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Neue Folge -
analyse & kritik - Zeitung für linke Debatte und Praxis /
Nr. 426 / 14.5.1999
Die griechische Sonderrolle
Seit dem Beginn
der NATO-Bombardierungen gegen Rest-Jugoslawien rollt eine Welle
von Anti-NATO Demonstrationen durch Griechenland. Dabei erlebt
der traditionelle griechische Antiamerikanismus eine neue Hochphase.
In jeder Stadt, jedem Dorf findet zumindest einmal in der Woche
eine Versammlung gegen den Krieg statt. Vor allem in den kleinen
Gemeinden fast immer von Griechenlands ältester Partei, der KKE
(Kommunistische Partei Griechenlands) organisiert. Und die hat
nun mal einen Hauptfeind, die USA. Da treten leicht andere Widersprüche
in den Hintergrund. So werden Schulter an Schulter mit der orthodoxen
Kirche Spenden für die "serbischen Brüder" gesammelt.
Auf Demonstrationen schwenken die Nationalisten beider Länder
serbische und griechische Fahnen (mit Hammer und Sichel) der Partei.
Laut Meinungsumfragen
von Mitte April sind zwischen 95 und 98% aller GriechInnen gegen
den Krieg. Oppositionspolitiker - von der rechten Nea Dimokratia,
über die linksnationalistische Pasok-Abspaltung Dikki und die
Linksallianz, bis hin zur KKE - geben sich in Belgrad die Klinke
von Milosevics' Regierungssitz in die Hand. GewerkschafterInnen
und StudentInnen reisen in jugoslawische Städte und reihen sich
dort in die Menschenketten ein, die letzte Brücken und Betriebe
vor NATO-Bomben schützen sollen. Und wenn anarchistische Gruppen
die US-Botschaft in Athen mit Mollies angreifen, oder eine Filiale
von "General Motors" abfackeln, dann wird sogar das
mit unverhohlener Sympathie in der Tagespresse kommentiert. Die
dazu abgegebene Begründung jedoch wird ignoriert.
Die Stimmung
ist also eindeutig, und Ministerpräsident Kostas Simitis gerät
scheinbar immer mehr unter Druck. "Raus aus der NATO"
schalte es von KKE und Dikki, "Einstellung der Bombardierungen"
von allen Seiten. "Dämon", "Satan" und "transatlantischer
Faschist", so geißelte das Oberhaupt der griechisch-orthodoxen
Kirche, der Erzbischof von Athen, Christodopoulus den US-amerikanischen
Präsidenten Anfang April. Der für seine chauvinistischen und nationalistischen
Überzeugungen bekannte Oberhirte sprach damit seinen
Schäfchen aus der Seele.
Die alten Feindbilder
haben Konjunktur. Die "imperialistischen USA" mit dem
"Faschisten Clinton" an der Spitze, gebrauchen die NATO
als Werkzeug für ihre "mörderischen Pläne". Offensichtlich
seien die Europäer nichts weiter als "Lakaien" der USA.
Die Ziele der sogenannten Lakaien werden dabei geflissentlich
übersehen. Ebenso die Tatsache, daß der Krieg die logische Konsequenz
der europäischen, nicht zuletzt deutschen Politik, der letzten
zehn Jahre darstellt: die Zerschlagung Jugoslawiens nach völkischen
Gesichtspunkten.
Gerade noch die
mit einer Mischung aus Neid und Ablehnung betrachteten Deutschen
bekommen manchmal ihr Fett ab. So titelte die linksliberale Elefterotypia
(Pressefreiheit) zu Beginn des Krieges "NATO, NATO über alles"
auf deutsch . Am 6. April, dem Jahrestag
der faschistischen Bombenangriffe auf Belgrad 1941, sendeten alle
Fernsehsender die entsprechenden Archivaufnahmen. In Debatten
wurde darauf hingewiesen, daß "die Deutschen" nun die
"Revanche für die Niederlage im 2. Weltkrieg" nehmen
wollen.
Spätestens seit
der "Friedensinitiative Schröder" steht man jedoch fest
zum "starken Partner Deutschland" und kämpft gegen die
"Völkermörder USA". Seit der Militärdiktatur (1967-74),
die sich der aktiven Unterstützung des CIA erfreute, kommt (fast)
alles Übel aus Übersee. Diese Paranoia, verbunden mit der Angst
vor dem Erbfeind Türkei, verhindert jede Analyse der Kriegsursachen.
Der Rassismus von UCK und serbischer Armee wird kaum proplematisiert,
der übersteigerte Nationalismus beider Seiten wird als normaler
Patriotismus angesehen. "Logischerweise" können unterschiedliche
Ethnien nicht zusammenleben. Und da die Sympathien klar verteilt
sind, sollen sich die "Albaner" vom Acker machen.
Gerade mal das
Schlagwort "neue Weltordnung" taucht in den Flugblättern
auf. Aber dabei jedoch geht es nicht um die militärische Hegemonie
der hochentwickelten kapitalistischen Staaten, sondern um den
personifizierten Weltpolizisten Clinton. Und der entscheidet über
das Schicksal des Balkans und Griechenlands. Im Gegensatz dazu
erfreut sich das "leidgeprüfte serbische Volk" breitester
und undifferenzierter Unterstützung. Auch die seit langem zum
Straßenbild der Großstädte gehörenden Menschen mit dem Pappschild
"Ich bin Serbe - ich bitte um eine Spende", verzeichnen
gesteigerte Umsätze. Und das nicht nur aus sentimentalen Gründen.
Hier, wo Staat und Kirche bis heute nicht getrennt sind (98,2%
der GriechInnen sind christlich-orthodoxen Glaubens) leidet man
mit den Glaubensbrüdern und -schwestern in Serbien.
Zum anderen richten
sich die "barbarischen NATO-Bombardierungen" gegen traditionelle
Verbündete. In beiden Balkankriegen kämpfte man siegreich zusammen.
1912 wurde das Osmanische Reich, ein Jahr später Bulgarien geschlagen.
Und nicht zuletzt entstanden in beiden Ländern zwischen 1941-45
starke Partisanenverbände, die einen verlustreichen Befreiungskampf
gegen die faschistische, deutsche Wehrmacht führten. Da außerdem
nach Meinung der meisten Helenen nur "feindliche Länder"
an Griechenland grenzen, wird die Identifizierung mit dem einzigen
befreundeten Land auf dem Balkan - Serbien - immer stärker.
So weigerten
sich am 18. April ein Matrose und ein Offizier "aus religiösen
Gründen" mit dem Kriegsschiff "Themistoklis" in
die Adria auszulaufen, und sich dort in die NATO-Flotte zu integrieren.
Als der Offizier am 21.4. zu zwei Jahren Knast auf drei Jahre
Bewährung verurteilt wurde, war die Empörung über "das harte
Urteil" groß. Keine Unterstützung erhielt dagegen der am
14.4. zu vier Jahren Knast verurteilte Kriegsdienstverweigerer
Lisaros Petromelidis. Er sitzt wegen "Wehrdienstverweigerung
in Zeiten allgemeiner Mobilmachung" (gilt seit der Zypernkrise
1974), im Knast. Wo er nach Meinung der Mehrheit auch hingehört!
Droht doch von überall die "islamische Gefahr". Von
Albanien über die islamische Minderheit in Mazedonien (hier Skopie
genannt) und Bulgarien, bis zur Türkei spannt sich der feindliche
Bogen. Und die eigene türkische Minderheit in West-Thrakien sammelt
angeblich Gelder für die UCK.
Der Feind steht
also überall. So wundert es nicht, daß sogar der Klassenkampf
zurückstehen muß. Am 2.4. riefen Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände
gemeinsam zu zweistündigen Arbeitsniederlegungen aus Protest gegen
die Bombardierungen auf. Kapitalverträglich zwischen 13 und 15
Uhr. Die Klassenwidersprüche sind aufgehoben, rechte und linke
Parteien haben den selben Feind, die
Kirche und die KKE rennen auf gemeinsame Demonstrationen. Nur
die Pasok-Regierung bleibt auf NATO-Kurs, weil so am besten die
"nationalen Interessen" verteidigt werden können, wie
Simitis nicht müde wird zu betonen. Eine zumindest gewagte Annahme.
Ziel der Regierung ist doch vor allem die unveränderliche Festschreibung
der Grenzen auf dem Balkan. Daran hat sich in den letzten zehn
Jahren auch nichts geändert, was allerdings weder die von der
BRD betriebene Zerschlagung Jugoslawiens, noch den jetzigen Krieg
verhindern konnte. Sollte es nun auch zu einer Abspaltung des
Kosovo kommen, könnte dies eine generelle Diskussion über die
Grenzen auf dem Balkan nach sich ziehen. Und die entsprechen fast
nie der ethnischen Zusammensetzung der Länder. Bis "Großalbanien",
"Großmazedonien" oder türkischen Begehrlichkeiten in
West-Thrakien ist es dann nicht mehr weit, fürchtet man in Athen.
Trotzdem gehört
Simitis bisher eindeutig zu den Kriegsgewinnlern. Nach dem Debakel
mit Öcalan und harten innenpolitischen Auseinandersetzungen lag
die Pasok zu Beginn des Krieges mit bis zu 15% in der Gunst des
Wahlvolkes hinter Nea Dimokratia zurück. Nach nunmehr fünf Wochen
Krieg liegen die beiden großen Parteien gleichauf bei ca. 30%
und in der Pasok redet man schon über den Wahlsieg bei den Europawahlen
im Juni. Es scheint also anzukommen, daß Simitis sich zwar verbal
vorsichtig von der NATO distanziert, im Endeffekt aber doch alle
Entscheidungen mitträgt. Ein Verdienst der Regierung ist die eindeutige
Benennung ethnischer Säuberungen der jugoslawischen Armee und
serbischer Paramilitärs im Kosovo; Verbrechen, die innerhalb der
Antikriegsbewegung nur von AnarchistInnen benannt und verurteilt
werden.
Fazit: Es ist
sicherlich erfreulich, daß eine Massenbewegung versucht mit unterschiedlichsten
Mitteln den Krieg zu beenden. Es ist außerdem die positive Ausnahme,
betrachtet man die eher lahmen Reaktionen in anderen europäischen
Ländern. Die theoretische Basis der Bewegung jedoch - starker
Nationalismus, der positive Bezug auf einheitliche Religion, rassistisch
begründete Ablehnung "der Albaner", und plattester Antiamerikanismus
- entzieht zukünftigen Kriegen keineswegs den Nährboden. Im Gegenteil,
der überwiegende Teil der jetzigen Bewegung wäre wohl bereit in
einen Glaubenskrieg gegen "Türken und Albaner" zu ziehen.
Ralf
Dreis, Thessaloniki
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