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fau -Soli - 22.11.02 von R. Dreis /Ffm
Giannis Serifis:
'Die Terrorisierung einer Bewegung'
Die
mutmaßlichen Mitglieder der griechischen Stadtguerilla 17.November
sind verhaftet. Die Gelegenheit ist günstig für den griechischen
Staat gegen die radikale Linke vorzugehen. Der 65jährige Giannis
Serifis ist ein in Griechenland bekannter Syndikalist, der schon
gegen die Militärjunta gekämpft hat. Seit den 70er Jahren gehört
er zu den "üblichen Verdächtigen", wie die Anarchisten
genannt
werden, die nach jedem Anschlag einer Stadtguerillagruppe von der
Polizei präsentiert werden. Jetzt behaupten einige, Serifis sei
Gründungskader des 17.November.
Mit ihm sprachen
Giorgos Gioukakis und Babis Agrolabos für die griechische Tageszeitung
Ethnos. Das Interview erschien am 28.Juli 2002.
?
Könnten Sie der Nächste sein der wegen Mitgliedschaft im <17.November>
angeklagt wird?
! Eingekreist bin
ich von einem Teil der Medien die sich aufführen als wären
sie die Verfolgungsbehörden. Von der Polizei wurde ich weder belagert
noch belästig. Ich habe auch noch nicht bemerkt, dass ich besonders
überwacht werde, also mehr als es in der Vergangenheit üblich war.
?
Sie verstehen allerdings, dass Ihr Name nicht aus dem Nirgendwo
aufgetaucht
ist?
! Ich bemerke, dass mein Name von gewissen Stellen mit dem Fall
verwickelt
wurde. Damals im Fall Ravtopoulos (1) geschah genau das gleiche.
An dem Tag
als der Anschlag stattfand war ich von morgens bis abends im Verwaltungsrat
meiner Gewerkschaft. Wir hatten gerade die Verhandlungen wegen der
neuen Kollektiv-Verträge, und trotzdem stand mein Name am nächsten
Tag als Hauptverdächtiger in der Zeitung.
?
Haben Sie eine Einschätzung warum Christodoulos Xiros (2) Sie belastet
hat?
! Keine Ahnung,
vielleicht sucht er ein Alibi, vielleicht spielt dabei wieder
die Polizei eine Rolle.
?
Aus welchem Grund?
! Aus den gleichen
Gründen wegen denen sie Konstrukte bei der AEG-Aktion
(3) und dem Fall Ravtopoulos aufgebaut haben. Außerdem gibt es ein
Terror- und
Verrätergesetz (4) und die Verhafteten glauben, dass sie ja zu allem
sagen müssen
was ihnen die Polizei sagt.
?
Sie werden die Aussagen von Christodoulos Xiros gelesen haben. Er
erwähnt,
dass Sie ihm gegenüber den bewaffneten Kampf propagiert haben und
ihn dann mit
Koufodinas (5) in Kontakt gebracht haben.
! Christodoulos Xiros hat auch noch andere Sachen gesagt. Ich habe
allerdings
kein Interesse mich mit seinen Verlautbarungen zu beschäftigen.
Um eins klarzustellen, den Koufodinas kenne ich noch nicht mal vom
Sehen.
?
Wie ist Ihre Meinung zum bewaffneten Kampf? Lässt er sich unter
den heutigen Bedingungen rechtfertigen?
! Nein, er kann
auf keinen Fall gerechtfertigt werden, solange es keine entwickelte
klassenkämpferische Bewegung gibt. Der Punkt ist nicht eine Macht
gegen eine andere auszutauschen. Wenn wir die Welt verändern wollen,
müssen wir das gemeinsam tun. Wir können nichts mit einer handvoll
Leuten verändern, die versteckt irgendeine Art von bewaffnetem Kampf
führen. Wenn wir an den Punkt kommen wo das Volk entschieden hat
eine Situation aktiv zu verändern ist das komplett anders. Ich glaube
an die politische Selbstorganisation und den Kampf. Dafür setze
ich mich schon mein ganzes Leben ein im Arbeitsbereich. Und ich
glaube, dass Selbstorganisation überall möglich ist, bei den Bauern,
an den Universitäten u.s.w. Das bedeutet allerdings größere Verantwortlichkeit,
größeres politisches und gesellschaftliches Bewusstsein, mehr Teilnahme
und Solidarität. Wenn diese Bedingungen existieren, diskutieren
wir auch über bewaffneten Kampf.
?
Sie reden von Revolution.
! Genau. Um allerdings
in eine vorrevolutionäre Situation zu kommen müssen wir hart arbeiten.
Es ist meine Wahl dafür zu arbeiten das die Gesellschaft sich ändert,
und ich tue es offen. Es hat mich nie interessiert dass sich irgendwelche
Retter finden, die das Volk retten. Wenn sie wollen bedeutet das,
dass sich das Volk selbst retten kann.
?
Im politisch-ideologischen Rahmen den sie angeführt haben, könnte
dort nicht der <17.November> als "revolutionäre Avantgarde"
wie sich die Organisation in Erklärungen selbst bezeichnet ihren
Platz finden?
! Ich glaube, dass
keine hierarchische Organisation mit so klarem Machtanspruch
wie der <17.November> Avantgarde sein kann.
?
Hat die Tatsache, dass Sie Gewerkschafter und über Jahre Mitglied
des Verwaltungsrats sind, nicht dazu geführt, dass Sie Macht ausgeübt
haben?
! Das ist einer
der Widersprüche. Manchmal sind wir von den Bedingungen her gezwungen,
eine gewisse Rolle zu spielen. Aber sogar in diesem Fall, also in
der Gewerkschaft war es immer unser Ziel autonome Vereinigungen
zu bilden. Bei AEG 1976-77 mussten wir gezwungenermaßen 15 Stunden
am Tag arbeiten und die parteinahen Gewerkschaften haben nichts
gemacht. So haben wir selbstorganisierte
Basiskomitees gegründet und daraufhin den Arbeitsvertrag angegriffen.
Nach 77 Tagen Arbeitskampf haben wir gewonnen, weil wir nicht das
Spiel der offiziellen Gewerkschaften mitgespielt haben.
?
Jemand der von Ihrer Laufbahn als Syndikalist hört wird sich fragen
warum Ihr Name ständig mit Terrorismus in Verbindung gebracht wird.
! Ich erinnere
sie daran, dass das schon lange vor AEG begann. Ich war Gastarbeiter
in Deutschland und später in Australien. Ich wollte in Europa sein,
in Kontakt mit den antidiktatorischen Bewegungen. Während dieser
Zeit habe ich mich für die Bewegung <20.Oktober> (6) entschieden,
eine antihierarchische, antiherrschaftliche Bewegung. Wir haben
Arbeiter-Unterstützungskomitees gegründet und alles was die Kollegen
in Griechenland brauchten aus Deutschland geschickt. Mein Name wurde
durch Verhaftungen bekannt und ich wurde in Abwesendheit verurteilt.
Wissen sie was damals in Morfati, meinem Dorf los war? Polizeikräfte,
die Armee und die Geheimpolizei umzingelten es drei Monate lang.
?
Hat sich der <20.Oktober> nach dem Sturz der Junta aufgelöst?
! Innerhalb von
24 Stunden haben sich alle antidiktatorischen Organisationen aufgelöst.
Wir haben uns beeilt zurückzukehren. Ich bin kurz vor den Wahlen
1974 zurückgekehrt. Mit normalen Papieren, allerdings war ich sehr
vorsichtig, da es intensive Gerüchte über einen neuen Putsch gab.
Ich ging dann zurück nach Deutschland auf Arbeit und war 1975 nicht
in Griechenland. Endgültig zurückgekehrt bin ich im folgenden Jahr.
Meine politische Überzeugung war, dass eine antagonistische Gewerkschaftsbewegung
entwickelt werden müsste. Wir diskutierten damals über eine Assoziation
unabhängiger Betriebsgruppen. Das haben wir nicht geschafft, da
uns die AEG- Geschichte dazwischenkam. Ich wurde in U-Haft gesteckt
mit der Beschuldigung Christos Kassimis (7) ermordet zu haben. Als
ich aus dem Knast entlassen wurde war unsere Gewerkschaft komplett
von den Parteien bestimmt.
?
Nach dem was jetzt an die Öffentlichkeit kommt hatte auch Christos
Kassimis Beziehungen zum <17.November>.
! Das glaube ich
nicht. Es ist etwas komplett anderes aus Protest eine Bombe zu legen
oder einen Mord zu begehen.
?
Was für eine Meinung haben Sie sich über den <17.November>
gebildet?
! Bis jetzt habe
ich nur von Strafdelikten gehört. Ich warte auf ihre politischen
Aussagen. Unabhängig davon dass ich anderer Meinung bin erwarte
ich von ihnen
dass sie die politische Verantwortung übernehmen.
?
Sagen Sie mir ehrlich, erwarten Sie, dass sie verhaftet werden?
! Ich weiß ehrlich
nicht was ich erwarte. Jeden Tag höre ich vier fünf Mal dass es
sein kann, dass sie mich verhaften.
?
Wenn Sie nichts getan haben warum haben Sie dann Angst?
! Alles was geredet
wird sind Falschaussagen. Ich habe einfach nichts damit zu tun,
nicht einmal ideologische Verwandtschaft. Das was mit mir geschieht
hat mit der Terrorisierung einer Bewegung zu tun, die außerhalb
von Apparaten und Parteien steht. Genau das passt denen allen prima.
Der Regierung, weil sie endlich Amerikanern, Engländern u.a. beweist,
dass sie gut arbeitet. Der Opposition, weil sie sieht, dass diese
Geschichte zu Lasten der Linken geht.
?
Was tun Sie wenn Sie von der Polizei zum Verhör abgeholt werden?
! Ich werde keine
Rechenschaft über mein Leben, meine Aktivitäten und meinen Kampf
gegen die Diktatur ablegen. Auch nicht über meine Teilnahme an gewerkschaftlichen
und gesellschaftlichen Kämpfen. Ich werde vor keinem Staatsschutz
irgendetwas erklären, da können die machen was sie wollen. Wenn
die mich verurteilen wollen, sollen sie mich für das verurteilen
was ich bin.
?
Haben Sie jemals Wut empfunden so das Sie gesagt haben jetzt nehme
ich eine Waffe und ...
! Nie, was sollte
ich damit erreichen. Die Welt ändert sich nicht mit Gewalt und Unterdrückung,
sondern durch ständiges Infragestellen und Kampf.
?
Wie stellen Sie sich das Verfahren des Infragestellens vor?
! Politisch, das
die Leute ihr Leben in die eigenen Hände nehmen. Ein Teil des Lebens
ist die Politik und deshalb unterstütze ich die Ansicht, dass wir
sie nicht Berufspolitikern und angeblichen Fachleuten anvertrauen
dürfen.
Autor:
Übersetzt und gekürzt von Ralf Dreis
http://www.fau.org/fau/www.fau.org/artikel/art_030413-131941
Anmerkungen:
1) Ehemaliger 1. Vorsitzender der GSEE (Allgemeiner Griechischer
Gewerkschaftsbund). 1987 verübte die Organisation <1.Mai>
einen Mordanschlag auf ihn.
2) Mitglied des <17.November>.
3) Nach den RAF Toten in Stammheim verübte ein Kommando des ELA
(Revolutionärer Volkskampf) einen Bombenanschlag auf die AEG-Niederlassung
in Athen.
4) Anfang des Jahres wurde das "Antiterrorgesetz" mit
Kronzeugenreglung verabschiedet.
5) Seit Ende Juni gesuchter "Topterrorist" des <17.November>,
der sich 5.9.2oo2
der Polizei stellte.
6) Exilgruppe gegen die Junta.
7) Bei der AEG-Aktion wurde Christos Kassimis von Zivilpolizisten
mit Kopfschuss
getötet. Der Mord sollte Serifis angehängt werden.
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