Gegen Nazis und Briten
Gründung der Griechischen Volksbefreiungsarmee
ELAS am 16. Februar 1942
Martin Seckendorf
Im April 1941 hatte die Wehrmacht Griechenland
heimtückisch überfallen und unterworfen. Sehr bald setzten sich
die Griechen gegen die Okkupation mit bewaffneten Aktionen zur
Wehr. Die ersten Unruhen trugen lokalen Charakter und waren vielfach
von örtlichen Komitees der Kommunistischen Partei initiiert worden.
Häufig waren es spontane Reaktionen der Bevölkerung auf die sich
dramatisch verschlechternde Lebenslage infolge einer ungeheuren
wirtschaftlichen Ausbeutung durch die Besatzer. Gegen dieses Aufbegehren
ging die Wehrmacht mit unglaublicher Brutalität vor. Gemäß Befehlen
aus Berlin setzte die Wehrmacht die massenhafte Vernichtung von
Zivilisten als militärisch-taktisches Konzept zur Sicherung der
deutschen Herrschaft ein. Ziel war, die Unruhen »im Keim« zu ersticken
und »eine abschreckende Wirkung zu erzielen«, wie der Befehlshaber
Saloniki-Ägäis, Kurt von Krenzki, berichtete. Allein im Oktober
1941 wurden in seinem Befehlsbereich mehr als 800 Griechen umgebracht
und sieben Dörfer vollkommen zerstört.
Ziel: Selbstbestimmung
Den entscheidenden Impuls erhielt der griechische
Widerstand mit der Gründung der Nationalen Befreiungsfront (EAM).
Am 27. September 1941 entstand ein breites Bündnis antifaschistischer
Kräfte, das sich in kurzer Zeit zur größten politischen Organisation
in der Geschichte Griechenlands entwickelte (zur EAM s. jW vom
23.9.2006). EAM stellte sich die Aufgabe, die Griechen gegen die
Besatzer zu mobilisieren und in einem Befreiungskrieg die Okkupanten
zu vertreiben. Schon im Oktober 1941 begann der Aufbau regulärer
Streitkräfte. EAM gründete in Athen das »Militärische Zentrum
des Widerstands«. Republikanisch eingestellte Offiziere der alten
griechischen Armee schufen in dem Zentrum organisatorische Grundlagen
für die Aufstellung einer Armee.
Am 16. Februar 1942 wurde die Gründungsproklamation der Griechischen
Volksbefreiungsarmee (ELAS) veröffentlicht. Hauptaufgabe der ELAS
war es, den von der EAM organisierten politischen Massenkampf
und die befreiten Gebiete militärisch zu schützen sowie die Okkupanten
zu vertreiben. Nach der Befreiung sollte ELAS die nationale Unabhängigkeit
Griechenlands sichern und für die Herstellung demokratischer Verhältnisse
sorgen, damit das Volk in freier Selbstbestimmung die soziale
und politische Ordnung Griechenlands ohne äußere Einmischung bestimmen
kann. Die örtlich agierenden Partisanengruppen wurden untereinander
vernetzt und personell aufgestockt. Schon ab Mitte 1943 operierte
ELAS in allen Teilen Griechenlands. Sie war in Kompanien, Bataillone,
Regimenter und Divisionen gegliedert. Die Einheiten und Verbände
standen unter der Führung von drei gleichberechtigten Funktionären,
nämlich dem Kommandeur, dem Politkommissar und dem Vertreter der
EAM. Die ELAS erhielt großen Zulauf. Mitte 1943 hatte sie zirka
50 000 Mann unter Waffen. Fast noch einmal so viele Soldaten
gehörten zur ELAS-Reserve. Nach einer Schätzung der Wehrmacht
befanden sich im Oktober 1943 allein in und um Athen ELAS-Verbände
in einer Gesamtstärke von 30 000 Soldaten.
Britische Kollaboration
Erst als der militärische Erfolg der ELAS offensichtlich
wurde, riefen bürgerliche Gruppen zum bewaffneten Widerstand auf.
Einige Bedeutung gewann die nationalistische Organisation mit
dem Kürzel EDES. In Nordwestgriechenland stellte sie bewaffnete
Gruppen auf, die von den Briten reichlich mit Waffen, Geld und
Instrukteuren versorgt wurden, um den Einfluß der ELAS zu unterlaufen.
EDES entwickelte sich zu einem Sammelbecken der griechischen Rechten,
einschließlich der Royalisten. Seit Sommer 1943 arbeitete die
Organisation mit den Besatzern zusammen und nahm mit britischer
und deutscher Unterstützung den bewaffneten Kampf gegen die ELAS
auf.
ELAS war seit dem nicht nur die größte und kampfstärkste, sondern
auch die einzige militärische Kraft, die die Okkupanten bekämpfte.
Im Mai 1943 schuf sie ein zentrales Kommando- und Stabsorgan,
das Generalhauptquartier, um auch Operationen mit Großverbänden
zu ermöglichen. Die neue Qualität des Befreiungskampfes bekamen
die Okkupanten bald zu spüren. Erstaunt registrierte der Generalstabschef
der Heeresgruppe E, Erich Schmidt-Richberg, daß bei einem Großangriff
der Wehrmacht gegen die befreiten Gebiete in Mittelgriechenland
die ELAS den technisch überlegenen Faschisten nicht mehr auswich,
sondern in taktisch klug angelegten Befestigungen Widerstand leistete
und sogar mit Artillerieunterstützung zur Gegenoffensive überging.
Ende August 1944 begann der Abzug der Besatzer aus Griechenland.
Die Rote Armee hatte den Süden der deutschen Ostfront aufgebrochen.
Deutsche Verbände aus Griechenland sollten an der Donau eine neue
Front gegen die sowjetische Armee aufbauen. Zu dieser Zeit hatte
die ELAS 90 Prozent Griechenlands befreit und effiziente, demokratisch
legitimierte Verwaltungen eingerichtet. Um die ELAS an der Bildung
einer Regierung für ganz Griechenland zu hindern und sie letztendlich
zu entwaffnen, einigten sich die Briten mit Nazivertretern darauf,
daß die Deutschen ihre Stellungen in den Großstädten und an wichtigen
Küstenabschnitten solange gegen die ELAS halten, bis britische
Truppen eintreffen. Als Gegenleistung konnten die Deutschen unbehelligt
von der überlegenen britischen Luftwaffe nach Norden abziehen.
Auch die ab Oktober 1944 in Griechenland eintreffenden britischen
Bodentruppen bekämpften gemäß diesem Abkommen nicht die Besatzer.
Sie sollten die Entwaffnung der ELAS und eine von außen diktierte
kapitalistische Nachkriegsentwicklung Griechenlands ermöglichen.
Nur die ELAS lieferte den Faschisten heftige Gefechte. Dadurch
kamen die deutschen Truppen verspätet, personell geschwächt und
ohne schwere Waffen in Jugoslawien an. Sie konnten nicht mehr
gegen die Rote Armee eingesetzt werden. Gerade die Kämpfe des
Jahres 1944 belegen den großen Beitrag, den die ELAS zur Befreiung
Europas vom deutschen Faschismus geleistet hat.
Die ELAS im Spiegel von Wehrmachtsdokumenten
In Griechenland entstand mit der ELAS eine der
kampfkräftigsten Partisanenarmeen des Zweiten Weltkrieges. Obwohl
die Okkupanten zunächst über ELAS kaum informiert waren und deren
Soldaten Banditen nannten, mußten sie bald einen hohen Organisationsgrad
der Partisanen und deren kluge taktische Führung zur Kenntnis
nehmen.
Am 10. Oktober 1942 meldete die Wehrmacht, die ELAS habe an der
einzigen Eisenbahnverbindung von Thessaloniki nach Athen 170 Sprengungen
vorgenommen, deren »Wiederherstellung noch nicht abzusehen« sei.
Über diese Verbindung lief 80 Prozent des Nachschubs für das Afrikakorps«
Erwin Rommels. In einem Bericht vom 19. Dezember 1942 nach Berlin
heißt es: »Sowohl die Organisation wie auch die Taktik dieser
nunmehr geschlossenen Widerstandsbewegung muß als gut bezeichnet
werden.« ELAS sei deshalb für die Okkupanten
»eine sehr große Gefahr«. Im Lagebericht für Dezember 1942 heißt
es, die ELAS-Einheiten »beherrschen weite Gebiete des Landes«.
Der Militärbefehlshaber Südgriechenland, Wilhelm Speidel, notierte
im März 1943, die Besatzer wären gezwungen, sich in die größeren
Städte zurückziehen, während das flache Land von der ELAS beherrscht
werde. Im Lagebericht für Oktober 1943 schrieb er, die ELAS füge
den Okkupanten »erhebliche Verluste an Menschen und Material«
zu.
Die wachsende Kampfkraft der ELAS zeigen Berichte aus einzelnen
Gebieten. Im November 1943 berichtete die 117. Jägerdivision,
die Peloponnes müsse als durch die ELAS befreites Gebiet angesehen
werden. Sie bilde »dort einen Staat im Staate. (…) Die Waffen-
und Geräteausstattung ist als gut zu bezeichnen.« Zwei Wochen später verübte die Division das Massaker von
Kalavryta. Sie ermordete über 700 Zivilisten. Die Stadt und mehr
als 20 Dörfer in der Umgebung wurden verwüstet. Der Generalstabschef
der Heeresgruppe E meldete am 5. Dezember 1943: "Als ernst
zu nehmende Gefahr traten nur die ELAS-Banden in Erscheinung.
(…) Im Südpindus gelang es ihnen, ein geschlossenes Herrschaftsgebiet
mit vermutlich ausreichenden Versorgungsmöglichkeiten zu halten."
Der Militärbefehlshaber Südost, Hans Felber, schrieb am 23. April
1944 über die ELAS: "Bessere Führung, energischere Durchführung,
straffere Gliederung. (…) Größere Unternehmungen häufiger als
früher." Im Lagebericht der Heeresgruppe E für Juli 1944
heißt es, die Operationen der ELAS hätten "einen bisher nicht
erreichten Umfang angenommen. Sabotageanschläge gegen die Verkehrswege,
gut organisierte Überfälle und Angriffe auf Stützpunkte von eigenen
Truppen besetzte Ortschaften sind fast tägliche Erscheinungen."
Der Sonderbevollmächtigte Hermann Neubacher berichtete am 12.
August 1944 aus Athen, die Aktionen der ELAS gegen die "Wehrmacht
und Polizei nehmen an Häufigkeit in bezug auf Einsatz von Menschen
und Waffen zu. Die Kampfhandlungen werden umfangreicher und für
uns ständig verlustreicher."