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jw, 13.07.2000
"Befriedung der Festung"
Die Massaker der Wehrmacht in Griechenland 1941 bis 1944 (Teil
II).
Von Martin Seckendorf
Mit der militärischen
Lage veränderte sich Ende 1942, Anfang 1943 auch die strategische
Bedeutung Griechenlands für die deutsche Kriegführung. Bei Stalingrad
erzwang die Rote Armee die Kriegswende, in Nordafrika besiegten
die Westalliierten Rommels Afrikakorps, in Jugoslawien und Griechenland
erlebte die Partisanenbewegung einen gewaltigen Aufschwung. Am 8.
September 1943 schied Italien aus dem faschistischen Achsenbündnis
aus.
Gefahr an Südostflanke
Die deutsche Führung
ging davon aus, daß die Westalliierten im Frühjahr 1943 mit einer
Landung in Griechenland eine zweite Front in Europa eröffnen werden.
Galt Griechenland im strategischen Kalkül der deutschen Führung
bisher als Absprung- und Nachschubbasis, sollte es jetzt in eine
Festung verwandelt werden und die militärisch wie kriegswirtschaftlich
immer wichtiger werdende Südostflanke des Nazi-Imperiums decken.
Wegen des Ausscheidens
der Italiener als Besatzungsmacht dehnte die Wehrmacht die deutsche
Herrschaft auch auf die italienische Zone in Griechenland aus. Die
deutschen Truppen wurden von 75000 auf 250000 Mann verstärkt und
erhielten eine neue Befehlsführung. Oberste Kommandobehörde für
Griechenland wurde die neu aufgestellte Heeresgruppe E unter Generaloberst
Löhr. Die Heeresgruppe konnte erstmals über alle bewaffneten Kräfte
der Eroberer, einschließlich der Verbände der Bulgaren und der Waffen-SS
sowie der Kollaborateure in Griechenland, verfügen.
Für die Okkupationsverwaltung
wurde die Dienststelle Militärbefehlshaber Griechenland unter General
Speidel geschaffen. Er erhielt in ganz Griechenland die vollziehende
Gewalt. Damit entschied die Wehrmacht auch in der neuen Etappe der
Besatzungspolitik alle für die Griechen und das Land wichtige Fragen.
Dem Militärbefehlshaber war auch der ebenfalls neu berufene Höhere
SS- und Polizeiführer (HSSPF) samt seiner Institution unterstellt.
Dieser sollte im Auftrag des Militärbefehlshabers den polizeilichen
und geheimpolizeilichen Bereich, einschließlich jenen der Kollaborationsverwaltung,
leiten, ausbauen und gegen die Widerstandsbewegung, vornehmlich
in den Städten, führen.
Hauptaufgabe des
umgestalteten Besatzungsapparates war die rigorose Bekämpfung der
Partisanenbewegung und die brutale Unterdrückung der sie unterstützenden
Zivilbevölkerung. Zur Abwehr der erwarteten Invasion der Alliierten
sei es notwendig, die inneren Verhältnisse der besetzten Südostgebiete
"mit starker Hand zu ordnen", heißt es in einer Denkschrift des
Führungsstabes der Wehrmacht vom 10. Dezember 1942. Der Chef des
OKW, Keitel, fügte hinzu, "der griechische Raum ist heute als ein
Kriegsschauplatz erster Ordnung zu bezeichnen". Die "Befriedung"
der Festung Griechenland war nicht mehr nur ein okkupationspolitisches,
gewissermaßen innenpolitisches Problem. Angesichts der erwarteten
Invasion war sie Teil der Vorbereitungen auf den militärischen Großkampf.
Deshalb sollte die Widerstandsbewegung noch vor der Landung alliierter
Truppen endgültig vernichtet und die Bevölkerung durch terroristische
Maßnahmen derart eingeschüchtert werden, daß sie im Invasionsfall
nicht wage, sich gegen die Deutschen zu erheben. Die präventive
Funktion des Massenterrors trat noch stärker hervor.
Hauptkraft des
bewaffneten Befreiungskampfes und seit Herbst 1943 einziger militärischer
Gegner der Deutschen in Griechenland war die ELAS. Die bürgerliche
Organisation EDES spielte militärisch keine Rolle mehr; ihre Führer
kollaborierten seit Ende 1943 mit den Deutschen. Bereits im April
1943 hatte der Militärbefehlshaber Südgriechenland die politische
Struktur des Widerstandes mit "etwa 90 Prozent rein kommunistisch,
10 Prozent nationalistisch" angegeben. ELAS fügte den Okkupanten
nach einem Bericht des Militärbefehlshabers Griechenland vom 19.
Oktober 1943 "erhebliche Verluste an Menschen und Material" zu.
Mit brutalsten
Mitteln
Kaum noch verschlüsselt
befahlen alle Führungsebenen jetzt den Massenmord an Zivilisten
beiderlei Geschlechts und jeden Alters. Hitlers "Weisung Nr. 47"
vom 28. Dezember 1942 bestimmte als Hauptaufgabe des Oberbefehlshabers
Südost die "endgültige Befriedung des Hinterlandes und Vernichtung
der Aufständischen und Banden aller Art". Hitler forderte, die Befehle
zur Partisanenbekämpfung noch weiter zu verschärfen. Den deutschen
Kräften dürften keinerlei Beschränkungen bei der Tötung von Menschen
und der Vernichtung von Sachwerten auferlegt, jedem Soldaten müsse
generell Straffreiheit zugesichert und jene Soldaten als "Verräter
am deutschen Volk" gebrandmarkt werden, die nicht mit der geforderten
Rücksichtslosigkeit vorgingen. Der Chef des Führungsstabes der Wehrmacht,
Jodl, versicherte, nach diesem Befehl könnten die Soldaten auch
mit Frauen und Kindern "machen, was sie wollen: Sie dürfen sie aufhängen,
verkehrt aufhängen oder vierteilen". Der am 16. Dezember 1942 erlassene
Befehl richtete sich nicht nur gegen die Partisanen, sondern auch
gegen "Mitläufer", was den zu vernichtenden Personenkreis beträchtlich
ausweitete. Der Chef des OKW befahl: Der Kampf muß "mit den allerbrutalsten
Mitteln geführt" werden. "Die Truppe ist berechtigt und verpflichtet,
in diesem Kampf ohne Einschränkung auch gegen Frauen und Kinder
jedes Mittel anzuwenden, wenn es nur zum Erfolg führt." Auf dieser Grundlage erließ am 14. Juli 1943 der Oberbefehlshaber
Südost, Löhr, einen speziellen Befehl. Nach der inzwischen erfolgten
alliierten Landung auf Sizilien (9./10. Juli 1943) ordnete er noch
direkter den Massenterror gegen die Bevölkerung als Prävention und
Vorbereitung auf eine alliierte Landung an. Partisanen und "Mitläufer"
spielten im Befehl keine Rolle, die gesamte Bevölkerung sollte getroffen
werden. Es heißt dort: "Bei feindlichen Landungsangriffen ist mit
weitestgehender Beteiligung aufsässiger Bevölkerungsteile auf Seiten
des Feindes zu rechnen... Ich ermächtige und verpflichte alle Kommandeure,
von sich aus, ohne vorherige Genehmigung der vorgesetzten Stelle,
bei offensichtlich feindseliger Haltung der Bevölkerung schärfste
Maßnahmen zu ergreifen."
Auch bei anderen
Grundsatzbefehlen des OKW nutzten die Militärbehörden im Südosten
ihren Handlungsspielraum und verschärften die zentralen Direktiven.
Wegen des Arbeitskräftemangels in Deutschland wies Hitler am 7.
Juli 1943 an, Partisanen und "Mitläufer" nicht mehr generell und
sofort zu töten, sondern die Arbeitsfähigen als militärische Zwangsarbeiter
nach Deutschland zu deportieren. Die Behörden im Südosten machten
in den Ausführungsbefehlen die Einschränkung, daß es dabei keine
Abstriche am Konzept der massenhaften Tötung von Zivilisten zur
Bekämpfung der Partisanenbewegung geben dürfe. "Sühnemaßnahmen"
seien "wie bisher mit den härtesten Mitteln durchzuführen". Der
Grundsatz, "die gesamte männliche Bevölkerung" eines Dorfes bei
Verdacht auf "Teilnahme oder Unterstützung der Banden zu erschießen
oder zu erhängen", müsse unbedingt beibehalten werden. Erst in zweiter
Linie sei die Deportation zur Zwangsarbeit zu erwägen. Am 18. August
1943 bestätigte der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht diese Linie
der Militärbehörden im Südosten. Er schrieb, bei besonderen Umständen
könne angeordnet werden, "daß keine Gefangenen gemacht werden bzw.
daß Gefangene und im Kampfraum ergriffene Bevölkerung erschossen
werden dürfen".
Mit der Kriegswende
wurde auch das terroristische Methodeninventar erweitert. Neben
Luftangriffen gegen "verdächtige" Ortschaften wurde die Beschießung
der Dörfer mit weitreichender Artillerie befohlen. Bei Partisanenaktionen
seien die "in der Nähe" liegenden Ortschaften durch zusammengefaßte
Feuerschläge ohne Vorwarnung zu vernichten. Eine besonders brutale
Neuerung war die Einführung fahrbarer Geisellager. Am 15. Juli 1943
wurde befohlen, bei jedem Transportzug einen verriegelten Güterwagen
mit Geiseln mitzuführen. Bei einer Partisanenaktion, "ob sie gelingt
oder nicht", so der Chef des Generalstabs des OB Südost, seien die
Geiseln durch Zündung vorsorglich angebrachter geballter Ladungen
und durch das zusammengefaßte Feuer der Begleitkommandos "sofort"
zu töten. Für Kreta wurde angeordnet, bei Kfz-Kolonnen "in größerer
Zahl" junge Mädchen als Geiseln mitzuführen.
Die "Edelweiß-Division"
Die deutschen Behörden
drängten die Italiener, in ihrer Zone mit den Griechen in gleicher
Weise zu verfahren, was diese ablehnten. Die nach der Kriegswende
in die italienische Zone einrückenden deutschen Divisionen erhielten
die Anweisung, unter Umgehung der italienischen Behörden selbständig
gegen die griechische Bevölkerung nach den deutschen Grundsatzbefehlen
vorzugehen. Damit wurde vor der italienischen Kapitulation die bis
dahin nur in den deutschen Zonen praktizierte Terrorpolitik auch
auf die italienische Zone übertragen.
Für die Verlegung
der 1. Gebirgsdivision, wegen ihres taktischen Zeichens auch "Edelweiß-Division"
genannt, in das von den Italienern besetzte Gebiet Joannina erging
am 7. Juli 1943 folgender Befehl: "Alle Ortschaften, die den Banden
als Zuflucht dienen können, sind zu zerstören, die männliche Bevölkerung
ist, soweit sie nicht wegen Verdachts der Teilnahme am Kampf oder
Unterstützung der Banden erschossen wird, restlos zu erfassen und
als Gefangene abzuschieben. Bei Sabotagefällen... sind strengste
Sühnemaßnahmen gegen die Bevölkerung zu treffen." Der Erste Generalstabsoffizier
(Ia), Thilo, dessen Aufgabe u.a. die Vorbereitung der Einsatzbefehle
war, baute nach 1945 die "Gebirgstruppe" der Bundeswehr auf, führte
jahrelang als Kommandeur die 1. Gebirgsdivision der Bundeswehr -
ebenso "Edelweiß-Division" genannt - und schied nach Erreichung
der Altersgrenze in allen Ehren und mit gut dotierter Pension als
Generalmajor aus den westdeutschen Streitkräften aus. Die 1943 nach
Griechenland versetzte "Edelweiß-Division" kam aus Jugoslawien,
wo der Verband nach Divisionsberichten mehr als 10000 "Banditen",
sprich Tito- Partisanen und "Mitläufer", vernichtet hatte. Im Juli
1943 brannten Einheiten der Division bei mehreren "Säuberungsunternehmen"
im italienisch besetzten Gebiet Griechenlands mehrere Dörfer nieder
und erschossen über 100 Zivilisten. Am 16. August 1943 vernichteten
die Gebirgsjäger die im italienisch besetzten Epiros liegende Ortschaft
Kommeno und metzelten 317 Bewohner jeden Alters und beiderlei Geschlechts
auf unbeschreiblich grausame Weise nieder. In einer Ermittlungsakte
des Bayerischen Landeskriminalamtes vom 16. April 1969 heißt es,
daß sich unter den Opfern "schwangere Frauen befunden haben. Viele
Frauen seien vor der Ermordung vergewaltigt worden, Leiber von Frauen
aufgeschnitten und die Kinder in der Weise verbrannt, daß sie ihnen
mit Benzin getränkte Watte in die Münder stopften und die Watte
dann anzündeten. Auch seien Personen die Augen ausgestochen worden."
(Das Verfahren wurde eingestellt, da es sich nach Meinung des Landgerichts
München I um normale Kriegshandlungen gehandelt habe). Die Italiener
wurden über die Aktion in ihrer Zone nicht einmal informiert.
Nach dem Ausscheiden
Italiens aus dem faschistischen Bündnis richtete sich der deutsche
Terror auch gegen die in Griechenland stationierten Soldaten des
ehemaligen Bundesgenossen. Wegen "Verrats an der Achse" wurden ab
8. September auf Rhodos und auf Ägäischen Inseln mehrere hundert
italienische Offiziere erschossen. Die italienische Besatzung der
Ionischen Insel Kephalonia widersetzte sich der Aufforderung zur
Kapitulation. Deutsche Truppen stürmten die Insel. Aufgrund eines
Sonderbefehls sollten keine Gefangenen gemacht werden. Hauptsächlich
Einheiten der "Edelweiß-Division" erschossen den italienischen Divisionskommandeur
und 4000 (!) Soldaten - nachdem diese sich ergeben hatten.
Nachdem Hunderte
Dörfer zerstört und viele tausend Griechen ermordet waren, fürchtete
der Kollaborationsministerpräsident Rallis, seinen ohnehin geringen
Kredit bei den Griechen vollständig zu verlieren. In einem Schreiben
an den deutschen Militärbefehlshaber wies er darauf hin, daß unter
dem Vorwand, Sühne- und Vergeltungsmaßnahmen für Partisanenaktionen
durchzuführen, "die Vernichtung Griechenlands" im Gange sei. Allein
im Oktober 1943 habe man im Epiros, dem Operationsgebiet der 1.
Gebirgsdivision, über 1000 Griechen umgebracht. Seit dem Einmarsch
der Wehrmacht in das relativ kleine Gebiet im Juli 1943 seien mehr
als 100 Dörfer zerstört worden.
Fehleinschätzung
Ende 1943 stellten
die deutschen Militärs fest, daß ihre Erwartung, mit den Truppenverstärkungen
und exzessiver Terrorpolitik die Partisanenbewegung vernichten zu
können, auf einer eklatanten Fehleinschätzung beruhte. EAM und ELAS
hatten inzwischen ein großes politisches und militärisches Gewicht
gewonnen. Im September 1943 stellte der Militärbefehlshaber fest,
daß "Griechenland nur zu einem kleinen Teil wirklich in deutscher
Hand" ist. Hinzu kam, daß in den deutschen Vorstellungen die alliierte
Landung immer wahrscheinlicher wurde, weitere Truppenverstärkungen
aber wegen der Gesamtkriegslage unmöglich waren. Hermann Neubacher,
"Sonderbevollmächtigter des Auswärtigen Amtes für den Südosten",
kam zu dem Schluß, die Wehrmacht sei nicht in der Lage, die ihr
gestellte doppelte Aufgabe zu lösen: Die Invasion zu verhindern
und zuvor, gewissermaßen als Voraussetzung einer Invasionsabwehr,
die Partisanen zu vernichten.
In einem erneuten
Schwenk ihrer Okkupationspolitik versuchten die Deutschen nunmehr,
das für sie immer ungünstigere Kräfteverhältnis mit politischen
und propagandistischen Mitteln, insbesondere mit "zielgenauerem"
Antikommunismus auszugleichen. Im Zentrum stand jetzt die Kollaboration.
Vor allem im bewaffneten Bereich versuchten sie, die Kollaboration
erheblich auszuweiten und einen Bürgerkrieg zu entfachen. In einem
regelrechten Vernichtungskrieg sollten die Träger und Sympathisanten
des Widerstands ausgerottet und dabei unter deutscher Leitung künftig
immer mehr Griechen von Griechen umgebracht werden. Ab Herbst 1943
gingen Neubacher und die Militärs daran, dieses Konzept zügig umzusetzen.
Dabei kam es 1944 zu einer nochmaligen Steigerung der Opfer unter
der Zivilbevölkerung.
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