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Tatkraft und Tradition
In Thessaloniki
herrscht ein reges jüdisches Leben
von Harald Neuber
Platía
Aristotelous, in diesem Teil der Hafenstadt Thesssaloniki ist die
Geschichte allgegenwärtig. Juden, Osmanen, Griechen - alle haben
sie ihre Spuren hinterlassen. So ist auch der alte Basar um die
Ecke umkämpftes Terrain. Israelische Touristenführer weisen ihn
als "Site of Jewish Interest" aus. In anderen Reisemagazinen wird
er als "türkischer Basar" angepriesen - das sollte man allerdings
besser keinem Griechen übersetzen. Die hier ansässigen Geschäftsleute
kümmert dieser Streit wenig. In der angrenzenden Tsimiki-Allee herrscht
geschäftiges Treiben. Kleine Boutiquen grenzen hier an mehrgeschossige
Kaufhäuser, über die zahllosen Ladengeschäfte der Einkaufsmeile
erheben sich Hotelfassaden. Die kleine Passage mit der Nummer 24
wirkt in diesem Potpourri aus Historie und Kommerz fast unscheinbar.
Zwei Cafés, eine Buchhandlung - und dazwischen eine verspiegelte
Tür. Klopft man hier an, öffnet ein griechischer Polizist. Es folgen
einige erklärende Worte. "Stin israelitikí kinótita thessaloníkis",
zur jüdischen Gemeinde, bitte.
David Saltiel wartet
im ersten Stock. Seit vergangenem Jahr leitet er die Gemeinde in
der "Europäischen Kulturhauptstadt 1997". Rund 1.000 Familien bietet
sie eine kulturelle und religiöse Heimstatt. Trotz dieser noch übersichtlichen
Mitgliederzahl hat ihr Vorsitzender alle Hände voll zu tun. Kaum
setzt sich Saltiel, ertönt eine traditionelle griechische Melodie.
Das Handy. Er spring auf, geht diskutierend aus dem Raum, kommt
wenig später wieder, entschuldigt sich. Es ginge um ein "aktuelles
Projekt". Schnell wird im Gespräch deutlich, daß fast alle diese
Projekte mit dem Wiederaufbau zu tun haben. Mehr als 60 Jahre nach
der deutschen Besatzung und der fast vollständigen Vernichtung der
Gemeinde will man Normalität demonstrieren und an den jüdischen
Alltag anknüpfen, der die Stadt über Jahrhunderte hinweg bestimmt
hat. Aber natürlich ist die Vergangenheit allgegenwärtig. Während
die Stadt Thessaloniki von ihrer Vergangenheit lebt, versucht die
jüdische Gemeinde, aus den Schatten ihrer Vergangenheit herauszutreten.
1979 wurde hier wieder eine Grundschule eröffnet. In den Räumen
der Wohlfahrtsorganisation Matanoth Laevionim werden seither jedes
Jahr mehrere Klassen unterrichtet. Der staatliche Lehrplan findet
hier durch die weitere Fremdsprache Hebräisch und das Fach "Jüdische
Geschichte" Ergänzung. An eine alte Tradition knüpft auch das Ferienlager
an, die "Kataskinosi", an dem inzwischen jeden Sommer bis zu 200
Kinder und Jugendliche teilnehmen. Außerhalb der fast dreimonatigen
Schulferien wird die Arbeit mit dem Nachwuchs in einem Jugendklub
fortgesetzt. "Die Bildungsarbeit hat für uns eine zentrale Bedeutung",
sagt Saltiel.
Daneben hat die
Gemeinde nach dem Zweiten Weltkrieg auch die gemeinnützigen Einrichtungen
wiederaufgebaut, zum Beispiel das Altersheim. Gestiftet wurde es
1924 von Saoul Modiano, einem Mitglied der Gemeinde. Bis 1943 erhielt
das Heim seinen Betrieb aufrecht. Dann wurden auch die Bewohner
nach Auschwitz deportiert - wie 97 Prozent der thessalonikischen
Juden. "Wir können diese Geschichte natürlich nicht vergessen", sagt der Gemeindevorsteher,
"aber wir müssen auch in die Zukunft schauen." Und die liegt im
griechischen Staat. Eine Sonderrolle für die griechischen Juden
lehnt Saltiel daher ab. "Wir waren immer Griechen", sagt er und
erinnert daran, wie auch die hiesigen Juden bis zum Holocaust an
der türkischen und der bulgarischen Front gekämpft haben wie auch
gegen die italienischen Besatzer. "Die Kriegsversehrten aus unserer
Gemeinde waren wenige Jahre später die ersten, die von den Nazis
in die Todeslager geschickt wurden." Und als 1945 die wenigen Überlebenden
aus den Konzentrationslagern zurückkehrten, seien sie während des
Bürgerkrieges sofort wieder in die Armee eingegliedert worden. "Wir
waren immer hier", sagt Saltiel, "und auch auf unserer Seite gab
es Helden." Die thessalonikischen Juden, so scheint es, fordern
wieder ihren Platz in der Geschichte ein. Dabei weiß kaum jemand
heute mehr, daß vor nicht einmal 100 Jahren fast die Hälfte der
städtischen Bevölkerung der israelitischen Gemeinde angehörte. Trotz
beginnender Migration in die neue Welt lebten selbst 1912 in Thessaloniki
noch 61.439 Juden. Neben 45.867 Muslimen, 39.936 Griechen und 10.600
Mitgliedern anderer Bevölkerungsgruppen dominierten sie das kulturelle,
wirtschaftliche und politische Leben.
Diese Geschichte
soll nun wieder vermittelt werden. Vergangenes Jahr wandte sich
die Gemeinde an den Bildungsminister mit der Bitte, diese jüdische
Geschichte stärker an den staatlichen Schulen zu lehren. "Die Resonanz
war sehr gut", erinnert sich Saltiel. Wenig später, im Oktober 2004,
habe ein landesweites Treffen mit Lehrern und Universitätsprofessoren
stattgefunden. Doch die Bildungsarbeit der Gemeinde geht
über solche Initiativen hinaus. Nach der Nominierung Thessalonikis
zur Kulturhauptstadt Europas 1997 wurden auf ihre Initiative hin
die "Sefardischen Nächte" organisiert, ein Veranstaltungszyklus über die
Geschichte der Gemeinde. Bei kaum einem der jährlichen Filmfestivals
fehlt ein Beitrag über die Geschichte. Und seit 1997 hat Raphael
Gatenio mehrere internationale Konferenzen zum Judenspanisch, dem
Ladino, organisiert. Seit der Vertreibung der spanischen Juden 1492
wird die Sprache in Thessaloniki gesprochen. Damals gewährte der
ottomanische Sultan Bajazeth II. den Juden Asyl - und 20.000 Sefardim
kamen nach Thessaloniki. Heute finden in der Tsimiki-Allee Nummer
24 wöchentlich wieder Kurse in ihrer Sprache statt. So wird in den
Räumen der Gemeinde neben Griechisch und Hebräisch auch Ladino gesprochen. Geplant ist, an der Universität
von Thessaloniki einen Lehrstuhl für sefardische Sprache einzurichten. Unterstützung
erhofft man sich dazu aus Deutschland. "Es hat uns natürlich besonders
gefreut, daß uns Joschka Fischer zweimal besucht
hat", sagt David Saltiel. Am Rande des EU-Gipfels auf Chalkidiki
Ende Juni 2003 habe er extra einen Abstecher nach Thessaloniki gemacht.
Zum Holocaust- Gedenktag am 27. Januar dieses Jahres kam er noch
einmal offiziell. Man habe dabei über die Gründung eines zweiten
Museums gesprochen, berichtet Saltiel. Es soll im alten Bahnhof außerhalb der Stadt eingerichtet
werden. Der Ort hat symbolische Bedeutung. Von hier aus wurden Zehntausende
Mitglieder der Gemeinde in die Konzentrationslager
verschleppt. Es solle, sagt Saltiel, ein Ort des Mahnens werden.
Nicht nur an die Schoa, "sondern auch an alle anderen Völkermorde
von Jugoslawien bis Afrika". Ungeklärt ist noch die Finanzierung.
So wird das Museum bis auf Weiteres eines
der vielen Zukunftsprojekte von David Saltiel.
10.11.2005, Jüdische
Allgemeine
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