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Jungle World vom
12.04.2000
Raus´Besuch
in Griechenland
Nein zur Entschädigung
von
ralf dreis, thessaloniki
Kalavrita
ist ein Bergdorf auf dem Peleponnes. In
Griechenland weiß jedes Kind, was es mit Kalavrita auf sich hat.
Vergangene Woche legte Bundespräsident Johannes Rau dort einen Kranz
nieder und hielt eine kurze Ansprache, in der immer wieder die Worte
"Schande" und "Schmerz" auftauchten. Kurz vor Weihnachten 1943 hatte
die deutsche Wehrmacht alle Männer des Dorfes massakriert; als so
genannte SühneóMaßnahme für die Aktionen des griechischen Widerstands.
Anders
als Oradour oder Lidice sind die Dörfer Kalavrita, Kommeno oder
Distomo in Deutschland unbekannt. Von den zwischen 1941 und 1944
begangenen Gräueltaten der deutschen Wehrmacht in Griechenland wollte
zumindest in der alten BRD niemand etwas wissen. Dabei hat Griechenland,
gemessen an der Bevölkerungszahl, nach Russland die meisten Opfer
im zweiten Weltkrieg zu beklagen. 1 000 verbrannte Dörfer, eine
Million Obdachlose, 60 000 in die Vernichtungslager deportierte
und dort ermordete Jüdinnen und Juden. Das sind 95 Prozent der ehemaligen
jüdischen Bevölkerung des Landes. Über 300 000 Menschen starben
in den von den Besatzern ausgelösten Hungersnöten während des Krieges,
weitere 20 000 Griechen wurden bei Geiselerschießungen ermordet.
Jahrzehntelang
wurden all diese Gräuel in der BRD verdrängt. Kein Schatten sollte
auf die tapferen deutschen Landser fallen. Druck aus Griechenland
war auch nicht zu erwarten. Aus dem blutigen Bürgerkrieg zwischen
1945 bis 1948 gingen die Rechten siegreich hervor. Zehntausende
KommunistInnen flohen nach Bulgarien, Jugoslawien und in die Sowjetunion.
Da Griechenland weder politisch noch wirtschaftlich eine Macht darstellte
und die Ermordeten sowieso als ehemalige innenpolitische Widersacher
galten, verzichteten die konservativen Regierungen in der Nachkriegszeit
auf große Forderungen.
Schon
1958 stellte das Land die strafrechtliche Verfolgung deutscher Kriegsverbrecher
ein. Nur zwei Jahre später, 1960, versuchte die BRD, sich durch
einen "Wiedergutmachungsvertrag" freizukaufen. 115 Millionen Mark
stellte man für die griechischen NazióOpfer bereit. Noch heute jedoch
kämpfen Überlebende und Hinterbliebene für Wiedergutmachung und
Reparationen. Sammelklagen wurden gegen die BRD eingereicht, in
mehreren Instanzen bekamen die KlägerInnen Recht. Auf 15 Milliarden
Dollar werden die griechischen Ansprüche geschätzt. Doch sowohl
Bonn als auch Berlin haben bisher alle Forderungen mit rüdem Ton
zurückgewiesen.
Dieser
Linie blieb auch Rau trotz seiner Geste in Kalavrita treu. "Die
griechische Seite kann heute, wegen des 1960 mit Deutschland abgeschlossenen
Vertrags, keine weitere Forderungen stellen", erklärte er vergangene
Woche in Thessaloniki. Diskutieren könne man über die eventuelle
"Entschädigung für ZwangsarbeiterInnen", doch ansonsten komme nur
"eine symbolische Geste des guten Willens" in Frage.
Wie
weit diese Gesten gehen, ist seit Raus Besuch klar. Mit dem Kranz
in Kalavrita ist's genug. Das Holocaustdenkmal für die 50 000 ermordeten
Juden und Jüdinnen von Thessaloniki besuchte Rau nicht. Andreas
Seficha, der Vorsitzende der kleinen jüdischen Gemeinde Thessalonikis,
kritisierte dies mit den Worten: "Dieses Versäumnis zeigt, dass
Herr Rau nicht den Mut hat, den Juden Thessalonikis, die dem Holocaust
zum Opfer gefallen sind, die Ehre zu erweisen."
Auch
das nur 20 Kilometer von Thessaloniki entfernte Bergdorf Chortiatis
wartet vergeblich auf Raus Aufwartung. Hier hatten die Mörder der
Wehrmacht 200 Menschen bei lebendigem Leib verbrannt. Gänzlich unerwähnt
blieben wie immer bei offiziellen Anlässen die rund 500 deutschen
Antifaschisten, die zum griechischen Widerstand übergelaufen waren.
Diese
Männer stammen zum größten Teil aus den so genannten Strafbataillonen
und hatten als Antifaschisten teilweise schon jahrelang KZóHaft
in Deutschland erlitten. Anstatt sich in Griechenland zu bewähren,
nutzten jedoch viele die Möglichkeit zur Flucht, um dann gegen die
Nationalsozialisten zu kämpfen. Genau dies ist der Grund, warum
sie in Deutschland noch heute als "Vaterlandsverräter" gelten. Und
auch daran wollte Rau nicht rütteln.
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