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Martin
Seckendorf
9. Juni 2005
Ungesühnte
Verbrechen - entrechtete Opfer
Deutsche Besatzungspolitik
in Griechenland und ihre Verarbeitung im Nachkriegsdeutschland
Am
10. Juni 2005 jährt sich zu 61. Male das Massaker in der griechischen
Bergbaugemeinde Distomo. 218 Einwohner beiderlei Geschlechts und
jeden Alters, wurden auf unbeschreiblich grausame Weise von Soldaten
einer Waffen-SS-Einheit umgebracht. Diese
Aktion der deutschen Besatzer war leider kein Einzelfall und nicht
einmal das grausamste Massaker, das deutsche Truppen in Griechenland
verübten. Der Massenmord in Distomo ist durch die Gerichtsprozesse,
die die Überlebenden und Angehörigen der Opfer seit fast 10 Jahren
um eine Entschädigung führen, inzwischen auch außerhalb Griechenlands
besser bekannt. Trotzdem wissen nur wenige Deutsche, dass
in Griechenland von deutschen Militärangehörigen massenhaft Verbrechen
an der Zivilbevölkerung verübt worden sind, die sich nicht von jenen
Untaten unterscheiden, die deutsche Besatzer im "Osten" oder in
Jugoslawien begingen.
Grundzahlen
Um den Umfang des Problems deutlich zu machen,
einige Zahlen:
Etwa 460 Dörfer wurden im Zuge von "Vergeltungsmaßnahmen"
zerstört. D.h. in Griechenland gab es hochgerechnet auf die gesamte
Besatzungszeit wöchentlich zwei Oradour oder Lidice.(deren Zerstörung
sich ebenfalls am 10.Juni jährt) Die Zerstörungen hatten ein solches
Ausmaß angenommen, dass jeder 6. Grieche nach dem Abzug der Deutschen
obdachlos war.
Die verkehrstechnische Infrastruktur wurde nachhaltig
geschädigt. Mehr als drei Viertel der Gleisanlagen, fast alle Bahnhöfe
sowie beinahe alle Eisenbahn- und Straßenbrücken und Tunnel waren
zerstört. Die Lokomotiven und Waggons waren entweder nach Norden
abtransportiert oder ebenfalls zerstört worden, so dass kein rollendes
Eisenbahnmaterial mehr zur Verfügung stand. Alle die für das Land
so wichtigen Hafenanlagen mit den Anschlüssen an das Hinterland
waren zerstört (Die Geheime Feldpolizei der Wehrmacht schätzte im
Oktober 1944 ein, die Zerstörungen im Hafen von Saloniki seien derart
nachhaltig, dass man mindesten 10 Jahre zur Wiederinbetriebnahme
des Hafens brauche).
Eine Konferenz der Siegermächte in Paris bezifferte
1947 die materiellen Schäden auf 7 Mrd. US-Dollar.
Der schwerwiegendste
Posten in der Besatzungsbilanz waren die Menschenverluste:
Mehrere 10.000 Menschen jeden Alters und beiderlei
Geschlechts sind im Verlauf sog. Vergeltungs- oder Sühnemaßnahmen
umgebracht worden.
Annähernd 59.000 Juden wurden ermordet.
Hinzu kommen ungezählte Hungertote, über die kaum
jemand spricht. Während des Winters 1941/42 starben allein im Großraum
Athen fast 100.000 Menschen. Die Säuglingssterblichkeit stieg auf
80 Prozent. Das Internationale Rote Kreuz schätzte, dass bis Mitte
1943 etwa 350.000 Griechen verhungert sind. Eine wesentliche Ursache
der Hungerkatastrophe war ein ungeheurer Raubzug der Deutschen gleich
zu Beginn der Okkupation. Mussolini, der faschistische Führer Italiens
und engster Verbündete Hitlers bemerkte sarkastisch, die Deutschen
würden den Griechen auch noch den letzten Schnürsenkel davon tragen.
Zum offenen Raub unter dem Titel "Beute" kamen extrem hohe Besatzungskosten.
Anfang 1943 betrugen diese den Griechen auferlegten Kontributionen
78,- RM pro Kopf und Monat. Es waren damit die höchsten Besatzungskosten
in allen besetzten Gebieten. Sie wurden zu einer wichtigen Ursache
für die rapide absolute Verelendung der meisten Griechen und für
den rapiden Verfall von Wirtschaft und Währung, die in die schlimmste
Inflation der Finanzgeschichte führt.
In der Statistik über den Anteil der im Zweiten Weltkrieg
umgekommenen Menschen im Verhältnis zur Vorkriegsbevölkerung steht
Griechenland weltweit an vierter Stelle nach der Sowjetunion, Polen
und Jugoslawien. 7,2 Prozent der Vorkriegsbevölkerung starben als
Folge von Krieg und Okkupation.
Bei
alle dem ist zu beachten, dass die Verluste und die Zerstörungen
erfolgten, obwohl in Griechenland bis auf wenige Tage im April 1941
kein militärischer Großkampf stattgefunden hatte. Die meisten
Toten und die Zerstörungen sind also nicht Folgen "normalen" Kriegsgeschehens,
wie es die deutsche Bundesregierung hinstellt.
Es
erhebt sich die Frage, wie es zu der für die Griechen katastrophalen
Entwicklung kommen konnte. Dazu im Schnelldurchlauf zu den deutschen
Pläne gegenüber Griechenland und zu einigen Seiten der Besatzungspolitik:
42 Monate Okkupationsgeschichte
im Schnelldurchlauf
Am 6. April 1941 fielen deutsche Truppen von
Bulgarien aus ohne Kriegserklärung in Griechenland ein und unterwarfen
das Land. Diese Aggression war - das wird bei der gegenwärtigen
Diskussion fast vollständig ausgeklammert - die Voraussetzung, in
vielen Fällen auch direkte Ursache für alle anderen den Griechen
zugefügten Leiden und auferlegten Lasten. Das Internationale Militärtribunal
in Nürnberg hat im Oktober 1946 den Überfall als Verbrechen gegen
den Frieden und damit als schwersten Verstoß gegen internationales
Recht gewertet. Das gegenwärtige Schweigen der etablierten veröffentlichten
Meinung in Deutschland hängt möglicherweise damit zusammen, dass
im Zuge der angestrebten "Reform" des Völkerrechts im Sinne einer
rechtlichen Billigung von Aggressionskriegen als "humanitäre" Interventionen"
der Hinweis auf dieses schwerste Verbrechen der Deutschen politisch
nicht opportun erscheint.
Mit der Aggression im April 1941 verfolgte die
deutsche Führung folgende Ziele:
Man wollte die Briten aus dem östlichen Mittelmeer
vertreiben und den traditionell starken britischen Einfluss in Griechenland
beseitigen und den italienischen Bundesgenossen
unterstützen.
2.
Griechenland sollte ein riesiger deutscher Militärstützpunkt
für Operationen östlich von Sizilien, in Nordafrika und Nahost werden.
3.
Vor allem ging es darum, die Südostflanke des bevorstehenden
deutschen Angriffs auf die Sowjetunion zu sichern.
Griechenland wurde von den Deutschen in drei
Zonen aufgeteilt:
Für seine Vasallendienste erhielt Bulgarien wirtschaftlich
wichtige Gebiete (etwa 15% des griechischen Territoriums) im Nordosten
- mit katastrophalen Folgen für die Ernährungslage in Griechenland.
Aber die Bulgaren erhielten nur eine eingeschränkte Souveränität,
denn die deutsche Privatwirtschaft hatte sich die ökonomische Nutzung
vorbehalten (Tabak, Baumwolle, Naturseide).
70 % des griechischen Territoriums wurden den Italienern
übergeben. Dort aber lagen bedeutende wirtschaftliche und logistische
Interessen der Deutschen (Chrom, Bauxit) Die deutsche Industrie
hatte sich die Ausbeutung auch der italienischen Zone gesichert.
Die deutschen Zonen umfassten zwar nur 12% des griechischen
Festlandes und zwei Drittel Kretas. Sie waren aber von politisch
herausgehobener Bedeutung und entsprachen exakt den deutschen Wünschen
nach Erringung von Stützpunkten. (Thessaloniki mit großem Hinterland,
Athen-Piräus bis Kap Sunion, mehrere Inseln in der Ägäis, zwei Drittel
von Kreta). Nach dem Ausscheiden Italiens aus dem Achsenbündnis
am 8. September 1943 wurde auch die italienische Zone von Deutschland
besetzt.
Das Jahr 1943 brachte
die Kriegswende, markiert durch die Begriffe Stalingrad,
Kursker Bogen, Landung in Sizilien. Deutschland geriet grundsätzlich
in die Defensive. Die Deutschen rechneten mit einer baldigen alliierten
Landung in Griechenland. Im Kalkül der deutschen Militärs war Griechenland
eine Festung geworden. Diese sollte den für Deutschland militärisch
wie wirtschaftlich immer bedeutsameren Südosten Europas decken.
Der Funktionswandel hatte für die Griechen erhebliche Auswirkungen:
Die wirtschaftliche Ausnutzung des Landes und der
Bewohner wurde beträchtlich verschärft. Die Besatzungstruppen wurden
verdreifacht. Ein riesiges Festungsbauprogramm wurde aufgelegt.
Die Rohstoffe, insbesondere Chrom und Bauxit, erhielten für die
deutsche Kriegswirtschaft erhöhte Bedeutung. Es wurde die allgemeine
Arbeitspflicht eingeführt. Die Griechen mussten mehr Lebensmittel,
Baumaterialien u.a. Werkstoffe sowie Transportkapazität zur Verfügung
stellen und das alles über Besatzungskosten auch noch bezahlen.
2.
Um die Truppen voll zur Abwehr einer Invasion einsetzten
und die ökonomischen Ressourcen im geplanten Umfang nutzen zu können,
brauchte man Ruhe, Friedhofsruhe in der Festung. Deshalb war die
Vernichtung der Partisanen und die Einschüchterung der Bevölkerung
(damit sie sich im Invasionsfall nicht gegen die Deutschen erhebe)
zur wichtigsten Aufgabe für die deutschen Besatzungsorgane erklärt
worden.
3.
Da die Zuführung deutscher Kräfte und Mittel wegen
der allgemeinen Kriegslage nur begrenzt möglich war, versuchte man,
die Kollaboration entscheidend auszuweiten. Die Kollaborateure wurden
bewaffnet und der allenthalben gelungene Versuch unternommen, sgn.
nationale Partisanen auf die deutsche Seite zu ziehen. Zum Hauptfeind
erklärte man die linksgerichteten ELAS-Partisanen, die 90 % der
bewaffneten Widerstandskämpfer stellten und große Teile Griechenlands
befreit hatten. Das Konzept der Deutschen, zunehmend Griechen durch
Griechen töten zu lassen, war in diesem Punkt weitgehend aufgegangen
- seit 1943 tobte unter deutscher Führung ein Bürgerkrieg der erst
1949 endete.
Ab September 1944 zog sich die Wehrmacht aus
Griechenland gegen die an der Donau vorrückende Rote Armee zurück.
Die deutsche Herrschaft in Griechenland endete am 2. November 1944,
auf einigen Inseln am 8. Mai 1945.
Im
Gegensatz zu vielen anderen besetzten Gebieten existierte in Griechenland
keine Zivilverwaltung. Oberste Besatzungsinstanz war die Wehrmacht.
Wegen ihrer juristischen und tatsächlichen Stellung im Besatzungsregime
war die Wehrmacht nicht nur für die innere und äußere Sicherheit
des besetzten Gebietes zuständig. Sie war auch wesentlich für die
"wirtschaftliche Ausnutzung" des Landes verantwortlich. Anders als
in vielen anderen besetzten Gebieten war die Wehrmacht in Griechenland
entscheidend auch an der "Endlösung der Judenfrage" beteiligt.
Um
die Frage zu beantworten, wie es zu den enormen Verlusten bei den
Griechen gekommen war, obwohl es keinen militärischen Großkampf
gegeben hat, ist ein Blick auf die Herrschaftsstrategien hilfreich.
Da die Wehrmacht oberste Besatzungsinstanz war, spiegeln sich die
Herrschaftsstrategien in den Befehlen und Weisungen wider. Es geht
hier, wie ganz allgemein bei der Beurteilung von Kriegsverbrechen
oder von Verbrechen gegen die Menschlichkeit um die Frage, waren
diese Untaten Ausschreitungen einzelner Militärangehöriger oder
lag den Verbrechen ein politisches Konzept zugrunde - eine höchst
aktuelle Frage, wie die offenbar massenhaften, systematischen Misshandlungen
von Gefangenen des "Anti-Terror-Feldzuges" durch US-amerikanische
Militärangehörigen zeigen.
Herrschaftsstrategien
der Wehrmacht
Bei
der Machtsicherung setzte die Wehrmacht in Griechenland bis Ende
1943 ausschließlich auf den exzessiven Einsatz militärischer Gewalt
gegen Zivilisten, wenn man von dem eher unbeholfenen und nur kurzzeitig
gemachten Versuch der deutschen Propaganda absieht, die Aggression
nicht als Krieg gegen die Griechen, sondern als Kampf gegen die
Engländer und ihre griechischen Helfer hinzustellen. Die Gewalt
wurde gegen alle Kriegsbräuche und Völkerrechtsnormen undifferenziert
gegen jeweils möglichst viele Menschen, die meist keine sachliche,
häufig nicht einmal eine räumliche Beziehung zu dem die Gewaltaktion
auslösenden Geschehen hatten, angewandt. Nur durch den Einsatz schrankenloser
Kollektivgewalt schon beim geringsten Anlass glaubte die deutsche
Militärführung, angesichts der als zu gering empfundenen deutschen
Truppenstärke die Herrschaft sichern zu können. Der Gewalteinsatz
diente nicht nur und zunehmend nicht einmal in erste Linie der Sühne
für Widerstandsaktionen. Man wollte, wiederum gegen alle Völkerrechtsnormen,
breite Kreise der Bevölkerung einschüchtern und vor Widerstandshandlungen
abschrecken, also präventiv, vorbeugend wirken.
Kreta
Die ersten Befehle für kollektive Gewaltmaßnahmen
gegen Zivilisten sind aus Kreta überliefert. Im Mai 1941 brachte
ein kombiniertes Luft- und Seelandeunternehmen, das bis heute -
leider nicht nur in Trivialliteratur - als einzigartige soldatische
Leistung glorifiziert wird, die Insel in deutschen Besitz. Bei der
Invasion trafen die Deutschen auf nicht für möglich gehaltenen Widerstand
und erlitten hohe Verluste. Die Eroberung der Insel kostete die
Deutschen mehr Soldaten als die vorausgegangenen Feldzüge gegen Jugoslawien und das griechische Festland zusammen.
Der Nimbus der unbesiegbaren Wehrmacht so kurz vor dem großen Ostkrieg
war empfindlich beschädigt.
Besonders schockierte die Deutschen, dass sich
die Zivilbevölkerung in großer Zahl an der Verteidigung beteiligte
- ein von der Haager Landkriegsordnung gedecktes Verfahren. Für
deutsche Militärs aber war bewaffneter Widerstand des Volkes eine
kriminelle, todeswürdige Handlung. Die Wehrmacht reagierte mit ungeheurer
Brutalität. Noch während der Kämpfe kam es zu Massenerschießungen
und zur Zerstörung der Dörfer. Der Kommandeur der 5. Geb.Div. befahl,
für jeden verwundeten oder gefallenen Deutschen zehn Kreter
zu erschießen.
Am 31.5.1941, nach
Abschluss der Kämpfe, erließ der für Kreta verantwortliche General
der Flieger Student einen Grundsatzbefehl, in dem das Prinzip Rache
für die unerwartet hohen Verluste und das Prinzip Prävention gegen
möglichen Widerstand durch maßlosen Terror festgelegt wurde. Es
ist der in der deutschen Militärgeschichte bis dahin furchtbarste
Befehl.
Student befahl u.a. die "Ausrottung der männlichen
Bevölkerung ganzer Gebiete". Danach kam es auf Kreta massenhaft
zu Tötungsaktionen.
Fortsetzung auf dem
Festland
Die Vorgänge auf Kreta beeinflussten auch die
Befehlsgebung für das Festland. Dort kam es ab Juli/August 1941
zu Unruhen. Ursachen waren vor allem die immer schlechter werdende
Lebenslage und der Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion, der
den Widerstandswillen der Bevölkerung in allen besetzten Gebieten
verstärkte. Auf die Unruhen reagierte die Wehrmacht nach dem auf
Kreta praktizierten Modell. Mit Massenhinrichtungen auf besonders
grausame Weise sollten Widerstandsaktionen geahndet und in breiten
Bevölkerungskreisen lähmendes Entsetzen erzeugt werden. Gegenüber
Kreta gab es zwei Neuerungen: Die Massaker wurden zunehmend mit
dem Vorwurf "kommunistischer Betätigung" begründet und die Wehrmacht
errichtete in Thessaloniki das erste nach deutschem Vorbild aufgebaute
KZ auf griechischem Boden. Die Strategie auf dem Festland ist deutlich
in den September-Befehlen des OKW zu erkennen. Hitler forderte,
"im Gesamtraum mit den schärfsten Mitteln die Ordnung wieder herzustellen".
Am 16.9.41, erließ der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht(OKW),
Keitel, Richtlinien, wie der Hitlerbefehl umzusetzen sei und befahl
u.a. die Tötung von 50-100 "Kommunisten" für einen gefallenen deutschen
Soldaten.
Auf der Grundlage der Septemberbefehle kam es
auf dem griechischen Festland zu zahlreichen großen Tötungsaktionen.
Allein im Oktober 1941 wurden im Bereich des Befehlshabers Saloniki-Ägäis
mehr als 800 Zivilisten umgebracht und mindestens 7 Dörfer zerstört.
Kriegswende: Das OKW verlangt Friedhofsruhe
in der Festung
Mit der Kriegswende wurden die Befehle weiter
radikalisiert. Vom OKW bis zur Kreiskommandantur wurde unverblümt
zum Massenmord, auch an Frauen und Kindern, aufgefordert. In den
Einheiten erzeugte man eine dazu passende antikommunistische Hysterie,
die nun zunehmend mit rassistischen Argumenten untermauert wurde.
Nach den Lagebeurteilungen der Militärs waren die Griechen "deutschfeindliche"
"händlerische Levantiner" und, was einem Todesurteil gleichkam,
zum größten Teil kommunistisch beeinflusst. Außerdem tauchten in
den Befehlen zwei neue verhängnisvolle Elemente auf: Den Soldaten
wurde beim Vorgehen gegen Zivilisten in jedem Fall Straffreiheit
zugesichert und eine humane Kampfführung als "Verrat am deutschen
Volk" gebrandmarkt. Relativ neu in so hohen Befehlen ist auch der
völkerrechtswidrige Begriff "Mitläufer". Die darunter fallenden
Menschen sollten wie Partisanen behandelt, d.h. sofort und ohne
Prüfung getötet werden. Der Grundsatzbefehl für diese neue Etappe
erging am 16 12.1942.Die Ungeheuerlichkeit des Befehls
zeigt dessen Entstehungsgeschichte. Am 1.12.42 kam es im "Führerhauptquartier"
zu einer Diskussion über verschärfte Partisanenbekämpfung. Hitler
forderte einen Befehl, der für das Verhalten der Soldaten keinerlei
Beschränkungen enthalte. Der Befehl müsse die Soldaten generell
vor kriegsgerichtlicher oder disziplinarischer Bestrafung schützen,
aber alle die nicht brutal genug vorgingen, als Volksverräter diskriminieren.
Der Chef des Wehrmachtsführungsstabes, Jodl versicherte, die "Truppe"
unterläge nach dem in Arbeit befindlichen Befehl keinerlei Beschränkungen.
Die Soldaten könnten auch mit Frauen und Kindern "machen, was sie
wollen". Jodl hob hervor: "Sie dürfen sie aufhängen, verkehrt aufhängen
oder vierteilen."
Das darauf hin auch in Griechenland einsetzende
flächendeckende Töten und Zerstören veranlasste sogar den Ministerpräsidenten
der Athener Kollaborationsregierung zu einer Beschwerde bei seinem
deutschen Dienstherrn. Er wies den Militärbefehlshaber Griechenland,
Speidel, darauf hin, dass bei Fortsetzung dieser Art Partisanenbekämpfung
Griechenland in kurzer Zeit vollkommen zerstört sei. In nur wenigen
Monaten seien im Epiros mehr als 100 Dörfer ausgelöscht worden.
Allein im Oktober 1943 hätte die dort operierende 1. Gebirgs-Division
weit über 1000 Griechen jeden Alters und beiderlei Geschlechts getötet.
Die neue Etappe brachte auch Neurungen im Methodeninventar. Bei
Partisanenaktionen sollten "die in der Nähe liegenden Dörfer" vermehrt
durch Luftwaffe und schwere Artillerie angegriffen werden - mit
verheerender Wirkung. Eine weitere Neuerung war die Einführung fahrbarer
Geisellager. Bei jedem Eisenbahntransport wurde vor der Lok ein
mit Stacheldraht umzäunter offener Güterwagen mit Geiseln mitgeführt.
Der Befehl lautete: Bei einer Partisanenattacke, "ob sie gelingt
oder nicht", sind die Geiseln durch zusammengefasstes Feuer und
durch Zündung vorher angebrachter geballter Ladungen zu töten. Für
Kreta, wo es keine Bahn, gab, sollte bei jedem LKW-Transport eine
bestimmte Anzahl junger Mädchen als Geiseln mitgeführt werden, die
ebenso zu behandeln waren.
Eskalation
1944
Ende 1943 wurde die Befehlslage zur Bekämpfung
des Widerstandes modifiziert. Die Partisanen hatten 75% Griechenlands
befreit und fügten den deutschen Truppen empfindliche Verluste zu.
Eine alliierte Invasion wurde immer wahrscheinlicher. Die
Gesamtkriegslage erlaubte aber keine Verstärkung der deutschen Truppen.
Erst jetzt kamen subtilere Mittel als Ergänzung der bislang angewandeten
rücksichtslosen Gewalt ins Spiel. Das ungünstige Kräfteverhältnis
sollte durch verstärkte Propaganda und politische Taktik ausgeglichen
werden. Ziel war, den Zustrom zu den Partisanen zu stoppen und immer
mehr Griechen zur Zusammenarbeit mit den Deutschen zu bewegen. Das
wichtigste Mittel dazu war eine bis dahin beispiellose antikommunistische
Propaganda, verbunden mit der Darstellung des deutschen Kampfes
als Schlacht für ein geeintes, vom Bolschewismus befreites Europa.
Um mehr Griechen auf die deutsche Seite zu ziehen, war es aber auch
erforderlich, dass das bislang politisch völlig undifferenzierte
Töten, bei dem auch Kollaborateure und deren Angehörige nicht verschont
wurden, aufhörte. Der Terror sollte sich zielgenauer gegen die linken
Kräfte des Widerstandes richten. Am 8. Dezember 1943 sagte
der Generalstabschef der Heeresgruppe E auf einer Besprechung zu
den deutschen Planungen: "Es geht leider(sic) nicht an, alle Leute
zu köpfen", da dies nur immer mehr Griechen zu den Partisanen treibe.
Man brauche nicht unbedingt weniger zu töten. Es komme darauf an,
die politisch richtigen Griechen zu treffen, die "wahrhaft Schuldigen".
Selbst die massenhafte Hinrichtung von Frauen und Jugendlichen war
zwingend vorgeschrieben. Für Erschießungen wurden keine Obergrenzen
festlegt, was zu Massakern mit entsetzlich großen Opferzahlen führte.
So wurden am 3. Mai 1944 für einen bei einer Partisanenaktion umgekommenen
Divisionskommandeur 325 Griechen umgebracht - eine Quote, die selbst
im "Osten" selten erreicht wurde.
1944 eskalierte der Terror weiter. Aktionen
mit 100 und mehr Toten sowie riesigen Verwüstungen nun auch in Großstädten,
wurden fast alltäglich In den drei Sommermonaten des Jahres 1944
sind im statistischen Mittel täglich 106 Griechen als Geiseln oder
bei Sühnemaßnahmen ermordet worden.
Mord als Herrschaftsstrategie
Der kurze Blick auf die Herrschaftsstrategien
zeigt: Die Massentötungen waren nicht Folgen "normalen Kriegsgeschehens"
oder Ausschreitungen einzelner Deutscher. Die deutsche Militärführung
aller Ebenen hatte zur Bekämpfung jeglichen Widerstandes und zur
vorbeugenden Einschüchterung der Bevölkerung die massenhafte, möglichst
grausame Tötung von Zivilisten sowie umfangreiche Zerstörungen angeordnet.
Der Befehl war die eine, die entscheidende Seite deutschen Terrors
in Griechenland. Die andere Seite ist, dass die offensichtlich rechtswidrigen
Befehle von den Soldaten ohne erkennbaren Widerstand befolgt wurden.
Es gehört zu den traurigen Ergebnissen der Geschichtsforschung,
dass bis heute kein Fall aktenkundig, wo ein deutscher Soldat oder
Offizier die Teilnahme an Mordaktionen gegen griechische Zivilisten
abgelehnt hat.
Ungesühnt
Angesichts der häufig unbeschreiblich grausamen
Mordaktionen stellt sich die Frage nach der Verfolgung der Täter
und der Entschädigung der Opfer durch das Nachkriegsdeutschland.
Die Strafverfolgung der Täter - der Befehlsgeber
wie der Ausführenden - ist schnell beantwortet: Obwohl einige Verfahren
durchgeführt worden sind, wurde kein Deutscher nach 1945 von einem
deutschen Gericht wegen in Griechenland begangener Untaten bestraft.
Ein ebenso großes Skandalon ist die Geschichte
der Entschädigung der Opfer. Ausgangspunkt war die
Londoner Schuldenkonferenz von 1953. Dort vereinbarten
die reparationsberechtigten Staaten, ihre Ansprüche gegenüber der
BRD bis zu einer friedensvertraglichen Regelung zurück zu stellen.
1960 kam es dennoch zu einer ansatzweisen Entschädigung griechischer
Opfer. Die BRD erklärte sich bereit, den jüdischen Opfern deutscher
Politik eine Entschädigung zu gewähren. Von Bedeutung an diesem
Vertrag ist auch, dass darin entgegen der landläufigen und regierungsoffiziell
geäußerten Meinung festgehalten wurde, die anderen Ansprüche der
Griechen bis zu einem Friedensvertrag zurück zu stellen.
Entrechtung der Opfer
Nach dem 2+4 Vertrag von 1990, der die friedensvertragliche
Regelung brachte, reagierte die Bundesregierung plötzlich ganz anders.
Sie lehnte mit folgenden Argumenten unter brutaler Ausspielung der
wirtschaftlichen Überlegenheit jede Entschädigung ab:
der Vertrag berühre ausdrücklich nicht die Reparationsfragen.
50 Jahre nach dem Krieg seien Reparationsfragen nicht
mehr zeitgemäß.
Griechenland sei ein befreundeter Staat, der viel
von den Handelsbeziehungen auch im Rahmen der EU und von deutschen
Touristen verdiene.
Wahrheitswidrig wurde zudem behauptet, Griechenland
habe mit dem Vertrag von 1960(s. oben) auf weiter Entschädigungszahlungen
verzichtet.
Da die BRD keine Zeichen
für eine Verständigung mit den Opfern gab, mußten diese ab 1995
schließlich den langwierigen, ungewissen und - das wird häufig nicht
bedacht - teuren Weg über die Gerichte in Griechenland und in der
BRD gehen.
1997 erging das erste
Urteil. Das Bezirksgericht in Levadia verurteilte
die Bundesrepublik zur Zahlung von Entschädigung an Opfer und Hinterbliebene
des Massakers von Distomo. Die BRD argumentierte in dem Verfahren
mit dem Dogma von der Staatenimmunität. Danach könnten Staaten nicht
von Privatpersonen, sondern nur von Staaten verklagt werden. Das
Urteil von Levadia hatte durch alle Instanzen der griechischen Justiz
bestand. Erst das höchste griechische Verfassungsgericht brachte
die negative Wende. Es erklärte, auch für die griechische Justiz
sei die Staatenimmunität bindend. Die bislang ergangenen Urteile
gegen de BRD seien zwar rechtmäßig, sie dürften aber nicht vollstreckt
und neue Klagen müssten von griechischen Gerichten abgewiesen werden.
Das entscheidende Urteil kam im Jahre 2003. Klagen der Opfer deutscher
Terrormaßnahmen in Griechenland wurden vom Bundesgerichtshof mit
Hinweis auf die Staatenimmunität abgewiesen.
Offensichtlich ist
die Entschädigungsfrage nur politisch zu lösen. Die Bundesregierung
muß sich gegenüber den Opfern durch eine materiell großzügige Geste,
die der Größe der begangenen Verbrechen und der angerichteten Schäden
angemessenen ist, der historischen Schuld und Verantwortung stellen.
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