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Europäisches Sozialforum in Athen 2006
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Konkret 08/79,
S. 12
Günter Wallraff
LAUSCHANGRIFF AUF BÜRGER W.
Daß Telefone abgehört
werden, ist bekannt. Aber nur selten kommt die ministerielle Bestätigung
so offen - wenn auch reichlich spät - wie in diesem Fall: Der Verfassungsschutz
hat Günter Wallraffs Telefon abgehört - zum Nutzen griechischer
Faschisten. Wallraff, der sich gerade in Göteborg aufhält, erklärt
in einem Telefon-Bericht die Hintergründe
Der Bundesminister
des Innern hat mir mitgeteilt, daß mein Telefon und das meiner Mutter
vom 22. März 1974 bis zum 24. Mai 1974 abgehört und Gespräche mitgeschnitten
worden sind. Es ist die dritte Mitteilung dieser Art, die ich erhalten
habe. Aber diesmal sei ich wegen des "Verdachts des Hochverrats"
abgehört worden. Ich mußte mich bei Anwälten erkundigen, was das
überhaupt ist. Ich habe aus der Geschichte Namen in Erinnerung wie
Dimitrov, der beschuldigt wurde, den Reichstagsbrand angestiftet
zu haben.
Es ist, wie gesagt,
der dritte Versuch, das normale Abhören meines Telefons zu legalisieren.
In den beiden andern Fällen hatte man versucht, mir den Verdacht
auf Landesverrat oder auf Unterstützung einer kriminellen Vereinigung
anzuhängen. Diesmal mußte wohl eine Steigerung drin sein.
Das Besondere an
den eingestandenen zwei Monaten im Frühjahr 1974 ist: Das war genau
die Zeit, zu der ich meine Griechenland-Aktion vorbereitet und durchgeführt
habe. An Hand meines Terminkalenders, den ich aufbewahre, weil ich
mich daran gewöhnt habe, daß ich ihn später zur Beweissicherung
brauche, kann ich feststellen, was ich damals getan habe. Ich hatte
ab Anfang März Kontakte zu Exilgriechen, die in jener Zeit der faschistischen
Junta in Griechenland von der Bundesrepublik aus den Widerstand
zu organisieren versuchten. Das waren Leute, die dem Zentrum nahestanden,
Sozialisten, nicht einmal Leute aus dem kommunistischen Widerstand.
Meine Gesprächspartner, die damals zum Beispiel bei der Deutschen
Welle das Programm gestalteten, das nach Griechenland ausgestrahlt
wurde, wußten von meinem Vorhaben.
Ich war zu jenem
Zeitpunkt Delegierter in einem Komitee für die Solidarität mit einem
freien Griechenland. Wir besprachen Pläne für den Widerstand gegen
die Junta. Ich bereitete meine Reise nach Athen vor. Am 3. Mai flog
ich mit Freunden nach Griechenland. Wir waren eine Woche lang auf
den Spuren von in Gefängnissen Verschollenen, haben die Repräsentanten
des demokratischen Griechenlands aufgesucht - so den letzten gewählten
Ministerpräsidenten Kannelopoulos, den ich abstrakt über meine Aktion
informierte. ("Was wäre, wenn in Athen ein Ausländer sich an einen
Laternenmast ketten würde ?") Er fand, daß
das in dieser Zeit ein wichtiges Unternehmen wäre. Wir haben Repräsentanten
der Kirche aufgesucht, darunter den Erzbischof Seraphim. Nach einer
Woche solcher Kontakte habe ich Flugblätter in griechischer Sprache
verfaßt, die zu freien Wahlen, Freilassung der politischen Gefangenen
und zum Touristenboykott aufriefen. Bei der Verteilung auf dem Syntagma-Platz
in Athen wurde ich bewußtlos geschlagen und bei den anschließenden
Verhören von der Militärpolizei gefoltert.
Während dieser
Zeit wurde mein Telefon in Köln Tag und Nacht abgehört. Ich habe
ausgerechnet: Weil damals das Telefon nicht stillstand - Solidaritätsadressen
liefen von überallher ein -, müssen die Abhörer rund vierzigtausend
Seiten Telefonprotokoll abgeschrieben haben. Darunter auch der Mitschnitt
eines Telefonats des damaligen Bundespräsidenten Heinemann, der
meine Frau anrief, um ihr zu sagen, daß er alles für ihn Mögliche
zu meiner Freilassung tun würde und daß er jederzeit für sie zu
sprechen sei. (Heinemann hat mir übrigens bei einem späteren Treffen
erzählt, er sei sicher, daß auch sein Privat-Telefon in Essen abgehört
werde.)
Meine Hochrechnung
beruht auf Erfahrung. Ich bin, wie mir später, wieder einmal jenseits
aller gesetzlichen Fristen, mitgeteilt wurde, 1975 auf Veranlassung
eines Kölner CDU-Staatsanwalts mit Verfassungsschutz-Kontakten namens
Dr. Bellinghausen abgehört worden.
Damals ergab das
für einen kürzeren Zeitraum 4.500 Protokollseiten. Diesmal müssen
es ungefähr zehnmal soviel gewesen sein. Ich schätze, daß das die
Steuerzahler rund hunderttausend Mark gekostet hat.
Was aber wichtiger
ist: Jeder, der bei meiner Mutter oder mir anrief, wurde registriert
und wohl auch in die Computer eingespeist. Da finde ich in meinem
Terminkalender den Anruf eines Betriebsrats in einer Glashütte,
Besuch des Verlegers der Kronenzeitung in Wien, Anruf eines spanischen
Gewerkschafters, Treffen mit Rechtsanwälten, Besuch eines Managers
eines Großkonzerns, der mich mit Unterlagen über Illegalitäten in
seinem Betrieb aufsuchte, Gespräche mit Redakteuren vom WDR. Mit
Dietmar Schönherr verabredete ich in jenen Wochen, daß ich in seiner
Talk-Show als Arbeiter der Gunter-Sachs-Firma auftreten sollte,
wo ich ja tatsächlich unerkannt gearbeitet hatte. Der wunderte sich
später, daß die verabredete Sendung hinter den Kulissen abgewürgt
wurde. Und dann, natürlich, die Telefongespräche zur Vorbereitung
der Besuche bei Widerstandskämpfern in Griechenland.
BKA-Visitenkarte
vom Polterer im Athener Polizei-Gefängnis
Bevor griechische
Militärs im Polizeigefängnis von Athen mir mit der Zange einen Zehennagel
rausrissen, hielt mir einer der Folterer die Visitenkarte eines
Beamten vom Bundeskriminalamt in Wiesbaden namens "Hans Schneider"
vor mit den Worten: "Wenn du hier falsche Angaben machst, werden
wir sehr schnell die Wahrheit herausbekommen, und dann wird es dir
sehr dreckig ergehen, wenn du uns angelogen hast. Das ist ein guter
Freund von mir, den ich bloß anzurufen brauche." Bei diesen "Verhören" wurde mir auch vorgehalten, daß man
gute Kontakte zu einem Strauß-Beauftragten, dem CSU-Abgeordneten
Althammer unterhalte.
So viel habe ich
längst gelernt: Wenn mein Telefon abgehört wird, dann erfahre ich
das offiziell erst Jahre später. Ich habe Indizien dafür, daß mein
Telefon gegenwärtig wieder einmal abgehört wird. Ich kenne noch
nicht die Begründung, aber ich kenne die Nutznießer.
Vor drei Wochen
hat in einem Griechen-Lokal in der Kölner Kaspar-Straße ein Beamter
der politischen Polizei namens Scharfscheer gegenüber einem Gast,
den er auf seiner Seite glaubte, behauptet, daß ich nach wie vor
observiert würde und daß ich "ihnen" irgendwann ins Netz gehen würde.
Dieser Mann hatte bereits vor meiner Griechenland-Reise einen meiner
Informanten, eine Sekretärin des Gerling-Konzerns, zu Hause aufgesucht
und versucht, sich an sie ranzumachen und einzuschüchtern, indem
er auf ein antifaschistisches Griechenland-Plakat wies und sagte:
"Sie haben Ihren Kopf ja auch schon ganz nett in der Schlinge."
Das ist die Mentalität der Leute bei diesen Observierungskommandos.
Die haben das Feindbild offen im Visier.
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