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Konkret
07/77, S. 38
Günter Wallraff
Wallraff ist gleichgeschaltet
Unerkannt arbeitet
Günter Wallraff gegenwärtig in einer Hochburg der internationalen
Reaktion.
KONKRET-Redakteur Hartmut Schulze hat sich heimlich mit ihm
getroffen.
KONKRET: Günter,
vor kurzem ist bei Rowohlt das Taschenbuch Böll/Wallraff: "Berichte
zur Gesinnungslage der Nation/Bericht zur Gesinnungslage des Staatsschutzes"
erschienen. In Deinem Teil, der zuvor schon in KONKRET erschienen
ist, beschreibst Du Erfahrungen mit der politischen Polizei in Köln,
und zwar Erfahrungen, die Du selbst gemacht hast. Der Schriftsteller
Günter Wallraff wendet also seine "Wallraff-Methode" auf Günter
Wallraff an. Seit einigen Wochen nun arbeitest Du an einem neuen
Projekt, unerkannt, außerhalb unserer Grenzen. In wenigen Tagen
wird dieses Projekt abgeschlossen sein - kannst Du heute schon,
ohne Dich zu verraten und zu gefährden, sagen, wo und unter welchen
Bedingungen Deine Arbeit im Augenblick stattfindet?
Wallraff: Das liegt
vielleicht distanzmäßig etwas weit weg
von uns, ist uns aber andererseits durch die Arbeitsprinzipien,
in denen ich unerkannt drinstecke, bedrohlich nahe. Das sind Prinzipien
von blindem Gehorsam, totalitäre Strukturen, in denen das Parieren
verinnerlicht ist. Die meisten machen sich selbst zu Erfüllungsgehilfen
dieses Systems, die man nicht mehr täglich neu reglementieren und
zu irgendwelchen Aufgaben zwingen muß . Das Erschreckende ist, daß
ich selbst bei mir schon diese Verinnerlichung feststelle, obwohl
ich nur meine Rolle spiele, daß ich sogar
meine Empfindungen, Reaktionen, Erfolgserlebnisse, Enttäuschungen
aus der Anerkennung in diesem autoritären, korrupten Bereich empfange.
Ich erlebe ein System der Gehirnwäsche. Wenn ich von dem Befehlshaber,
dem ich hier unterstellt bin, gemaßregelt werde, drückt das meine
Stimmung, wenn ich gelobt werde, freue ich mich. Ich erlebe in der
Retorte Funktionen des Dritten Reiches und erfahre, daß es die so noble "innere Emigration" kaum gegeben haben
kann: Wer mitspielt, wer drinsteckt, hat irgendwann keinen Abstand
mehr, er gehört dazu, er wird deckungsgleich.
KONKRET: Warum
unterwerfen sich die Menschen, mit denen Du zusammenarbeitest und
zusammenlebst, diesen Zwängen? Wallraff: Weil sie keine Alternative sehen. Würden sie ihre
Funktion aufgeben, würden sie prestigemäßig
und wohl auch finanziell deklassiert.
KONKRET: Sind sie
denn in ihrer Funktion gesellschaftlich anerkannt? Wallraff: Sie sind unter sich anerkannt, sie hieven sich gegenseitig
hoch. Das ist ein System im System, aber die wirklichen Kräfte der
Gesellschaft, die sind inzwischen im Aufbruch, vor denen müssen
sie sich rechtfertigen, vor denen weichen sie aus, denen können
sie nicht in die Augen schauen, fühlen sich bereits als Schutt der
Geschichte.
KONKRET: Wußtest
Du, was Dich erwartet? Wallraff: Nein, ich hab mir das ganz anders vorgestellt, ich
denk: Du kommst hier in ein halbfaschistisches System rein und da
findest Du die kämpferischen Rechten, von rechtem Schrot und Korn,
wie Du sie Dir nach Geschichtsbüchern vorstellst. Ganz falsch. In
ihren Funktionen handeln sie zwar so, aber das sind nicht mal ihre
ureigensten Überzeugungen, weil sie ja gar nicht ihre eigenen Interessen
hier wahrnehmen, sondern Erfüllungsgehilfen einer Militär- und Kapitalclique
sind. Sie sind die typischen Handlanger, die typischen Arrangeure,
und ihre Ideologie ist eher nihilistisch. Von meiner frühen Herkunft
her (Sartre, Existentialismus usw.) dachte ich immer, daß Nihilismus eine Erscheinung der Linken sei, aber das Gegenteil
ist der Fall, das Gegenteil erlebe ich. Nihilismus ist ein ganz
stark menschenverachtendes, zynisches darwinistisches Denken, das
jedoch nicht eine in sich geschlossene Ideologie darstellt. Nihilisten
sind sehr anfällig. Darum meine ich auch, daß
man unsere Linken immer wieder auffordern muß ,
sich aktiver, konstruktiver, geschlossener der Rechten entgegenzusetzen,
anstatt ihre Utopien zu weit zu treiben.
Die Reaktion ist
schwächer als man gemeinhin denkt. Wenn man mit ihr auf Tuchfühlung
rückt, sie von ganz nah erlebt, merkt man, wie wenig Rückhalt diese
Figuren haben, wie leicht sie umzupusten wären. Es gibt hier auch
viele, die lieber in einem anderen System arbeiten möchten, die
also irgendwo noch einen Rest von Hoffnung, von Traum haben. Wenn
sie besoffen sind, dann kommt das raus. Von Zeit zu Zeit müssen
sie bei ihrer Dreckarbeit ihr Gewissen entlasten, einfach um weiterleben
zu können. Und dann sagen sie schon mal : ,
Nein, das und das kann ich nicht, mach ich nicht." Wenn aber darauf
die Anordnung folgt, der Befehl von oben, fühlt sich der Betroffene
entlastet, die Entscheidung wurde ihm abgenommen, und er sagt, "Ich
mach es", auch wenn dadurch möglicherweise jemand in den Tod getrieben
wird. Ich kann später belegen, was ich jetzt so verschlüsselt ausdrücken
muß . Hier herrschen Prinzipien, von denen
wir sonst glauben, daß sie nur im Dritten
Reich gang und gäbe waren, obwohl mein gegenwärtiger Arbeitsbereich
in unserem westlichen System anerkannt und integriert ist.
KONKRET: Du glaubst,
daß diese Mechanismen auch in den reaktionären Institutionen
der Bundesrepublik wirksam sind? Wallraff: Ich habe mir viele Gedanken darüber gemacht, weil
es auch hier Querverbindungen zur bundesdeutschen Reaktion gibt,
und zwar nicht zu knapp. Ich bin zu der Überzeugung gelangt, daß
hier ganz parallele Gleichschaltungen stattfinden.
KONKRET: Zurück
zu Deiner gegenwärtigen Arbeit: Sie unterscheidet sich ja wohl von
Deinen bisherigen Aktivitäten. Wallraff: Ja. Ich habe mich hier Experimenten ausgesetzt,
wie ich sie so total bisher nicht riskiert habe, weil ich bisher
auch doch noch immer in einer Zwitterrolle war. Ich war bei jeder
Beobachtung, die ich machte, bei jeder Untersuchung, die ich anstellte,
immer noch an erster Stelle ich selbst. Und daher integer. Ich erlebe
erstmals, daß Teile von mir aufgeweicht
werden. Am Anfang meinte ich, mit den Wölfen zu heulen, um sie zur
Strecke zu bringen, und jetzt merke ich, wie ich selbst zum Wolf
werde. Der Marsch durch die Institutionen ist ein Traum. Einzelne
machen immer die Institution stärker, weil sie nicht korrigiert
werden durch Gruppen. Ich bin in der typischen Rolle des Einzelnen
und ich erlebe plötzlich: Dieser Apparat steckt voller solcher Einzelner,
nur daß sie alle ihre verschiedenen Abwehrmechanismen
haben, um zu überleben, um das auszuhalten, das zu ertragen. Zum
erstenmal habe ich mich für einen langen
Zeitraum ausschließlich und ungebrochen, ohne korrigierende Instanz,
in solch ein Feld begeben. Zudem mache ich eine ganz besondere Form
von Schmutzarbeit. Wenn ich mir in einer Fabrik unter schlimmsten
Bedingungen die Hände schmutzig gemacht habe, war mein Seelenhaushalt
immer noch in Ordnung. Das konnten die ausbeuterischsten Klitschen
sein - ich hatte immer noch ein Gegenüber, Kollegen. Hier gibt es
das alles nicht, keiner gibt seinem Widerstand, seiner Auflehnung,
Ausdruck. Es wird nicht mehr darüber geredet, es ist in sich so
dicht, so kurzgeschlossen, daß man darin erstickt. Wenn ich jetzt im Knast wäre, würde
ich mehr ich selbst bleiben.
KONKRET: Du hast
also Deine Identität partiell aufgeben müssen? Wallraff: Am Anfang nicht. Am Anfang hatte ich noch Abstand,
konnte mich über das Ganze erheben, konnte die manchmal komödiantische,
groteske Seite sehen. Aber inzwischen erlebe ich, wie da etwas abschleift,
wie man selbst in seinen Gefühlen so geschliffen wird, daß
man als einzelner immer untergeht, wenn man unkontrolliert und unkorrigiert
drinsteckt. Ich mach's eben befristet, es wird höchste Zeit, daß
ich damit aufhöre. Würde ich versuchen wollen, meine Rolle als beobachtender
und agierender Teilnehmer über ein paar Jahre durchzuhalten, wäre
bald nichts mehr von mir übrig. Aus Sicherheitsgründen kann ich
ja auch nicht mit Freunden und Bekannten Kontakt aufnehmen. Ganz
zu schweigen davon, daß wir diese Entfernungen
auch nicht unregistriert überbrücken könnten, unbeobachtet Grenzen
überschreiten könnten. Ich lebe hier in einem reaktionären System,
in dem sich, hermetisch abgeriegelt ein ganz eigener Lebensrhythmus
entwickelt. Ich erlebe, wie ich körperlich fast gesunde und seelisch
zugrunde gehe, geistig völlig brachliege. Ich habe immer noch versucht,
mir Bücher mitzunehmen, um Abstand zu halten aber das hat mich so
total beansprucht, daß ich das nicht mehr schaffe.
KONKRET: Einige
Informationen konnte ich Dir jetzt mitbringen. Du kennst inzwischen
Reaktionen auf Dein neues Buch, zum Beispiel diesen Artikel aus
der "Welt" der doch zeigt, daß die Arbeit
von Böll und Wallraff von der Rechten (wieder?) sehr ernst genommen
wird. Wallraff: Und deshalb kann ich mir vorstellen, was mich erwartet,
wenn ich jetzt zurückkomme, vor allem nach der Veröffentlichung
meiner Erfahrungen, die ja auch ganz wesentlich bundesrepublikanische
Querverbindungen zum Inhalt haben wird. Im Moment bin ich noch geschützt,
bewege mich vollkommen sicher in einer der Hauptbastionen der internationalen
Reaktion. Wenn ich zurückkomme, wird ein Kesseltreiben gegen mich
veranstaltet werden. Nehmen wir das Beispiel meines letzten Buches.
Da dokumentiere ich illegale und völlig unnütze Überwachungen und
zeige, daß zwischen mir und der Terroristen-Szene
Welten liegen. Aber in der "Welt" werde
ich, und das auch noch mit Bezug auf dieses Buch, wieder als halber
Terrorist hingestellt.
Böll hat mich selbst
darauf aufmerksam gemacht, daß er das,
was ich als Tatsachen in unserem gemeinsamen Buch dokumentiert habe,
nie gewagt hätte, fiktiv zu beschreiben, weil er der maßlosen Übertreibung
bezichtigt worden wäre. Man braucht heute keine Satiren mehr zu
schreiben, die Satiren werden durchlebt. Oft genug von staatlichen
Stellen, man muß sie nur ausfindig machen.
Du hast mir auch
einen Vorgang aus einer Stadt im Sauerland mitgebracht, wo mich
ein CDU-Mann des Kulturausschusses wiederholt als Verbrecher bezeichnet.
Ich erstatte gegen diesen Mann Anzeige, und zwar schreibe ich in
der Begründung, daß in Aachen ein Namensvetter von mir von Rechten verwechselt
und jämmerlich zusammengeschlagen wurde. Das bezeichnet doch ein
Klima.
Und das gleiche
berichtet mir Wolf Biermann, der einzige meiner Freunde, mit dem
ich mich hier vor kurzem unerkannt treffen konnte: Seit die "Bild-Zeitung"
in einem Hetzartikel seine volle Adresse veröffentlicht hat, erhält
er Tag für Tag Drohbriefe und Morddrohungen.
KONKRET: Hast Du
Angst? Wallraff: Wenn ich zurückkomme, meinst Du? Ja. Hatte ich früher
eigentlich nie. Ich war früher immer sehr sorglos, unbekümmert,
unbefangen auch. Aber seitdem meine Arbeitsräume angesteckt wurden,
habe ich Angst, und meine Phantasie reicht aus mir auszumalen was
jetzt wieder an Haß von einer gewissen Presse entfacht werden kann. Die Vollstrecker
finden sich immer, wenn der Boden vorbereitet ist.
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