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junge Welt, 13.07.2000
Fischer
droht Athen
Auswärtiges Amt
protestiert gegen Zwangsvollstreckung in Griechenland.
jW-Bericht
In
der Frage um die Entschädigung von Opfern eines SS- Massakers in
der griechischen Ortschaft Distomo sowie deren Angehörigen scheint es nach 56 Jahren
tatsächlich Bewegung zu geben. Was viele nicht glauben wollten,
wird dieser Tage wahr: Besitztümer der BRD, Rechtsnachfolgerin des
Dritten Reiches, werden zwangsversteigert. Am heutigen Donnerstag
sollen das Deutsche Archäologische Institut und die deutsche Schule
in Athen ungebetenen Besuch der Justizbehörde erhalten. Bereits
am Dienstag hatte eine Gerichtsvollzieherin das Goethe-Institut
in der griechischen Hauptstadt aufgesucht. Unter Polizeischutz hat
Konstantina Papaspirou die dortigen Räumlichkeiten vermessen und eine
Inventarliste aufgestellt. Am kommenden Montag soll der Wert der
deutschen Schule in Thessaloniki geschätzt werden. Am 20. September
schließlich droht die öffentliche Versteigerung. Hintergrund des
ungewöhnlichen Schrittes der griechischen Behörden ist eine von
der Bundesregierung nicht gezahlte Entschädigungssumme in Höhe von
umgerechnet 56 Millionen DM plus Zinsen, die der Areopag, Griechenlands
Oberster Gerichtshof, den Nachkommen und Verwandten der 218 Einwohner
zugesprochen hatte, die am 10. Juni 1944 in Distomo von Angehörigen des 7. Regiments der 4. SS-Polizei-
Panzer-Division grausam ermordet wurden.
Berlin schaltet
indes auf stur und sieht rot. Am Mittwoch legte der deutsche Botschafter
in Athen, Karl-Heinz Kuhna , gegen die
Einleitung der Vollstreckungsmaßnahmen offiziellen Protest beim
griechischen Außenministerium ein. Eine geharnischte Protestnote
aus dem Hause Fischer erhielt auch die griechische Botschaft in
Berlin. Außenamtssprecher Andreas Michaelis drohte unverhohlen in
Richtung Athen, das Vorgehen der griechischen Behörden könne eine
"Belastung der seit langem guten deutsch-griechischen Beziehungen"
bewirken. Das Vorgehen Griechenlands sei ein Verstoß gegen Völkerrecht
und griechisches Recht - so sei zur Vollstreckung des Urteils des
Obersten Gerichts die Zustimmung des griechischen Justizministeriums
notwendig. Genau diese läge aber nicht vor, erklärte Michaelis nach
formalen Ausflüchten für die Blockadehaltung in Berlin suchend.
Die Bundesregierung
erkenne die Entscheidung der griechischen Justiz darüber hinaus
nicht an, weil sie sich über die "universellen Grundsätze der Staatenimunität "
hinwegsetze. Nach diesen Grundsätzen könne kein Staat durch ein
Gericht eines anderen Staates verurteilt werden, so das Auswärtige
Amt. Schließlich verwies die rot-grüne Regierung darauf, daß
1960 ein "Global-Entschädigungsabkommen" mit Griechenland unterzeichnet
wurde, auf dessen Grundlage bereits 115 Millionen Mark für die Opfer
des faschistischen Terrors zur Verfügung gestellt worden seien.
Gemäß dem Vertrag sei diese Zahlung eine abschließende Regelung.
Die griechische Regierung scheint sich derweil von den eingeleiteten
Vollstreckungsmaßnahmen zu distanzieren. Die Athener Regierung sei
"nicht damit einverstanden", mit welchen Methoden die griechische
Justiz gegen die deutsche Einrichtung vorgehe, versuchte ein Sprecher
der griechischen Botschaft am Mittwoch in Berlin die Wogen zu glätten.
Er gehe aber davon aus, daß sich Griechenland
und Deutschland in dem Streit um die Entschädigungszahlung "gütlich
einigen" werden, sagte er gegenüber der Nachrichtenagentur ddp.
Damit die Distomo-Opfer am Ende wegen Einknickens der griechischen Regierung
nicht doch noch auf der Strecke bleiben, hat sich der Klägervertreter,
Rechtsanwalt Ioannis Stamoulis , inzwischen auf den Weg nach Strasbourg
gemacht, wo er beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte
Klage gegen Deutschland und Griechenland einreichen will. Mit diesem
Schritt solle die Regierung in Athen dazu gebracht werden, das Areopag-Urteil
auch wirklich zu vollstrecken - und die deutsche Seite, dieses endlich
anzuerkennen, wie der ehemalige Europa-Abgeordnete Stamoulis
am Mittwoch gegenüber junge Welt erklärte. Den beiden ungleichen
EU- Partnern Deutschland und Griechenland steht damit ein heißer
Sommer bevor.
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