschen Regierung in den siebziger Jahren
vergleichbar sind ( Jungle World, 13/01).
Jetzt ist die Gelegenheit
da, sie anzuwenden. In allen Medien wird ausführlich über DNA-Analysen
von Haaren, Speichel und Blutflecken berichtet, und das zu einer
Zeit, in der sonst die Urlaubsplanung das wichtigste Thema ist.
Zwei Tage nach dem Waffenfund in dem Lagerraum organisierte die
Polizei die größte Razzia in der jüngeren Geschichte des Landes
und stellte Wohnungen von Anarchisten und Linksradikalen auf den
Kopf.
Währenddessen warten
CIA-Agenten, Spezialisten der Antiterroreinheit und hohe Polizei-
und Geheimdienstmitarbeiter nur darauf, den schwer verletzten Ikonenmaler
verhören zu können. Sie hoffen, endlich über einen Kronzeugen zu
verfügen, der über die mysteriöse Geschichte und Struktur des 17.
November berichten kann.
Und auch die sozialdemokratische
Pasok-Regierung hat allen Grund, sich
über den unerwarteten Erfolg zu freuen. In den Umfragen liegt sie
derzeit um acht Prozent hinter der rechtskonservativen Nea Dimokratia.
Sollte sie nun bei der Terrorismusbekämpfung triumphieren, könnte
sich vor den Kommunalwahlen im kommenden Oktober der Abstand deutlich
verringern.
Wenn der Fall sich
jedoch als weniger spektakulär erweist, ist der griechischen Regierung
eine internationale Blamage sicher. Schließlich zweifeln vor allem
die US-amerikanische und die britische Regierung schon seit langem
an der Kompetenz und dem Willen der griechischen Institutionen im
Kampf gegen den Terrorismus.
Ein Debakel ist
dabei nicht ausgeschlossen. Einige Details der Geschichte lassen
an der Glaubwürdigkeit der polizeilichen Mitteilungen zweifeln,
dass es sich bei dem Festgenommenen wirklich um ein Mitglied der
Gruppe 17. November handelt.
So wirkt es nicht
besonders überzeugend, dass bei dem angeblichen Guerillamitglied
eine gestohlene Polizeiwaffe gefunden wurde, die schon bei mehreren
Attentaten zum Einsatz kam. Zudem hatte der Mann eine Kredit- und
eine Telefonkarte sowie seinen Schlüsselbund bei sich. Gegenstände
also, die bei einer eventuellen Festnahme fatale Folgen für ihn
und seine Komplizen haben konnten. Mit der Telefonkarte habe er
kurz zuvor in dem später entdeckten Lagerraum angerufen, mit einem
der Schlüssel konnte die Polizei anschließend sogar dessen Türen
öffnen. Für ein Mitglied einer Terroristengruppe, die als eine der
profesionellsten der Welt gilt, ein höchst
unvorsichtiges Verhalten.
Auch die Umstände
seiner Verhaftung sind merkwürdig. Bereits 20 Minuten nachdem die
Bombe in seinen Händen explodierte, durchsuchte die Polizei seine
Wohnung, obwohl Xirosem durch die Explosion im Gesicht verletzt wurde und
Polizisten erst Stunden später in der Lage waren, ihn eindeutig
zu identifizieren.
Wie es der Zufall
wollte, erschien just am Tag nach dem Unfall in der Zeitung To Vima
ein Beitrag von Alexis Papachela. Der
Journalist ist in Griechenland bekannt für seine gut recherchierten
Artikel über die Geheimdienste. Er behauptete, dass drei bis vier
Mitglieder der Gruppe 17. November der Polizei schon seit längerem
bekannt seien. Den Artikel hatte er vor dem Unfall in Piräus verfasst.
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