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Europäisches Sozialforum in Athen 2006
MAIL
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Konkret 08/77,
S. 14
Peter-Paul
Zahl
Die Folter wird
immer alltäglicher
Der Schriftsteller
Peter Paul Zahl, zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt und dort in Isolationshaft
gequält, hat in seiner Zelle die Aufzeichnungen seines griechischen
Kollegen Perikles Korovesis* gelesen, der unter dem Obristen-Regime
der Folter unterzogen wurde: "Der Gefolterte wird irre oder - in
Haß, Liebe und Wissen präziser denn je zuvor"
Korovesis' Geschichte
ist einfach: er saß mit einem Freund zusammen in der Wohnung. Es
kamen Staatsschützer. Bücher wurden beschlagnahmt, die Wohnung wurde
demoliert, Korovesis wurde eingeliefert, gefoltert, entlassen. Ein
ganz normaler Bericht über ganz normale Zustände in einem ganz normalen
NATO-Land.
Wer foltert? Und
warum? Was macht Menschen disponibel für die Folter? Ist sie ungewöhnlich?
Welche Schäden erleidet der Gefolterte? Wie gesund sind die Folterer?
Spätestens nachdem
er gefoltert wurde, begriff Korovesis, in welchem Lande er lebt,
mit welchem System er es zu tun hat, welche Mechanismen der inneren
Kolonisierung zu greifen beginnen, hat das Volk ein wenig andere
Anschauungen über freedom and democracy entwickelt, als die Multis
und der Große Bruder in der NATO.
Folter heißt: den
Riß, der durch die Welt verläuft, den zwischen Herrschaft und Knechtschaft,
zwischen Kapital und Lohnarbeit, zwischen denen, die über andere
disponieren und denen, über die disponiert wird, an sich selbst
körperlich erfahren. Niemand ist mehr, der er war, wurde er der
Folter unterzogen. Der Gefolterte wird irre oder - in Haß, Liebe
und Wissen präziser denn zuvor. Ein Drittes gibt es nicht. Es gibt
keine Welt, in der Folterer und Gefolterte gleichermaßen heimisch
sind. Im Gefolterten wird die allgemeine Schizophrenie, der Irr-Sinn,
die Zwangsspaltung in der arbeitseiligen Welt aufgebrochen. Der
Gefolterte existiert in diesem Prozeß doppelt: als Leidender und
als Chronist seines Leidens.
"Die Selbsterhaltungsinstinkte
hatten aufgehört zu funktionieren. Als ginge mich die ganze Tortur
nichts an." (48)
Folter wird in
einer Welt, in der die Widersprüche sich immer mehr zuspitzen, immer
alltäglicher, ist normales Herrschaftsinstrument geworden. Der Prozeß
der inneren Kolonisierung, jener Prozeß , in dem jeder, der Widerstand
leistet, zum "Nigger", "Juden", "Anarchisten", "Untermenschen" wird,
in dem ein militantes Nein Straftatbestand ist, wird Folter zum
normalen Mittel der Repression; wo der Andere, der Gegner, der "Staatsfeind"
zum bösen Prinzip schlechthin wird, werden ganz normale Beamte zu
Folterern, wie zu anderen Zeiten Bademeister oder Landgendarmen.
Unsere Vorstellungen vom Folterer als der "blonden Bestie" in SS-Uniform,
mit blauen Augen und blankgewichsten Stiefeln und sadistischer Freude
am Quälen, ist geprägt von der "Bewußtseins"-Industrie, welche Gründe
und Motive der Folter geflissentlich verschweigen oder verdrängen
mußte, um einen falschen Schein zu profitieren. So konnte Dachau
zu einer Kultstätte der Fremdenverkehrsindustrie werden - wie der
Drachenfels; mit dem Bilde des Folteres verbinden sich Erinnerungen
an Standfotos, die Schauspieler wie Horst Frank oder Peter van Eyck
zeigten; vermengen sich in letzter Zeit schlechtverdaute Theorien
aus der Psychoanalyse: Folter als pornografische Schwarze Messe
für sexuell Gestörte. Nichts falscher als das.
"Aufgrund des
,Berufsreinigungsgesetzes' mußten von 85 000 Polizeibeamten
im Reich fast 2700 aus dem Dienst scheiden (Paul Rieme, Kleine Polizeigeschichte,
S. 42). Die restlichen 96 % aller Polizisten erwiesen sich als tragbar
_ "staatstragend."
(Eugen Kogon, Der
SS-Staat).
Korovesis schildert
den echten Typus des Foltere, die graue Maus der Repressionsindustrie:
"Er sei selbst
nur ein kleiner Angestellter mit Frau und Kindern (...
) ,Ich habe für alles, was ich getan habe - er zeigte mir
ein Dossier - Befehle, ich führe nur Befehle aus. Politik interessiert
mich nicht. Welche Regierung dran ist, ist mir egal. Ich habe meine
Anweisungen." (93)
In der BRD befindet
sich unter ca. 7000 NS-Verurteilten kein einziger Richter. Für Beamte
gab es den § 131. Der Kommentator der Nürnberger Gesetze, welche
die Abschlachtung von sechs Millionen Juden absicherten, Herr Globke,
wurde Adenauers Rechte Hand. Der NS-Staat war ein Rechtsstaat.
"Die Idee des Rechtsstaates
ist im neuen Deutschland nicht verlassen, sie ist und wird vielmehr
vertieft."
(Der Gerichtssaal,
1833, S. 52)
Das Griechenland
der Junta war ein Rechtsstaat. Es gibt immer Gesetze für oder gegen
irgendetwas. Daneben gibt es Betriebsunfälle. Die werden abgeurteilt.
Der Folterer aus Leidenschaft, der Hobby mit Beruf verbindet, schießt
ein wenig über das Ziel hinaus. Dies ist manchmal nicht statthaft.
Beruf hin, Berufung her. Statthaft ist eine administrative Tätigkeit,
die von den Anderen - den Gefolterten und ihren "Sympathisanten"
unstatthaft genannt wird. Statthaft ist, was der Staat erlaubt.
Denn, nicht wahr ?, der Staat verkörpert
den verfaßten Willen der Bürger. Sagt der Staat.
"Folterungen stellen
also nichts anderes dar als die Zerschlagung bereits des Ansatzes,
jedes Versuchs der Verteidigung und Organisierung jener gesellschaftlichen
Klassen, die den ,ökonomischen Fortschritt' bezahlen müssen. (...) Sie gehört
zu den stets paraten Disziplinierungsmethoden einer herrschenden
Klasse, deren einziges Mittel zur Durchsetzung ihres Zieles die
offene und unverhüllte Gewalt ist." (10/11)
Ein Staat, der
nicht bereit- ist, seine treuesten und uneigennützigsten Diener,
die (zuweilen auch folternden) Beamten vor den Widrigkeiten schwankender
Zeitläufe - zu denen leider auch Regierungs- und Systemwechsel gehören
- zu schützen, gibt sich selbst als Prinzip auf. Der seinen Job
tuende und dabei keiner Leidenschaft frönende, knüppelnde Polizist,
der Arzt, der die Elektroden anlegt, der Herr des Morgengrauens,
der, natürlich zur Abwendung einer großen Gefahr; Wanzen setzt,
sie sind Hoheitsträger, mithin sakrosankt, ihr Status sorgt für
automatischen Rechtsschutz, kein Minister, der es ernst meint mit
dem Staat, der sich nicht vor sie stellte.
Es gibt Grenzen,
Herr Lambrou! Es gibt Menschenrechte..." - "Kommunistische Propaganda!
Nur die Kommunisten reden so, und das interessiert mich nicht."
(39)
Athen, 12. Okt.
76: Der frühere Chef der Sicherheitspolizei, Vassilis Lambrou, erhielt
eine zehnmonatige Freiheitsstrafe. Der Verurteilte legte Berufung
ein und wurde vorläufig auf freien Fuß gesetzt."
(FAS, 13. Okt. 1976)
Der ein wenig über
das Ziel hinausgeschossene Folterchef unterliegt dem gleichen Bußkatalog,
wie der Bademeister, der seine Mütze unvorschriftsmäßig oder statt
der vorgeschriebenen weißen eine grünrot-karierte Hose getragen
hatte.
Korovesis:
Ein Mädchen sang
ein verbotenes Lied. Andere fielen ein. Eine Greisenstimme schlug
vor, ein Lied aus dem Widerstand zu singen. Das Lied wurde angestimmt.
Es war unglaublich. (30) Ich fühlte mich unter Genossen. Ich hätte
mir nicht träumen lassen, daß es mitten Im Rachen des Löwen einen
solchen Widerstand geben könnte. Ich fühlte mich hervorragend."
(31)
Wir - lautet eine
Kapitelüberschrift. Korovesis weiß: ich bin nicht allein. Widerstand
hat in Griechenland eine große Tradition -gegen die Türken jahrhundertelang,
gegen die Nazi-Besetzung, gegen die Junta. Einige seiner Zellennachbarn
hatten schon unter den deutschen Faschisten, nach dem Bürgerkrieg,
unter Karamanlis gesessen. Sie geben die Fackel des Widerstands
an die nächste Generation weiter, und sie lehren - das Überleben:
"Aber um zu siegen,
müssen wir sterben können, und um sterben zu können, müssen wir
das Leben lieben." (92)
und forscher und
ärzte mit verchromtem blick/... pfiffen das herz/prüfen das herz
und den lauf des blutes/sind jung wie wir und leicht/wie unter dem
apfelbaum/stecken elektroden an die ohren/stecken elektroden an
die hoden/stecken elektroden an die spitze der Brust/und phoenix
steigt aus der asche/phoenix aus dem korydallos..."
(aus: 24 Stunden
für die Freunde)
Aber tief Fortschritt
bricht sich auch in Griechenland Bahn. Unerbittlich. Spezialisten
aus den Vereinigten Staaten verfeinerten die"Einvernahme" (Folter),
benutzten französische Forschungsergebnisse (aus dem Algerienkrieg;
siehe: Fanon: Die Verdammten dieser Erde). Korovesis wird den Handarbeitern
entrissen und den wissenschaftlichen Spezialisten überstellt. Doch
so verfeinert die Methoden wirken, sie zielen lediglich auf den
Körper ab. Auch sie lassen dem Gefolterten seine Identität und ein
Gegenüber. Das Gegenüber ist in der Isolation der Folter die Welt.
Was bleiben wird, ist: "tödliches Mißtrauen" (5$). Der Gefangene
weiß: er ist
"offensichtlich
Kriegsgefangener und völlig unvorbereitet, unserem Jahrhundert zu
begegnen" (59).
Er durchschreitet
den zweiten und dritten Kreis der Hölle: die Folter mit elektrischem
Strom und - die Isolationsfolter:
"Es war nicht wie
in der Asphalia, wo du merkst, daß es in der Zelle nebenan noch
andere wie dich gibt. Hier war man in völliger und absoluter Isolation
von allem Menschlichem." (64)
Diese Folter ist
für ihn neu und - am schrecklichsten. Denn vermittels dieser feinsten,
gemeinsten, ausgeklügelsten Methode soll der Antagonismus Folter-Gefolterter
auf Kosten der Identität des Gefangenen aufgehoben werden. Der Feind,
wird suggeriert, dein größter Feind, das bist du selbst. WO nur
eines ist, dein Leib, und niemand dir gegenübertritt, ihn zu quälen,
und er ist gequält, da soll der Mensch sich selber Feind- werden,
an sich irre, soll die Zwangsgespaltenheit in sich versöhnen; in-.
dem das Ich, die Identität aufgegeben wird. Die Isolationsfolter
ist nicht neu; schor Balczac schrieb:
"Zwischen der Einsamkeit
und der Folter ist genau derselbe Unterschied wie zwischen einer
Nervenkrankheit und einer chirurgischen Krankheit. Sie ist das Leiden,
multipliziert mit dem Unendlichem..'. Dieser
grausige Zustand der Seelenfolterung, der in gewissen Fällen; zum
Beispiel im Politischen:.. -ungeheuerliche Dimensionen annimmt..."
(aus: Glanz und
Elend der Kurtisanen)
Dieser "grausige
Zustand" betrifft Korovesis nun nicht mehr. Nie mehr. Er weiß
, daß er Teil eines kollektiven Kampfes, eines kollektiven
Widerstands, eines kollektiven Leidens ist. Niemand und nichts wird
ihm dies Wissen nehmen können. Außer: der Tod. Dieser hat nun, nach
all der Qual, den Schrecken für ihn verloren. Er weiß:
"Um dem Faschismus
entgegenzutreten, der beherrschenden Repressionsform des Monopolkapitalismus,
muß man sein Essenessen, es ist das einzige, was einem bleibt."
(64)
Die"Menschenwärter",
Vertretereiner
unmenschlichen,
sich auf Freiheit, Frieden, Christentum berufenden Todeskultur,
haben keine Macht mehr über ihn. Wenn sie
je Argumente gehabt haben sollen, haben sie diese beim ersten Schlag
der Folter verloren. Die. Roboter der Unmenschlichkeit, die "Besamten,
die nur ihre Befehle ausüben", die schlagstarken Automaten der
westlichen Zivilisation, werden hilflos dem Substrat aus Hoffnung,
Liebe, Solidarität, Glück, Glücksversprechen, dem gequälten Opfer
gegenüberstehen. Was sie auch machen, sie kommen nicht durch. Spätestens
nach der Folter ist aus dem Opfer ein unerbittlicher Gegner der
Macht, ein Kämpfer, einer, der weiß, daß das Kriterium der Henker
der Verrat, seines die Menschlich= keit ist.
Korovesis hatte
"das Glück", eingebettet zu sein in eine starke, selbstbewußte Opposition,
die mehr war als eine Gemeinschaft von Gefolterten, einmal - und
für alle Zeit - zu wissen, daß die Folterer die Unterworfenen sind,
daß in ihnen das System der Lohnarbeit seinen tiefsten, weil vordringlichsten
Höhepunkt hat, daß die Gegenwelt zerstört werden wird.
"Geht in die Gefängnisse,
und ihr erfahrt, was für ein Kampf um unser Leben geführt wird.
Zu verzweifeln wäre ein Luxus und bedeutet, zurückzuweichen vor
denen hier. Ihr habt eure Prüfung bestanden, aber das Schwerste
ist die Prüfung des anderen, bei der man glaubt; nicht mehr tun
zu können als zuzusehen. Aber das stimmt nicht. Man kann immer etwas
tun. Zeig ihm, daß du stolz auf ihn bist. Deine Zuversicht hilft
uns allen. Deine Hoffnungslosigkeit betrifft nicht nur dich, sie
trifft uns alle. Begreife, daß von jetzt an keiner mehr nur noch
für sich allein entscheidet !" (85)
Ihr habt noch nichts
gesehen und erlebt. Ihr seid in den Jahren des Verrats und des Schweigens
aufgewachsen. Jahrzehntelang schlachten sie uns nun schon ab und
stopfen uns das Maul... Nichts anders/ Aber damit ist jetzt Schluß!
Ihr werdet damit Schluß machen, auch wenn ihr es selbst noch nicht
wißt. (92)
Die Folterer in
Griechenland sind zur Zeit beurlaubt. In
Vor- und Nachwort weisen Korovesis und Marios Nikolinakos darauf
hin, was es für die Opfer der Junta bedeutet, nach wie vor in der
Gegenwart ihrer SS leben zu müssen, die von Karamanlis und Co. gedeckt
wird, gedeckt werden muß - siehe oben. Unter dem Mantel des Schweigens
lebt die Folter weiter. Die Zuschauer sind ,Feiglinge
oder Verräter" (Fanon), aber dies sind moralische Begriffe,
und der Prozeß der inneren Kolonisierung in den Metropolen kennt
keine Moral. Korovesis beschreibt die Solidarität der Gefolterten;
an die Solidarität der Noch-nicht-Gefolterten appelliert er nicht.
Die Noch-nicht-Gefolterten zensieren sich selbst, sie wissen, was
geschieht, hier in der BRD; dort in Chile, in Spanien, sie wissen,
warum dies geschieht. Drohung und Gewalt der, Legalität erdrosseln,
was über amnesty-international-Hilfe hinausgehen könnte. Ein christlich-demokratischer
Ministerpräsident in der Bundesrepublik will Folter in gewissen
Fällen angewandt sehen, Herr Albrecht von Niedersachsen (FR,
15. ). 1976). Nach zagen Protesten zieht
er dies Zitat ausdrücklich zurück- die Kritiker sind still
und übersehen geflissentlich, daß die Forderung nach Folter strukturell
aus seinem Text erwuchs. Herr Kissinger schreibt seine Memoiren.
Verlage überbieten sich dafür: Auch ein Eichmann tötete persönlich
keinen, ein Himmler folterte nicht persönlich.
In der Bundesrepublik
zählt, wer die Folter abgeschafft sehen will, schon zur Fundamentalopposition:
Nicht in diese Ecke gerückt zu werden, verweigern viele eine simple
Unterschrift unter Petitionen. Was in Griechenland oder.hier wirklich
geschieht, lernen jene, die der Gefahr entgehen wollen; wohl erst
in den Gefängnissen, in den Lagern. Der Faschismus, so Fidel Castro
bei seinem letzten Besuch in Chile warnend, lernt schneller. Es
wird kein Entkommen geben. Wer morgen kein Stück schreienden, blutenden
Fleisches sein will, muß heute, mit anderen zusammen, das Schweigen
im Lande durchbrechen. Es gibt nur eine Welt. In der wird immer
mehr gefoltert. Solange, wie wir es zulassen.
Periklis Korovesis:
Die Menschenwärter, übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Armin
Kerker, Raith Verlag/päd. extra, 10,80 Mark
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