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MAIL

Konkret 08/79, S. 12  

Günter Wallraff  

LAUSCHANGRIFF AUF BÜRGER W.  

Daß Telefone abgehört werden, ist bekannt. Aber nur selten kommt die ministerielle Bestätigung so offen - wenn auch reichlich spät - wie in diesem Fall: Der Verfassungsschutz hat Günter Wallraffs Telefon abgehört - zum Nutzen griechischer Faschisten. Wallraff, der sich gerade in Göteborg aufhält, erklärt in einem Telefon-Bericht die Hintergründe  

Der Bundesminister des Innern hat mir mitgeteilt, daß mein Telefon und das meiner Mutter vom 22. März 1974 bis zum 24. Mai 1974 abgehört und Gespräche mitgeschnitten worden sind. Es ist die dritte Mitteilung dieser Art, die ich erhalten habe. Aber diesmal sei ich wegen des "Verdachts des Hochverrats" abgehört worden. Ich mußte mich bei Anwälten erkundigen, was das überhaupt ist. Ich habe aus der Geschichte Namen in Erinnerung wie Dimitrov, der beschuldigt wurde, den Reichstagsbrand angestiftet zu haben.  

Es ist, wie gesagt, der dritte Versuch, das normale Abhören meines Telefons zu legalisieren. In den beiden andern Fällen hatte man versucht, mir den Verdacht auf Landesverrat oder auf Unterstützung einer kriminellen Vereinigung anzuhängen. Diesmal mußte wohl eine Steigerung drin sein.  

Das Besondere an den eingestandenen zwei Monaten im Frühjahr 1974 ist: Das war genau die Zeit, zu der ich meine Griechenland-Aktion vorbereitet und durchgeführt habe. An Hand meines Terminkalenders, den ich aufbewahre, weil ich mich daran gewöhnt habe, daß ich ihn später zur Beweissicherung brauche, kann ich feststellen, was ich damals getan habe. Ich hatte ab Anfang März Kontakte zu Exilgriechen, die in jener Zeit der faschistischen Junta in Griechenland von der Bundesrepublik aus den Widerstand zu organisieren versuchten. Das waren Leute, die dem Zentrum nahestanden, Sozialisten, nicht einmal Leute aus dem kommunistischen Widerstand. Meine Gesprächspartner, die damals zum Beispiel bei der Deutschen Welle das Programm gestalteten, das nach Griechenland ausgestrahlt wurde, wußten von meinem Vorhaben.  

Ich war zu jenem Zeitpunkt Delegierter in einem Komitee für die Solidarität mit einem freien Griechenland. Wir besprachen Pläne für den Widerstand gegen die Junta. Ich bereitete meine Reise nach Athen vor. Am 3. Mai flog ich mit Freunden nach Griechenland. Wir waren eine Woche lang auf den Spuren von in Gefängnissen Verschollenen, haben die Repräsentanten des demokratischen Griechenlands aufgesucht - so den letzten gewählten Ministerpräsidenten Kannelopoulos, den ich abstrakt über meine Aktion informierte. ("Was wäre, wenn in Athen ein Ausländer sich an einen Laternenmast ketten würde ?") Er fand, daß das in dieser Zeit ein wichtiges Unternehmen wäre. Wir haben Repräsentanten der Kirche aufgesucht, darunter den Erzbischof Seraphim. Nach einer Woche solcher Kontakte habe ich Flugblätter in griechischer Sprache verfaßt, die zu freien Wahlen, Freilassung der politischen Gefangenen und zum Touristenboykott aufriefen. Bei der Verteilung auf dem Syntagma-Platz in Athen wurde ich bewußtlos geschlagen und bei den anschließenden Verhören von der Militärpolizei gefoltert.  

Während dieser Zeit wurde mein Telefon in Köln Tag und Nacht abgehört. Ich habe ausgerechnet: Weil damals das Telefon nicht stillstand - Solidaritätsadressen liefen von überallher ein -, müssen die Abhörer rund vierzigtausend Seiten Telefonprotokoll abgeschrieben haben. Darunter auch der Mitschnitt eines Telefonats des damaligen Bundespräsidenten Heinemann, der meine Frau anrief, um ihr zu sagen, daß er alles für ihn Mögliche zu meiner Freilassung tun würde und daß er jederzeit für sie zu sprechen sei. (Heinemann hat mir übrigens bei einem späteren Treffen erzählt, er sei sicher, daß auch sein Privat-Telefon in Essen abgehört werde.)  

Meine Hochrechnung beruht auf Erfahrung. Ich bin, wie mir später, wieder einmal jenseits aller gesetzlichen Fristen, mitgeteilt wurde, 1975 auf Veranlassung eines Kölner CDU-Staatsanwalts mit Verfassungsschutz-Kontakten namens Dr. Bellinghausen abgehört worden.  

Damals ergab das für einen kürzeren Zeitraum 4.500 Protokollseiten. Diesmal müssen es ungefähr zehnmal soviel gewesen sein. Ich schätze, daß das die Steuerzahler rund hunderttausend Mark gekostet hat.  

Was aber wichtiger ist: Jeder, der bei meiner Mutter oder mir anrief, wurde registriert und wohl auch in die Computer eingespeist. Da finde ich in meinem Terminkalender den Anruf eines Betriebsrats in einer Glashütte, Besuch des Verlegers der Kronenzeitung in Wien, Anruf eines spanischen Gewerkschafters, Treffen mit Rechtsanwälten, Besuch eines Managers eines Großkonzerns, der mich mit Unterlagen über Illegalitäten in seinem Betrieb aufsuchte, Gespräche mit Redakteuren vom WDR. Mit Dietmar Schönherr verabredete ich in jenen Wochen, daß ich in seiner Talk-Show als Arbeiter der Gunter-Sachs-Firma auftreten sollte, wo ich ja tatsächlich unerkannt gearbeitet hatte. Der wunderte sich später, daß die verabredete Sendung hinter den Kulissen abgewürgt wurde. Und dann, natürlich, die Telefongespräche zur Vorbereitung der Besuche bei Widerstandskämpfern in Griechenland.

BKA-Visitenkarte vom Polterer im Athener Polizei-Gefängnis  

Bevor griechische Militärs im Polizeigefängnis von Athen mir mit der Zange einen Zehennagel rausrissen, hielt mir einer der Folterer die Visitenkarte eines Beamten vom Bundeskriminalamt in Wiesbaden namens "Hans Schneider" vor mit den Worten: "Wenn du hier falsche Angaben machst, werden wir sehr schnell die Wahrheit herausbekommen, und dann wird es dir sehr dreckig ergehen, wenn du uns angelogen hast. Das ist ein guter Freund von mir, den ich bloß anzurufen brauche." Bei diesen "Verhören" wurde mir auch vorgehalten, daß man gute Kontakte zu einem Strauß-Beauftragten, dem CSU-Abgeordneten Althammer unterhalte.  

So viel habe ich längst gelernt: Wenn mein Telefon abgehört wird, dann erfahre ich das offiziell erst Jahre später. Ich habe Indizien dafür, daß mein Telefon gegenwärtig wieder einmal abgehört wird. Ich kenne noch nicht die Begründung, aber ich kenne die Nutznießer.  

Vor drei Wochen hat in einem Griechen-Lokal in der Kölner Kaspar-Straße ein Beamter der politischen Polizei namens Scharfscheer gegenüber einem Gast, den er auf seiner Seite glaubte, behauptet, daß ich nach wie vor observiert würde und daß ich "ihnen" irgendwann ins Netz gehen würde. Dieser Mann hatte bereits vor meiner Griechenland-Reise einen meiner Informanten, eine Sekretärin des Gerling-Konzerns, zu Hause aufgesucht und versucht, sich an sie ranzumachen und einzuschüchtern, indem er auf ein antifaschistisches Griechenland-Plakat wies und sagte: "Sie haben Ihren Kopf ja auch schon ganz nett in der Schlinge." Das ist die Mentalität der Leute bei diesen Observierungskommandos. Die haben das Feindbild offen im Visier.