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Einheitsfront der Tat

Am 27. September 1941 wurde im okkupierten Griechenland die Widerstandsorganisation EAM gegründet. Von Martin Seckendorf

Die Wehrmacht hatte am 6. April 1941 Griechenland heimtückisch überfallen und in einem „Blitzkrieg“ niedergeworfen. Den größten Teil des Landes sollten Bulgaren und Italiener polizeilich sichern. Nur eine geringe Anzahl deutscher Soldaten wollte man als Besatzungstruppe in Griechenland belassen, da, so eine Einschätzung des Oberkommandos der Wehrmacht vom 13. Mai 1941, keine militärischen Aktionen mehr zu erwarten seien – ein Trugschluß, wie sich schon eine Woche später auf Kreta erweisen sollte. Bei der Invasion der Insel Ende Mai 1941 erlitten die Deutschen unerwartet hohe Verluste, vor allem durch die massenhafte Beteiligung der Bevölkerung an den Abwehrkämpfen. Auch auf dem Festland regte sich bald Widerstand. Dabei trat nach Erkenntnissen der deutschen Militärs die zahlenmäßig kleine, in fünf Jahren Metaxas-Diktatur fast zerriebene Kommunistische Partei Griechenlands (KPG) als Initiator und Organisator auf.

Breites Bündnis

Am 1. Juli 1941 hatte die KPG eine Plattform für den Befreiungskampf veröffentlicht. Die Partei rief „das griechische Volk, all seine Parteien und Organisationen zur Schaffung der nationalen Befreiungsfront auf“. Ein breites Bündnis sollte die Vertreibung der Besatzer und ihrer Helfer erkämpfen, „die tagtägliche Unterstützung und Verteidigung der Sowjetunion“ organisieren und schließlich eine provisorische Regierung aus allen antifaschistischen Parteien bilden, „die die demokratischen Freiheiten des Volkes herstellen … und die nationale Unabhängigkeit des Landes verteidigen wird“. Gleichzeitig wies die Partei darauf hin, „daß letztlich nur die Volksmacht der Arbeiter und Bauern die Nation von den Leiden der imperialistischen Kriege befreit, das Land den Bauern gibt, die Nation von fremder Abhängigkeit und Ausbeutung befreit und das arbeitende Volk frei, satt und glücklich macht“. Diese Volksmacht sollte erst nach dem Sieg über den Faschismus auf friedlichem, einem von der Mehrheit des Volkes in freier Selbstbestimmung gewähltem Weg entstehen. Jetzt aber komme es auf die „Befreiung von der Sklaverei Hitlers und Mussolinis“ an. „Dies ist das erste und dafür geben die Kommunisten aufrichtig ihr Leben“, heißt es in Erklärungen der KPG vom März und Juni 1942. Das eigenständig entwickelte, dialektische Konzept der nationalen Einheitsfront stellt einen Höhepunkt im marxistischen Denken in Griechenland dar. Die Partei unternahm große Anstrengungen, die nationale Einheitsfront zu bilden. Einen entscheidenden Erfolg erreichte sie mit der Herstellung der Einheit der Arbeiterbewegung. Alle griechischen Gewerkschaften, die KPG, die Sozialistische Partei und die Sozialistische Arbeiterpartei vereinigten sich am 16. Juli 1941 zur Nationalen Arbeiterbefreiungsfront. Dagegen blieben Appelle an die großen bürgerlichen Parteien unerhört. Trotzdem kam es am 27. September 1941 zur Bildung der Nationalen Befreiungsfront (EAM), der sich neben der Nationalen Arbeiterbefreiungsfront vier weitere Parteien anschlossen, darunter auch eine Organisation der Kleriker. Als Ziele wurden die nationale Befreiung sowie die Bildung einer provisorischen Regierung sofort nach dem Sieg über die Besatzer zur Abhaltung freier Wahlen und zur Verteidigung des Selbstbestimmungsrechts des Volkes proklamiert. Allen Parteien, Organisationen und Einzelpersonen, die diese Ziele teilten, stand die Mitgliedschaft in der EAM offen.

Praktische Hilfe


Vordringliche Aufgaben waren die politische Mobilisierung des Volkes und die Organisierung des bewaffneten Widerstands. Zunächst ging es aber darum, die alltäglichen Interessen des Volkes, die existentiell bedroht waren, zu verteidigen. Vor allem wegen der ungeheuren Ausbeutung durch die Okkupanten kam es ab Herbst 1941 zu einer Hungerkatastrophe, der allein im Großraum Athen bis zu 100000 Menschen zum Opfer fielen. EAM organisierte gewaltige Streik- und Demonstrationswellen, um höhere Löhne und Lebensmittelzuteilungen durchzusetzen, aber auch um gegen Massenerschießungen und Deportationen zur Zwangsarbeit zu protestieren. Sie schuf Suppenküchen und andere Hilfseinrichtungen, um die größte Not zu lindern. Dies und der konsequente Kampf gegen Besatzer und Kollaborateure wiesen die EAM als nationale, volksnahe Kraft aus und brachte ihr riesigen Zulauf. Es setzte ein Prozeß ein, der – von der KPG ursprünglich so nicht geplant – zur Bildung einer Volksfront von „unten“ führte. Während die Spitzen der bürgerlichen Parteien und die Exilregierung die Zusammenarbeit mit der EAM verweigerten und sehr spät und zögerlich den Kampf gegen die Okkupanten aufnahmen oder gar kollaborierten, strömten deren Anhänger und Mitglieder massenhaft zur Einheitsfront. Bereits Ende 1942/Anfang 1943 gab es wohl keinen Ort in Griechenland, in dem kein EAM-Komitee existierte. 1944 hatte EAM 1,6 Millionen Mitglieder (bei 6,5 Millionen Einwohnern). In den befreiten Gebieten – im Sommer 1944 fast 90 Prozent Griechenlands – etablierte EAM demokratisch legitimierte öffentliche Verwaltungen und anerkannte Justizorgane. In Athen waren ganze Stadtviertel längere Zeit fest in der Hand von EAM und für die Okkupanten nicht zugänglich. Im Februar 1942 wurde die griechische Volksbefreiungsarmee (ELAS) gegründet, die die regionalen Partisanengruppen zu einer gesamtgriechischen Streitmacht zusammenfaßte. EAM bildete nicht nur den politischen Rückhalt der Armee, sie übernahm auch Versorgungs- und Rekrutierungsaufgaben. EAM/ELAS war die entscheidende, ab Herbst 1943 einzige politische und militärische Kraft, die sich unter großen Opfern immer erfolgreicher den Okkupanten entgegenstellte.