Veranstaltung
Prozess gegen ELA
Prozess gegen 17.November
Haftbedingungen
Solidarität
Staat&Repression
Presse
Erklärungen
Fotos und Plakate
Hintergrund
Aktuelles
Europäisches Sozialforum
in Athen 2006


MAIL

Gegen Nazis und Briten

Gründung der Griechischen Volksbefreiungsarmee ELAS am 16. Februar 1942

Martin Seckendorf

Im April 1941 hatte die Wehrmacht Griechenland heimtückisch überfallen und unterworfen. Sehr bald setzten sich die Griechen gegen die Okkupation mit bewaffneten Aktionen zur Wehr. Die ersten Unruhen trugen lokalen Charakter und waren vielfach von örtlichen Komitees der Kommunistischen Partei initiiert worden. Häufig waren es spontane Reaktionen der Bevölkerung auf die sich dramatisch verschlechternde Lebenslage infolge einer ungeheuren wirtschaftlichen Ausbeutung durch die Besatzer. Gegen dieses Aufbegehren ging die Wehrmacht mit unglaublicher Brutalität vor. Gemäß Befehlen aus Berlin setzte die Wehrmacht die massenhafte Vernichtung von Zivilisten als militärisch-taktisches Konzept zur Sicherung der deutschen Herrschaft ein. Ziel war, die Unruhen »im Keim« zu ersticken und »eine abschreckende Wirkung zu erzielen«, wie der Befehlshaber Saloniki-Ägäis, Kurt von Krenzki, berichtete. Allein im Oktober 1941 wurden in seinem Befehlsbereich mehr als 800 Griechen umgebracht und sieben Dörfer vollkommen zerstört.

Ziel: Selbstbestimmung

Den entscheidenden Impuls erhielt der griechische Widerstand mit der Gründung der Nationalen Befreiungsfront (EAM). Am 27. September 1941 entstand ein breites Bündnis antifaschistischer Kräfte, das sich in kurzer Zeit zur größten politischen Organisation in der Geschichte Griechenlands entwickelte (zur EAM s. jW vom 23.9.2006). EAM stellte sich die Aufgabe, die Griechen gegen die Besatzer zu mobilisieren und in einem Befreiungskrieg die Okkupanten zu vertreiben. Schon im Oktober 1941 begann der Aufbau regulärer Streitkräfte. EAM gründete in Athen das »Militärische Zentrum des Widerstands«. Republikanisch eingestellte Offiziere der alten griechischen Armee schufen in dem Zentrum organisatorische Grundlagen für die Aufstellung einer Armee.
Am 16. Februar 1942 wurde die Gründungsproklamation der Griechischen Volksbefreiungsarmee (ELAS) veröffentlicht. Hauptaufgabe der ELAS war es, den von der EAM organisierten politischen Massenkampf und die befreiten Gebiete militärisch zu schützen sowie die Okkupanten zu vertreiben. Nach der Befreiung sollte ELAS die nationale Unabhängigkeit Griechenlands sichern und für die Herstellung demokratischer Verhältnisse sorgen, damit das Volk in freier Selbstbestimmung die soziale und politische Ordnung Griechenlands ohne äußere Einmischung bestimmen kann. Die örtlich agierenden Partisanengruppen wurden untereinander vernetzt und personell aufgestockt. Schon ab Mitte 1943 operierte ELAS in allen Teilen Griechenlands. Sie war in Kompanien, Bataillone, Regimenter und Divisionen gegliedert. Die Einheiten und Verbände standen unter der Führung von drei gleichberechtigten Funktionären, nämlich dem Kommandeur, dem Politkommissar und dem Vertreter der EAM. Die ELAS erhielt großen Zulauf. Mitte 1943 hatte sie zirka 50 000 Mann unter Waffen. Fast noch einmal so viele Soldaten gehörten zur ELAS-Reserve. Nach einer Schätzung der Wehrmacht befanden sich im Oktober 1943 allein in und um Athen ELAS-Verbände in einer Gesamtstärke von 30 000 Soldaten.

Britische Kollaboration

Erst als der militärische Erfolg der ELAS offensichtlich wurde, riefen bürgerliche Gruppen zum bewaffneten Widerstand auf. Einige Bedeutung gewann die nationalistische Organisation mit dem Kürzel EDES. In Nordwestgriechenland stellte sie bewaffnete Gruppen auf, die von den Briten reichlich mit Waffen, Geld und Instrukteuren versorgt wurden, um den Einfluß der ELAS zu unterlaufen. EDES entwickelte sich zu einem Sammelbecken der griechischen Rechten, einschließlich der Royalisten. Seit Sommer 1943 arbeitete die Organisation mit den Besatzern zusammen und nahm mit britischer und deutscher Unterstützung den bewaffneten Kampf gegen die ELAS auf.
ELAS war seit dem nicht nur die größte und kampfstärkste, sondern auch die einzige militärische Kraft, die die Okkupanten bekämpfte. Im Mai 1943 schuf sie ein zentrales Kommando- und Stabsorgan, das Generalhauptquartier, um auch Operationen mit Großverbänden zu ermöglichen. Die neue Qualität des Befreiungskampfes bekamen die Okkupanten bald zu spüren. Erstaunt registrierte der Generalstabschef der Heeresgruppe E, Erich Schmidt-Richberg, daß bei einem Großangriff der Wehrmacht gegen die befreiten Gebiete in Mittelgriechenland die ELAS den technisch überlegenen Faschisten nicht mehr auswich, sondern in taktisch klug angelegten Befestigungen Widerstand leistete und sogar mit Artillerieunterstützung zur Gegenoffensive überging.
Ende August 1944 begann der Abzug der Besatzer aus Griechenland. Die Rote Armee hatte den Süden der deutschen Ostfront aufgebrochen. Deutsche Verbände aus Griechenland sollten an der Donau eine neue Front gegen die sowjetische Armee aufbauen. Zu dieser Zeit hatte die ELAS 90 Prozent Griechenlands befreit und effiziente, demokratisch legitimierte Verwaltungen eingerichtet. Um die ELAS an der Bildung einer Regierung für ganz Griechenland zu hindern und sie letztendlich zu entwaffnen, einigten sich die Briten mit Nazivertretern darauf, daß die Deutschen ihre Stellungen in den Großstädten und an wichtigen Küstenabschnitten solange gegen die ELAS halten, bis britische Truppen eintreffen. Als Gegenleistung konnten die Deutschen unbehelligt von der überlegenen britischen Luftwaffe nach Norden abziehen. Auch die ab Oktober 1944 in Griechenland eintreffenden britischen Bodentruppen bekämpften gemäß diesem Abkommen nicht die Besatzer. Sie sollten die Entwaffnung der ELAS und eine von außen diktierte kapitalistische Nachkriegsentwicklung Griechenlands ermöglichen.
Nur die ELAS lieferte den Faschisten heftige Gefechte. Dadurch kamen die deutschen Truppen verspätet, personell geschwächt und ohne schwere Waffen in Jugoslawien an. Sie konnten nicht mehr gegen die Rote Armee eingesetzt werden. Gerade die Kämpfe des Jahres 1944 belegen den großen Beitrag, den die ELAS zur Befreiung Europas vom deutschen Faschismus geleistet hat.

Die ELAS im Spiegel von Wehrmachtsdokumenten

In Griechenland entstand mit der ELAS eine der kampfkräftigsten Partisanenarmeen des Zweiten Weltkrieges. Obwohl die Okkupanten zunächst über ELAS kaum informiert waren und deren Soldaten Banditen nannten, mußten sie bald einen hohen Organisationsgrad der Partisanen und deren kluge taktische Führung zur Kenntnis nehmen.
Am 10. Oktober 1942 meldete die Wehrmacht, die ELAS habe an der einzigen Eisenbahnverbindung von Thessaloniki nach Athen 170 Sprengungen vorgenommen, deren »Wiederherstellung noch nicht abzusehen« sei. Über diese Verbindung lief 80 Prozent des Nachschubs für das Afrikakorps« Erwin Rommels. In einem Bericht vom 19. Dezember 1942 nach Berlin heißt es: »Sowohl die Organisation wie auch die Taktik dieser nunmehr geschlossenen Widerstandsbewegung muß als gut bezeichnet werden ELAS sei deshalb für die Okkupanten »eine sehr große Gefahr«. Im Lagebericht für Dezember 1942 heißt es, die ELAS-Einheiten »beherrschen weite Gebiete des Landes«. Der Militärbefehlshaber Südgriechenland, Wilhelm Speidel, notierte im März 1943, die Besatzer wären gezwungen, sich in die größeren Städte zurückziehen, während das flache Land von der ELAS beherrscht werde. Im Lagebericht für Oktober 1943 schrieb er, die ELAS füge den Okkupanten »erhebliche Verluste an Menschen und Material« zu.
Die wachsende Kampfkraft der ELAS zeigen Berichte aus einzelnen Gebieten. Im November 1943 berichtete die 117. Jägerdivision, die Peloponnes müsse als durch die ELAS befreites Gebiet angesehen werden. Sie bilde »dort einen Staat im Staate. (…) Die Waffen- und Geräteausstattung ist als gut zu bezeichnen Zwei Wochen später verübte die Division das Massaker von Kalavryta. Sie ermordete über 700 Zivilisten. Die Stadt und mehr als 20 Dörfer in der Umgebung wurden verwüstet. Der Generalstabschef der Heeresgruppe E meldete am 5. Dezember 1943: "Als ernst zu nehmende Gefahr traten nur die ELAS-Banden in Erscheinung. (…) Im Südpindus gelang es ihnen, ein geschlossenes Herrschaftsgebiet mit vermutlich ausreichenden Versorgungsmöglichkeiten zu halten." Der Militärbefehlshaber Südost, Hans Felber, schrieb am 23. April 1944 über die ELAS: "Bessere Führung, energischere Durchführung, straffere Gliederung. (…) Größere Unternehmungen häufiger als früher." Im Lagebericht der Heeresgruppe E für Juli 1944 heißt es, die Operationen der ELAS hätten "einen bisher nicht erreichten Umfang angenommen. Sabotageanschläge gegen die Verkehrswege, gut organisierte Überfälle und Angriffe auf Stützpunkte von eigenen Truppen besetzte Ortschaften sind fast tägliche Erscheinungen." Der Sonderbevollmächtigte Hermann Neubacher berichtete am 12. August 1944 aus Athen, die Aktionen der ELAS gegen die "Wehrmacht und Polizei nehmen an Häufigkeit in bezug auf Einsatz von Menschen und Waffen zu. Die Kampfhandlungen werden umfangreicher und für uns ständig verlustreicher."