Veranstaltung
Prozess gegen ELA
Prozess gegen 17.November
Haftbedingungen
Solidarität Staat&Repression
Presse
Erklärungen
Fotos und Plakate
Hintergrund
Aktuelles
Europäisches Sozialforum in Athen 2006
MAIL
|
Einheitsfront der Tat
Am 27. September 1941 wurde im okkupierten Griechenland die Widerstandsorganisation
EAM gegründet. Von Martin Seckendorf
Die Wehrmacht hatte am 6. April 1941 Griechenland heimtückisch
überfallen und in einem „Blitzkrieg“ niedergeworfen. Den größten
Teil des Landes sollten Bulgaren und Italiener polizeilich sichern.
Nur eine geringe Anzahl deutscher Soldaten wollte man als Besatzungstruppe
in Griechenland belassen, da, so eine Einschätzung des Oberkommandos
der Wehrmacht vom 13. Mai 1941, keine militärischen Aktionen mehr
zu erwarten seien – ein Trugschluß, wie sich schon eine Woche später
auf Kreta erweisen sollte. Bei der Invasion der Insel Ende Mai 1941
erlitten die Deutschen unerwartet hohe Verluste, vor allem durch
die massenhafte Beteiligung der Bevölkerung an den Abwehrkämpfen.
Auch auf dem Festland regte sich bald Widerstand. Dabei trat nach
Erkenntnissen der deutschen Militärs die zahlenmäßig kleine, in
fünf Jahren Metaxas-Diktatur fast zerriebene Kommunistische Partei
Griechenlands (KPG) als Initiator und Organisator auf.
Breites Bündnis
Am 1. Juli 1941 hatte die KPG eine Plattform für den Befreiungskampf
veröffentlicht. Die Partei rief „das griechische Volk, all seine
Parteien und Organisationen zur Schaffung der nationalen Befreiungsfront
auf“. Ein breites Bündnis sollte die Vertreibung der Besatzer und
ihrer Helfer erkämpfen, „die tagtägliche Unterstützung und Verteidigung
der Sowjetunion“ organisieren und schließlich eine provisorische
Regierung aus allen antifaschistischen Parteien bilden, „die die
demokratischen Freiheiten des Volkes herstellen … und die nationale
Unabhängigkeit des Landes verteidigen wird“. Gleichzeitig wies die
Partei darauf hin, „daß letztlich nur die Volksmacht der Arbeiter
und Bauern die Nation von den Leiden der imperialistischen Kriege
befreit, das Land den Bauern gibt, die Nation von fremder Abhängigkeit
und Ausbeutung befreit und das arbeitende Volk frei, satt und glücklich
macht“. Diese Volksmacht sollte erst nach dem Sieg über den Faschismus
auf friedlichem, einem von der Mehrheit des Volkes in freier Selbstbestimmung
gewähltem Weg entstehen. Jetzt aber komme es auf die „Befreiung
von der Sklaverei Hitlers und Mussolinis“ an. „Dies ist das erste
und dafür geben die Kommunisten aufrichtig ihr Leben“, heißt es
in Erklärungen der KPG vom März und Juni 1942. Das eigenständig
entwickelte, dialektische Konzept der nationalen Einheitsfront stellt
einen Höhepunkt im marxistischen Denken in Griechenland dar. Die
Partei unternahm große Anstrengungen, die nationale Einheitsfront
zu bilden. Einen entscheidenden Erfolg erreichte sie mit der Herstellung
der Einheit der Arbeiterbewegung. Alle griechischen Gewerkschaften,
die KPG, die Sozialistische Partei und die Sozialistische Arbeiterpartei
vereinigten sich am 16. Juli 1941 zur Nationalen Arbeiterbefreiungsfront.
Dagegen blieben Appelle an die großen bürgerlichen Parteien unerhört.
Trotzdem kam es am 27. September 1941 zur Bildung der Nationalen
Befreiungsfront (EAM), der sich neben der Nationalen Arbeiterbefreiungsfront
vier weitere Parteien anschlossen, darunter auch eine Organisation
der Kleriker. Als Ziele wurden die nationale Befreiung sowie die
Bildung einer provisorischen Regierung sofort nach dem Sieg über
die Besatzer zur Abhaltung freier Wahlen und zur Verteidigung des
Selbstbestimmungsrechts des Volkes proklamiert. Allen Parteien,
Organisationen und Einzelpersonen, die diese Ziele teilten, stand
die Mitgliedschaft in der EAM offen.
Praktische Hilfe
Vordringliche Aufgaben waren die politische Mobilisierung des Volkes
und die Organisierung des bewaffneten Widerstands. Zunächst ging
es aber darum, die alltäglichen Interessen des Volkes, die existentiell
bedroht waren, zu verteidigen. Vor allem wegen der ungeheuren Ausbeutung
durch die Okkupanten kam es ab Herbst 1941 zu einer Hungerkatastrophe,
der allein im Großraum Athen bis zu 100000 Menschen zum Opfer fielen.
EAM organisierte gewaltige Streik- und Demonstrationswellen, um
höhere Löhne und Lebensmittelzuteilungen durchzusetzen, aber auch
um gegen Massenerschießungen und Deportationen zur Zwangsarbeit
zu protestieren. Sie schuf Suppenküchen und andere Hilfseinrichtungen,
um die größte Not zu lindern. Dies und der konsequente Kampf gegen
Besatzer und Kollaborateure wiesen die EAM als nationale, volksnahe
Kraft aus und brachte ihr riesigen Zulauf. Es setzte ein Prozeß
ein, der – von der KPG ursprünglich so nicht geplant – zur Bildung
einer Volksfront von „unten“ führte. Während die Spitzen der bürgerlichen
Parteien und die Exilregierung die Zusammenarbeit mit der EAM verweigerten
und sehr spät und zögerlich den Kampf gegen die Okkupanten aufnahmen
oder gar kollaborierten, strömten deren Anhänger und Mitglieder
massenhaft zur Einheitsfront. Bereits Ende 1942/Anfang 1943 gab
es wohl keinen Ort in Griechenland, in dem kein EAM-Komitee existierte.
1944 hatte EAM 1,6 Millionen Mitglieder (bei 6,5 Millionen Einwohnern).
In den befreiten Gebieten – im Sommer 1944 fast 90 Prozent Griechenlands
– etablierte EAM demokratisch legitimierte öffentliche Verwaltungen
und anerkannte Justizorgane. In Athen waren ganze Stadtviertel längere
Zeit fest in der Hand von EAM und für die Okkupanten nicht zugänglich.
Im Februar 1942 wurde die griechische Volksbefreiungsarmee (ELAS)
gegründet, die die regionalen Partisanengruppen zu einer gesamtgriechischen
Streitmacht zusammenfaßte. EAM bildete nicht nur den politischen
Rückhalt der Armee, sie übernahm auch Versorgungs- und Rekrutierungsaufgaben.
EAM/ELAS war die entscheidende, ab Herbst 1943 einzige politische
und militärische Kraft, die sich unter großen Opfern immer erfolgreicher
den Okkupanten entgegenstellte.
|