Thatcherismus
in Athen
Nach ihrem Sieg
bei den Wahlen im April 1990 erhielt die Regierung, der konservativen
Nea Demokratia (N. A.) 150 von 300 Sitzen im Parlament. Sie bildete
ihre Regierung daraufhin mit der Stimme einer kleinen Partei der
"rechten Mitte". Der einzige Abgeordnete dieser Partei
wurde im Sommer bestochen und so hatte N.A. die Parlamentsmehrheit
erreicht. Bis
zum September hatten die drei großen Parteien (N.A., PASOK
u nd Vereinigte Linke)
im Parlament ihre ,Arbeit "mit Erfolg'! erledigt. Das Zerschlagen der großen Streiks der LehrerInnen
während der Abschlussprüfungen der Schulen geschah mit stillschweigender
Duldung (nicht durchgehend) der Opposition aus PASOK (Sozialisten)
u nd Sinaspismos (Vereinigte
Linke). Nach
September änderte sich die Lage nochmals. N.A. ergriff die gleichen
Maßnahmen wie die Regierung Thatcher in GB - striktes Sparen bei
den ärmeren Schichten der Bevölkerung. Widerstand begann sich
zu regen.
November
- Dezember wurde ein großer Streik bei den staatlichen Stromgesellschaften zerschlagen (unter Vereinbarungen
mit der parlamentarischen Opposition). Die staatliche Fürsorge
wurde vermindert, Versicherungszahlungen beschnitten und gleichzeitig
das MAT (griech. SEK) gegen Streikende eingesetzt. So wurden mehrere
große Streiks gegen die Regierung und gegen den Verkauf staatlicher
Fabriken und Gesellschaften (ohne wirtschaftliche Not) mit der
Hilfe des MAT niedergeschlagen. Gleichzeitig verkaufte die Regierung
einige wirklich bankrotte Firmen, woraufhin tausende ihren Arbeitsplatz
verloren.
Das "neue
Griechenland"
In dieser Zeit
brachte N.A. zwei neue Gesetze ins Parlament ein. Ein Anti-Streik-Gesetz
sollte politische Streiks unterbinden helfen und ein "Antiterrorgesetz"
bundesdeutscher Prägung, das den staatlichen Terrorismus, die
ständigen Verhaftungen von AnarchistInnen und anderen Linken in
Griechenland legalisieren und die Grundrechte weiter beschneiden
sollte. Diese
beiden Gesetze sollen "die Basis eines neuen Griechenland"
werden. Auch
in dieser Frage war die parlamentarische Opposition so unentschieden,
dass selbst Ministerpräsident Mitsotakis sich eine (in seinem
Sinne allerdings) stärkere Opposition wünschte. Die ließ jedoch
innerhalb wie außerhalb des Parlaments auf sich warten. Einzig
kleinere anarchistische Gruppen und die landesweit agierende "Organisation
zur Verteidigung politischer und gesellschaftlicher Rechte"
informierten die Öffentlichkeit, veranstalteten Demonstrationen
und wurden bald zur meistverfolgten Gruppierung (nach dem "17.
November") in Griechenland.
Die "Coca-Cola-Generation"
Im Parlament
hatte PASOK genug mit den Korruptionsprozessen ihrer früheren
Minister zu tun und die Vereinigte Linke hatte ernsthafte parteiinterne
Probleme. Außerdem waren sie der Regierungspolitik gegenüber ziemlich
ratlos, da sie diese zuvor mit ihrer Allparteienregierung (die
die Neuwahl ermöglichte) mitvorbereitet hatten. So
kam es dazu, dass sich die einzige, wirklich ernsthafte Opposition
an den Schulen formierte. Schon zuvor hatte ausgerechnet diese
"Coca-Cola-Generation" Widerstand gegen ein neues, bis
dahin inhaltlich noch unbekanntes Gesetzespaket für Schulen und
Unis organisiert. Aus leitenden Stellen in den Ministerien sickerte
allmählich an die Zeitungen durch, dass es vor allem um die Privatisierung
der Universität und damit das Ende der kostenlosen Bildung gehen
sollte. Andere strenge Planungen sahen die Abschaffung des Asyls
(Universität als Bullen-freier-Raum), neue Prüfungen und die Abschaffung
der Wartelisten (d.h. -Einführung eines faktischen Numerus Clausus)
vor.
Sehr
schnell wurden nun die Unis von streikenden StudentInnen besetzt,
was zunächst seitens der Regierung keinerlei Reaktionen hervorrief.
Nach eineinhalb Monaten wechselnder Besetzungen wurde als ein
erster Erfolg das Gesetzespaket veröffentlicht. Und
daraufhin passierte das womit niemand in Griechenland gerechnet
hatte: Das Entstehen der SchülerInnenbewegung.
Widerstand in
den Schulen
Speziell an den
Schulen sollten die neuen Verordnungen schnell durchgeführt werden:
Die Wiedereinführung der Schuluniform, des Fahnenappells
und des Schulgebets begleitet von einem neuen Notensystem, mehr
Prüfungen und einer Bewertung des "Betragens" IN- UND
AUSSERHALB der Schule schien beschlossene Sache zu sein.
Von
der Provinz ausgehend fingen jedoch sofort Schulbesetzungen an,
die sich schnell über das ganze Land hin ausbreiteten, so dass
Anfang Dezember alle Schulen Griechenland besetzt waren. Die Lebhaftigkeit.
der SchülerInnen, die Logik des sich selbst Organisierens und
die Unfähigkeit von PASOK und Vereinigter Linken sie zu kontrollieren,
zeigten, dass die Situation für die Regierung noch schwieriger
werden würde. Das Bildungsministerium versuchte daraufhin mit
den üblichen Kompromißformeln die Bewegung zu beruhigen, was aber
nicht gelang, da die SchülerInnen mittlerweile ihren Forderungskatalog
erweitert hatten: Sie forderten jetzt die strukturelle Änderung
des gesamten Bildungssystems und die Rücknahme aller vorher beschriebenen
Gesetze.
Weihnachten
in der Schule
Gezwungen durch
die unübersehbare Situation an den Schulen druckten anarchistische
Zeltungen den Schulboykott wochenlang auf den ersten Seiten als Aufmacher.
Die Regierung musste eingestehen, dass die Bewegung von nirgendwo
ferngesteuert ist. So wartete sie darauf, dass
sich die Besetzungen in den Weihnachtsferien von alleine auflösen
würden. Die SchülerInnen blieben jedoch die ganzen Ferien in
den verbarrikadierten
Schulen und veranstalteten Diskussionen und Konzerte. So schaltete
die Regierung dann die Staatsanwaltschaft ein und drohte den Schülerinnen
damit, dass sie das gesamte Schuljahr wiederholen müssten. Außerdem
stachelten sie rechte LehrerInnen und AktivbürgerInnen dazu an
die Besetzungen zu beenden.
N.A. ermordet
einen Lehrer; der Widerstand explodiert
Am Montag nach
den Ferien versuchen rechte Anwälte, Bürgerinnen, LehrerInnen
im Schutz der Bullen verschiedene Schule zu stürmen, was
die Schülerinnen aber verhindern können. In dieser, von der Regierung
zuvor angeheizten Situation, stürmt in Patras eine Gruppe von
N.A.- Anhängern (angeführt vom Jugendsekretär der N.A.) eine Schule
und ermordeten einen solidarischen, linken Lehrer; als sie ihn
mit Eisenstangen erschlugen. Überall in Griechenland gehen nun
die SchülerInnen auf die Straßen; es finden riesige Demos statt
- allein in Athen sind es über 100 000. Parteibüros der N.A. werden
abgefackelt, der Bildungsminister tritt zurück und alle Schulen,
die nicht mehr besetzt waren, werden nun wieder besetzt. Außerdem
beginnen LehrerInnen einen landesweiten Unterstützungsstreik.
In Athen schließlich
versuchen die Bullen die Demos mit Tränengas aufzulösen.
Sie verwandelten die Stadt in die Szenerie eines Bürgerkriegs:
Ca. 5000 SchülerInnen, StudentInnen und AnarchistInnen antworten
mit Steinen und Mollis auf die brutalen Einsätze und treiben
die Bullen zurück. Während der gesamten Nacht ist das Zentrum
Athens von brennenden Barrikaden blockiert, Geschäfte werden geplündert
und N.A.- Büros und Banken zerstört.
Eine
von den 2000 von den Bullen verschossenen Gasgranaten zerschlägt
das Schaufenster eines großen Geschäfts und die Auslage fängt
zu brennen an: Das Resultat sind vier Tote, die im darüber
liegenden Haus in
Flammen und Rauch sterben (In der deutschen Presse wird die Schuld
am Brand fast einhellig einem Molli der DemonstrantInnen gegeben.
Anm.d.Red.). Am selben Tag finden wieder überall riesige Demos
statt; die Straßenschlachten in Athen setzen sich fort, und in
Thessaloniki, Patras und auf Kreta kommt es ebenfalls zu kleineren
Kämpfen. Nach dem dritten Tag großer Demonstrationen zieht die
Regierung das Schulgesetz zurück und beginnt einen "nationalen
Dialog" mit SchülerInnen und StudentInnen. Die Besetzungen
der Schulen werden von der Bewegung nach und nach aufgelöst, die
letzten Großdemos finden gegen den Golfkrieg in Athen und Thessaloniki
statt.
Ein erster Sieg
und wie weiter...?
Auf der anderen
Seite führen die StudentInnen ihre Besetzungen unter großer Beteiligung
der Fakultäten fort. Dabei finden die Themen Golfkrieg und demokratische
Freiheiten Eingang in die Diskussion, doch sieht es dennoch im
Moment so aus, als ob diese Besetzungen bald beendet würden. Es
macht sich eine ziemliche Hoffnungslosigkeit an den Unis breit.
Zum Schluss kann
ich sagen, dass die gesellschaftliche Opposition der
SchülerInnen und StudentInnen der rechten Regierung der N.A.
ihre erste Niederlage
beigebracht hat. Sie hat auch erreicht, dass die parlamentarische
Opposition aus ihrer Lethargie und Isolation gerissen wurde (was
immer das auch heißen mag. Anm. d. Übers.) Das
was von den Bewegungen der SchülerInnen und Studentinnen noch
bleibt, wird hoffentlich bald verstärkt Einfluss darauf
nehmen, wie es mit der Beteiligung Griechenlands beim Morden am
Golf weitergeht.
Autor:
Namentlich unbekannter Genosse aus Griechenland
Übersetzung:
R.D.
Red. Bearbeitung:
SpinnenNetz, Wiesbaden
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