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Europäisches Sozialforum in Athen 2006
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122. Verhandlungstag, Montag, 24. Juli 2006
Bevor Ch. Xiros den Gerichtsaal wegen gesundheitlicher
Probleme verlässt, bittet er ums Wort: "24. Juli. Geburtstag
eurer Demokratie. (Am 24. Juli 1974 endete die Militärjunta
(1967-74) in Griechenland; d. Verf.) 24. Juli. Ein völlig anderes
Jubiläum für die meisten von uns, die bereits 4 Jahre
der sogenannten ‚besonderen Haftbedingungen’ hinter sich haben.
Besondere Bedingungen, die jenseits der unterirdischen Zellen und
des übrigen beschränkten Raumes als Charakteristikum die
unmenschliche streng eingehaltene Isolation haben. Euer Strafvollzugsrecht
verbietet ausdrücklich, Gefangene mit mehr als 10 Tagen Isolation
zu bestrafen. Wir haben bereits 4 Jahre davon hinter uns. Und für
einen von uns, meinen Bruder Savvas mit seinen gravierenden Gesundheitsproblemen,
ist die Isolation noch viel fürchterlicher.
Ich stimme hier mit Herrn Margaritis (Vorsitzender
Richter im 17N-Prozess erster Instanz, d. Verf.) überein, der
im ersten Prozess wiederholt erklärte: ‚Die Justiz nimmt keine
Rache’. Tatsächlich, dieses System ist etwas völlig anderes,
das nicht das Geringste auch nur mit dem Wort ‚Demokratie’ gemein
hat. Ich persönlich, als politischer Gegner, bin von dieser
Haltung nicht überrascht. Das System interessiert sich überhaupt
nicht dafür, ob du unschuldig bist oder schuldig, ihm reicht
es, dass du ein Gegner bist.
Dies wird eindrucksvoll von der plötzlichen
Verschlechterung meines Gesundheitszustandes bestätigt. Ich
habe den Fehler gemacht, an einem Samstag zu erkranken und während
zweier Tage verhöhnt man mich, indem mir erklärt wird,
dass kein Arzt da sei. Wahrscheinlich verfolgt der Strafvollzug
hier eine neue Methode, die ich als den geringst möglichen
Einsatz von Ärzten bezeichne. Mit anderen Worten, wenn du hier
krank wirst – und noch schlimmer, wenn du am Wochenende krank wirst
– bringt man dich etwa eine Woche später zum Arzt. Wenn das
Problem kein ernstes war, bist du schon drüber weg und brauchst
also gar keinen Arzt. Wenn es was ernstes ist, verreckst du, gibst
du den Löffel ab, brauchst also wieder keinen Arzt und hast
außerdem noch den Vorteil, dass du schnell draußen bist."
Die Vernehmung des ehemaligen Polizeichefs Makris
zum Fall Riancour dauert nur wenige Minuten. Er wird gefragt, ob
er irgendetwas über eine Verstrickung der Angeklagten in den
Fall angeben könne, und Makris verneint.
Der ehemalige Polizeichef Nistikakis ist gar
nicht erst erschienen und so ist im Folgenden die Reihe am ehemaligen
Polizeichef Lambadiaris. Er bekommt dieselbe Frage gestellt wie
Makris und gibt auch dieselbe Antwort.
Die Staatsanwältin stellt Lambadiaris Fragen
bezüglich einer älteren Anklage gegen Tzortsatos. Dieser
war 1993 auf Aufforderung der US-Sicherheitbehörde in Athen
verhaftet worden. Da ihm nichts Belastendes nachzuweisen war, wurde
er wieder auf freien Fuß gesetzt, über Monate jedoch
(mindestens) von der griechischen Polizei beschattet, wiederum ohne
belastendes Ergebnis.
Danach hat die Dame ihren Auftritt, die damals
der Polizei den Hinweis gegeben haben soll, der zum Aufeinandertreffen
von 17N und Polizei in der Riancourstrasse geführt hat. Sie
hat bereits vor einem Zivilgericht erfolgreich bestritten, die Denunziantin
gewesen zu sein und Geld dafür bekommen zu haben. Auch heute
sagt sie aus, "weder die 17N noch irgendeinen der Angeklagten"
zu kennen.
Dienstag, 2. Juli 2006
Heute findet keine Verhandlung statt.
123. Verhandlungstag, Mittwoch, 26. Juli 2006
Ab heute geht es um die Vorgänge im Athener
Krankenhaus "Evangelismos". Dort war der schwerverletzte
Savvas Xiros nach seiner Festnahme eingeliefert worden. Noch zwischen
Leben und Tod schwebend wurde er auf der Intensivstation von zwei
Herren der Staatsschutzes, dem Staatsanwalt Diotis und einem "Herrn
Syros", verhört. Savvas klagt bisher erfolglos dagegen,
dass er während seines Krankenhausaufenthaltes unter Drogen
gesetzt wurde, damit er aussagt. An den Folgen dieser Chemikalien
leidet der eigentlich klar haftunfähige Gefangene bis heute.
Fast blind und taub ist Savvas auch nicht fähig, das Berufungsverfahren
zu verfolgen. Auch bei der Erörterung der Geschehnisse im Evangelismos
ist er also nicht anwesend.
Heute wird als erstes die Psychologin vernommen,
die damals die formal notwendige Zustimmung zu den Verhören
auf der Intensivstation gegeben hat. Ihre Aussage macht deutlich,
wie sehr sich Ärzte zu Handlangern des Staatsschutzes gemacht
haben. So fanden ihre Visite und die anschließenden Besuche
von Diotis und Syros alle in der Nacht statt. Die Psychologin verweigerte
Savvas ein Gespräch mit seinem vor dem Krankenhaus wartenden
Vater, erlaubte aber die polizeilichen Verhöre. Den Gesundheitszustand
von Savvas will sie in nur 15 bis 20 Minuten erfasst haben. Ihrer
Meinung nach stand einer Vernehmung des Schwerverletzten nichts
im Wege. Die Psychologin bestreitet auch, dass Savvas irgendwelche
Drogen bekommen hat, obwohl sie das gar nicht wissen kann, da sie
nach eigener Auskunft den Medikamentenplan für Savvas nicht
kannte.
Der damalige Arzt auf der Intensivstation, M.
Pitaridis, beschreibt Savvas als einen misstrauischen Menschen,
der jede Zusammenarbeit mit dem Personal verweigerte. Sogar zum
Wassertrinken habe Savvas sich erst überreden lassen, als der
Arzt das Wasser probiert habe. Noch vor Beginn der Verhöre
nahm Pitaridis seinen Urlaub, wahrscheinlich, um nichts mitkriegen
zu müssen. Als er aus dem Urlaub wiederkommt, sind Savvas und
Herr Syros "beste Freunde" geworden. Der Arzt wundert
sich nach seinen Aussagen zwar über diesen Sinneswandel des
vormals extrem zugeknöpften Patienten, führt die Wandlung
aber darauf zurück, dass die Polizisten "sein Vertrauen
gewonnen haben". Eine Anwendung von Drogen will auch er ausschließen.
Der damalige Anwalt von Savvas hatte dagegen im ersten Prozess ausgesagt,
Savvas habe, als er ihn nach 40 Tagen im Krankenhaus endlich habe
besuchen dürfen, einem "Kind mit Down-Syndrom" geglichen.
124. Verhandlungstag, Donnerstag, 27. Juli
2006
Heute geht es weiter mit der Befragung des Arztes
Pitaridis. Dieser betont, er habe nur seine Pflicht getan und sich
um die bestmögliche Genesung seines Patienten bemüht.
Er sei eben kein Revolutionär, antwortet er auf Fragen, warum
er nicht verhindert habe, dass Savvas noch auf der Intensivstation
verhört worden sei. In dem Zusammenhang erinnert D. Koufodinas
daran, dass Ärzte sich bei anderen Gelegenheiten besser verhalten
haben. Als er damals im Hungerstreik zwangsernährt werden sollte,
hatten sich die ihn behandelnden Ärzte mit der Begründung
geweigert, sie seien Ärzte und eben keine Polizisten. Und als
der gleiche Herr Diotis, der Savvas verhört hatte, letzten
Sommer den bei einem missglückten Bankraub verletzt festgenommenen
Anarchisten G. Dimitrakis noch auf der Intensivstation verhören
wollte, hätten ihn die Ärzte aus dem Krankenhaus gejagt.
Mit diesen Beispielen vor Augen fragt Koufodinas abschließend
den Arzt: "Glauben Sie, dass Sie ihre Pflicht erfüllt
haben?".
Wie bereits gestern erwähnt, war Pitaridis
im Urlaub, als Savvas das erste Mal verhört wurde. Die damals
in der Öffentlichkeit herrschende Stimmung und die Kräfte,
die, koste es was es wolle, an Informationen über die 17N interessiert
waren, lassen sich deutlich an einigen Aussagen von Pitaridis erkennen.
Auf die Frage der Verteidigung, was er gemacht hätte, wenn
er an jenem Abend, als Diotis und Syros erstmalig zu Savvas vorgelassen
werden wollten, Dienst gehabt hätte, antwortet Pitaridis: "Ich
weiß nicht, wie ich reagiert hätte, aber ich war schon
durch die Geschehnisse am Abend davor völlig eingeschüchtert.
Natürlich kann man jetzt anders antworten als damals. Damals
standen sogar Ministerpräsidenten im Verdacht einer Mitgliedschaft
in der 17N, damals herrschte die Angst, nicht selbst beschuldigt
zu werden."
Und auf die Frage nach der Ethik seines Berufes
antwortet der Arzt: "Wenn der Staatsanwalt anwesend ist, kann
ich gar nichts machen. Es gibt sehr viele, die über mir stehen.
Ich führe nur die Befehle aus, Therapeut zu sein. Nichts anderes."
125. Verhandlungstag, Freitag, 28. Juli 2006
Eine damalige Krankenschwester sagt aus, erstmalig
am 6. Juli 2002 für die Pflege von Savvas zuständig gewesen
zu sein. Als sie morgens um 7:00 den Kranken übernahm, habe
sie Diotis das Zimmer verlassen sehen. Ihr Kollege vom Nachtdienst
habe ihr bestätigt, dass der Staatsanwalt die ganze Nacht über
bei Savvas gewesen sei. Auf die Frage der Verteidigung, ob die Krankenschwester
es logisch fände, einen Menschen in der Situation von Savvas
die ganze Nacht über zu verhören, antwortet die Pflegerin:
"Damals hatte auch ich Panik und hätte Ihnen das nicht
beantworten können. Heute sage ich Ihnen, dass es nicht logisch
ist."
Die Staatsanwaltschaft bezweifelt, dass es möglich
gewesen sei, Savvas ohne Wissen der Krankenschwester Drogen zu verabreichen.
Diotis und Syros blieben nächtelang allein mit dem Schwerverletzten,
der ständig zwei Infusionsschläuche im Arm hatte. Was
braucht es sonst noch, um ihm unerkannt welche Substanz auch immer
zu verabreichen?
Die Krankenschwester wird von der Verteidigung
auch gefragt, ob sie die Behandlung von Savvas aufgrund der außergewöhnlichen
Situation für gerechtfertigt halte. "Jeder Mensch hat
das Recht darauf, von der Gesellschaft entsprechend den Gesetzen
behandelt zu werden", ist die Antwort. "Stimmte diese
Behandlung mit den Gesetzen überein?", fragt die Verteidigung.
"Nein", anwortete die Krankenschwester. "Wurden Sie
behelligt?", will die Verteidigung wissen. "Ja, ich wurde",
ist die Antwort. "Haben Sie sich gewehrt?" "Was sollte
ich denn machen?", meint die Pflegerin. "Ich bin nur Krankenschwester.
Außerdem liegt es nicht in meiner Art, mich zu wehren."
Die Untersuchung der Vorgänge im Krankenhaus
Evangelismos schließt mit einer Erklärung von D. Koufodinas:
"Ein Guerillero, ein Revolutionär, der gegen die Macht
kämpft, weiß genau, dass für ihn im Falle, dass
er ihr in die Hände fällt, weder Gesetz noch Verfassung
gelten. Er weiß, was ihn erwartet und ist darauf vorbereitet.
Die Beschreibung, die uns Herr Pitaridis vom 4. Juli, der Tag, an
dem Savvas von den lebenserhaltenden Geräten abgehängt
wurde, gegeben hat, zeigt genau dieses Bild. Ich jedenfalls erkenne
den Savvas, den ich kannte. Der folgende Charakteristiken hatte:
Erstens verweigert er jede Auskunft über seinen Namen. Zweitens
weigert er sich, auch nur Wasser zu trinken. Auch ich habe es, als
ich mich bei der Antiterrorpolizei befand, trotz aller höflichen
Angebote abgelehnt, Wasser zu trinken. Drittens zerstört er
die Infusionsschläuche, um den Strom der Chemikalien in seinen
Körper zu unterbinden. Viertens versucht er, Fehlinformationen
über das zu geben, was passiert war. All dies sind Charakteristiken
eines Revolutionärs, der weiß, wo er sich befindet, der
weiß, wer seine Freunde sind und wer seine Feinde. Ich kenne
und erkenne dieses Bild. Das Bild dagegen, das uns Herr Pitaridis
vom 9. desselben Monats gibt, das Bild eines Menschen, der seine
Feinde zu Freunden gemacht hat und erklärt, wie gern er mit
seinem Freund Stelios (so redete Savvas Herrn Syros an, d. Verf.)
in Urlaub fahren möchte, seine Genossen dagegen zu Feinden
erklärt, weil er fürchtet, dass sie ihn hinrichten könnten,
das Bild dieses Savvas kenne ich nicht und kann ihn auch nicht wiedererkennen.
Die Frage ist, was geschah zwischen diesen zwei Bildern. Ich glaube,
die Antwort erteilt der gesunde Menschenverstand. Ich möchte
einfügen, dass die Linke zu dieser Frage ihren Standpunkt,
ihre Thesen hat. Dazu werde ich mich nicht äußern. Die
Frage ist also, um auf das Thema zurückzukehren, was diesen
Wandel verursachte. Und wieder sage ich, dass der gesunde Menschenverstand
dies beantworten und sagen kann, dass eine Herrschaft, die es 30
Jahre lang mit einer bewaffneten Organisation, die ihr Ansehen zerstört,
zu tun hat, das Unmögliche möglich macht, wenn sie ein
Mitglied dieser Organisation zu fassen bekommt, jedes Mittel nutzt,
um zum gewünschten Ergebnis zu kommen. Das sagt uns der gesunde
Menschenverstand.
Sie hingegen – um zum Thema ihrer Verantwortung
zu kommen – könnten zu dem Ergebnis kommen, dass Savvas keine
Drogen verabreicht wurden. Sie könnten dies entscheiden. Es
gibt aber einige objektive Gegebenheiten. Frau Kourtovik (Verteidigerin
von D. Koufotinas, d. Verf.) hat Ihnen die gesundheitliche Lage
von Savvas geschildert. Ich habe hier eine Fotografie, wie er auf
der Intensivstation kurz vor Abschalten der lebenserhaltenden Apparate
aussah, bitte sehr, schauen Sie. Sicher, man sieht nur das Gesicht.
Frau Kourtovik hat Ihnen das sehr gut erklärt. Lesen Sie also
bitte die ärztliche Beschreibung seines Zustandes. Wir haben
einen Schwerverletzten, dem Tode nahe, in kritischem Zustand, der
isoliert ist, mit verbundenen Augen – er konnte nicht sehen, wie
auch die Ärzte hier ausgesagt haben. Mit anderen Worten er
ist sensitiv isoliert und wird fortwährend die ganze Nacht
von zwei Vernehmern verhört, die ihre Arbeit verstehen. Das
ist ihre Arbeit, genau soviel physische und psychische Gewalt auszuüben,
wie nötig ist. Auf einen von seinen Verwandten Isolierten,
der keinen Kontakt zu seinem Anwalt hat.
Dies ist objektiv Folter. Ich glaube nicht,
dass es ein anderes Wort dafür gibt. Es handelt sich also tatsächlich
objektiv um Folter. Diese Folter wurde vom Gericht erster Instanz
in seiner Urteilsfindung legitimiert. Und hier komme ich zu Ihrer
Verantwortung, weil auch sie aufgerufen sind, sie zu legitimieren
und den Weg für gleiche Praktiken in der Zukunft zu bereiten.
Werden Sie dies tun?"
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