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Prozess gegen ELA
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Aktuelles
Europäisches Sozialforum in Athen 2006
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Schlusserklärung von Dimitris Koufontinas
im Prozess gegen die "Revolutionäre Organisation 17. November"
vor dem Athener Sondergericht am 24.7.2003
Der Sturm auf den Himmel
Als Dimitris Koufontinas zum Ende seiner Rede kam, hatten nicht
wenige der Zuhörer Tränen in den Augen. Fast alle erhoben
sich, Applaus wurde laut und Parolen wurden gerufen, als der Angeklagte
mit den Versen des Volksdichters Kostis Palamas an die Leidens-
und Widerstandsgeschichte des griechischen Widerstandes erinnerte.
Kurze Zeit später ließ der Richter den Saal räumen.
Dimitris Koufontinas übernahm vor dem Athener Kriminalgericht
ausdrücklich die politische Verantwortung für alle Aktionen
und Erklärungen der "Revolutionären Organisation
17. November".
Damit ging ein beispielloses Verfahren zu Ende. Für die 19
Angeklagten war im Frauengefängnis von Athen eigens ein spezieller
Trakt eingerichtet worden, ihre Zellen lagen unterhalb der Erde.
In der Gerichtsverhandlung trug die Staatsanwaltschaft 2.500 Anklagepunkte
vor. Verhandelt wurden alle Aktionen des 17N, wie die Organisation
in der Öffentlichkeit gerufen wird, aus dreißig Jahren:
von der Mitgliedschaft in einer "kriminellen Vereinigung",
über Waffenbesitz und Bankraub bis zur Tötung politischer
Gegner. Am 8. Dezember 2003 verkündete das Gericht die Urteile.
Es kam zu Freisprüchen und zu langjährigen Haftstrafen
bis zu 25 Jahren. Vasilis Tzopzatos, Iraklis Kostaris, sowie die
Brüder Savas und Christodoulos Xiros wurden zu ein- bis mehrmals
lebenslänglich verurteilt. Dimitris Koufontinas bekam mit 13mal
lebenslänglich die Höchststrafe.
Mit dem Urteil geht die Geschichte der erfolgreichsten und legendärsten
bewaffneten Organisation Europas zu Ende. 30 Jahre tappten Polizei
und Geheimdienste im Dunkeln und es kursierten unzählige Spekulationen,
warum partout keiner der bewaffneten "Volkskämpfer"
zu fassen war. Mal hatten östliche Geheimdienste ihre Hand
im Spiel, dann wieder schützten linksgerichtete Offiziere die
Gruppe. Kein Gerücht konnte im Prozess erhärtet werden.
Eventuell liegen die Gründe für die jahrzehntelange erfolglose
Fahndung viel näher: Die Aktivisten des 17N gehörten mehrheitlich
nicht zur universitären Mittelschicht. Sie lebten in den Arbeitervierteln
und arbeiteten als Schlosser, Ikonenmaler, Schreiner oder Imker.
Ihr Antiimperialismus und Antikapitalismus richtete sich gegen die
USA und die einheimische Oligarchie. Das machte den 17N geradezu
populär. So besuchten den Prozess kommunistische Abgeordnete,
junge Anarchisten, Punks und steinalte ehemalige Partisanen gegen
die deutsche Besatzung im 2. Weltkrieg.
Das Schlusswort von Dimitris Koufontinas erschien in der Tageszeitung
"Elephterotipia". Vorsorglich hatte das linksdemokratische
Massenblatt seine Auflage verdoppelt. Sie war bereits am frühen
Nachmittag vergriffen.
Über Diomidis Komninos
Sicher
Diomidis hatte eine belastende Vergangenheit
Als Fünfjähriger, auf den Schultern
seines Vaters
rief er Freiheit für Zypern
als Zehnjähriger, barfuss
mit einer Scheibe Brot in seiner Tasche
lief er beim Friedensmarsch mit
mit zwölf forderte er Demokratie
Als 17-Jähriger
trug er ein Plakat in den Händen
Brot - Bildung - Freiheit
Dimitris Ravanis-Rentis
Herr Vorsitzender,
ich werde nicht das tun, was Sie von mir fordern.
Ich werde mich nicht verteidigen, denn ich lehne die Anschuldigungen
und die Anklageschrift ab. Ich werde nicht daran mitwirken, dass
eine revolutionäre Organisation als verbrecherisch abgeurteilt
und ein politisches Phänomen von seinen gesellschaftlichen
Wurzeln abgeschnitten wird. Denn hier soll dem 17. November (17N)
außerhalb des gesellschaftlichen, politischen und historischen
Rahmens, in dem er in den letzten 30 Jahren handelte, begegnet werden.
Ich lehne es ab, dass die revolutionäre Linke hier bewertet
wird. Ich lehne dieses Gericht ab, weil es gesellschaftliche Phänomene
nicht beurteilen kann.
Ihr Gericht kann die Wirklichkeit des 17N nicht
begreifen. Sie können uns nur mit dem Recht der Ungleichheit
und einem Strafgesetzbuch verurteilen, das wir nicht akzeptieren
können. Wir werden ihr Recht erleiden, aber wir sind nicht
gezwungen, es anzuerkennen. Es ist ein scheinheiliges Rechtssystem.
Es ist ein System, das die Mächtigen und Reichen ungestraft
lässt: den Industriellen, der bei Arbeitsunfällen mordet,
den Reeder, der in seinen alten Schiffen die Menschen ertränkt
und den Räuber öffentlichen Reichtums - für sie alle
gilt dieses Recht nicht.
Ihr Gericht wurde auf der Basis eines autoritären
Sondergesetzes geschaffen. Es ist ein Sondergericht, das mit entsprechenden
Verordnungen ausgestattet ist und dessen Mitglieder eine skandalöse
Vorverurteilung legitimiert haben. Der Beschluss über das sogenannte
"politische Verbrechen" hat bereits Ihre Grenzen aufgezeigt.
Denn die Paragraphen des Sonderechts hätten es Ihnen erlaubt,
die Praxis des 17N als ein "politisches Verbrechen" zu
fassen. Aber die herrschende Ordnung verlangt etwas anderes. Sie
will uns als "gemeine Verbrecher" verurteilt wissen und
nicht als das, was wir sind: Geiseln eines Krieges ohne Kriegserklärung,
eines unversöhnlichen gesellschaftlichen Krieges, der seit
Anbeginn aller Klassen zwischen Reichen und Armen, Starken und Schwachen,
Ausbeutern und Ausgebeuteten ausgefochten wird.
Ich habe erklärt, dass ich Mitglied des
17N war und dass ich die politische Verantwortung für seine
Praxis übernehme. Ich bin mit all seinen Thesen und Entscheidungen
einverstanden. Ich solidarisiere mich mit allen Aktivitäten,
die die Genossen des 17N unternommen haben. Gleiches gilt für
einen jeden Kampf, den Menschen für eine Welt des Friedens
und der Freiheit führen, für eine Welt ohne Ausbeutung,
Ungerechtigkeit und falsche Gerichtsbarkeit.
Ich werde nicht tun, was Sie wollen. Ich werde
Ihrer Logik nicht folgen. Unsere Ethik verträgt keine Kooperation
und keinen Verrat. Deswegen werde ich über meine praktische
Beziehung zur Organisation nicht sprechen. Ich werde keinen Versuch
unternehmen, Sie davon zu überzeugen, an welchen Aktivitäten
ich nicht teilgenommen habe. Ich werde nicht über meine Mitangeklagten
sprechen. Das ist meine Haltung und ich werde sie beibehalten, ganz
egal, welcher persönliche Preis mir abverlangt wird.
Von Anfang an erklärte der 17N, dass er
eine Organisation einfacher Kämpfer des Volkes ist. Seine Mitglieder
stammten aus dem Herzen des Volkes, hörten seine Stimme und
versuchten, seinen Interessen zu dienen. Rechenschaft, so empfanden
sie, mussten sie nur dem Volk gegenüber ablegen. Ich werde
über die Organisation und ihre Praxis sprechen und ich wende
mich an all diejenigen, die an uns glaubten, die uns moralisch unterstützten
und für die wir ein Funken der Hoffnung waren. Einer der Zeugen
drückte es so aus: Wir waren ein Seufzer der Erleichterung,
ein Augenblick, in dem Gerechtigkeit geschaffen wurde - etwas, das
Sie, Herr Vorsitzender, niemals sein können.
Ich spreche auch zu denen, die wir enttäuscht
haben, die sich von unseren Entscheidungen distanzierten, aber dennoch
am gleichen Ufer waren wie wir, die der Sturm auf den Himmel begeisterte.
Ich wende mich auch an die, die unausweichlich durch unsere Praxis
Schmerzen erleiden mußten, unabhängig davon, ob dies
von uns oder der gegnerischen Seite zu verantworten war. Ich richte
mich an die Familien derjenigen, die zum Ziel geworden sind. Die
Geschichte wird darüber urteilen, ob dies zu Unrecht oder zu
Recht geschah; eine Geschichte, die glücklicherweise anderen
Kriterien folgt als dieser Gerichtsbarkeit.
Der Weg der Revolution
Im Dezember 1975 exekutierte eine Gruppe von Kämpfern den
Statthalter der CIA in Griechenland. Der CIA-Vertreter war damals
wie heute der lange Arm der amerikanischen Herrschaft in unserem
Land. Die Militärregierung hatte 300 bis 400 Agenten an neuralgischen
Punkten in der Regierung, im Staatsapparat, im Militär, in
den Parteien und der Presse postiert, so dass sie die Politik, das
Gesellschafts- und Wirtschaftsleben im Sinne der amerikanischen
Interessen kontrollieren konnten. Die Regierung wollte die Hintergründe
der Tat im Unklaren lassen. Die Parteien und die Massenmedien betrieben
einen Feldzug der Vertuschung und Desinformation: von "dunklen
Mächten" wurde gesprochen, von Angehörigen der Junta,
Provokateuren, Agenten und der Mafia. Aber das griechische Volk
verstand sofort, warum der Statthalter der CIA exekutiert wurde
und wer es getan hatte. Die Organisation übernahm die Verantwortung
und verteilte die Erklärung tausendfach in den proletarischen
Vierteln Athens.
Der 17N war eine Organisation der revolutionären Linken;
jenes Teils der Linken, der glaubt, dass das heutige Gesellschaftssystem
die sozialen Ungleichheiten nicht mildern kann, weil es sie selbst
erzeugt und darauf basiert. Das System kann das Problem der Arbeitslosigkeit
nicht lösen, weil es sie selbst hervorbringt und benötigt;
es kann die Kriege nicht abschaffen, weil es sie selbst führt
und sich von ihnen ernährt; es kann die gleichberechtigte Entwicklung
aller Länder nicht fördern, weil es sich selbst auf die
Ausplünderung der armen Länder stützt. Das System
interessiert sich nicht für die ökologische Katastrophe
des Planeten, weil es selbst die Ursache dieser Krise ist; es respektiert
nicht die kulturelle Verschiedenheit der Menschen, weil es allein
an den allmächtigen Gott des Geldes glaubt.
Dieses System kann nicht reformiert oder demokratisiert werden.
Es kann nur durch die soziale Revolution umgestürzt werden.
Das ist die Frage, die die Linke seit zwei Jahrhunderten in zwei
Hauptströmungen, eine reformistische und eine revolutionäre,
teilt. Dieser Unterschied ist weder abstrakt noch zukünftig
und keineswegs rein theoretischer Natur; er ist praktisch, konkret
und gegenwärtig, weil das Morgen die unmittelbaren Mittel von
heute bestimmt.
Wer die revolutionäre Lösung ablehnt, versucht den Volkszorn
zu bremsen. Wer den Weg der Revolution wählt, sucht die unmittelbare
Aktion, die Methode und die Ethik, die den Interessen seiner Klasse
entsprechen: der Mehrheit der Arbeitswelt, der Schwachen und Armen,
den Opfern der Ausbeutung. Zu dieser Linken gehört der 17N.
Es ist die Linke von Lenin, von Che und Aris, die Linke der Oktoberrevolution,
der spanischen, chinesischen und kubanischen Revolution; die Linke
des ELAS, die Linke der antikolonialen Revolutionen von Algerien
bis Vietnam, der Aufstände des Mai 1968 und des November 1973,
die Linke der Stadtguerilla. Der 17N hat sich weder als Mittelpunkt
der revolutionären Linken betrachtet, noch war er der Auffassung,
seine Aktionsformen seien einzigartig. Er betonte immer, dass der
Kampf langfristig sei, ein Zusammenwirken aller Kampfformen erfordere
und vor allem, dass es nötig sei, sofort zu beginnen.
Was waren die Ziele der Organisation? Zuallererst
das "neue Rom", das neue Imperium. Wie jedes Imperium
in der Geschichte, verfolgt auch dieses die globale Hegemonie, den
Raub der Reichtümer der Welt. Es kennt keine ethischen Grundsätze,
sondern nur das Recht des Stärkeren und das Gesetz des Dschungels.
Das Imperium stützt sich auf unpolitische, von den allmächtigen
Massenmedien kontrollierte Bürger, auf die Profitiere gespaltener
Gesellschaften und auf die Ideologie der auserwählten amerikanischen
Nation, die in faschistischen Gesetzen und modernen Konzentrationslagern
ihren Ausdruck findet. Aber je weiter sich diese Kriegsmaschinerie
auf der Welt ausbreitet, desto stärker wächst der Widerstand
in ihrem Rücken. Der Partisanenkrieg, der Krieg der Schwächeren,
die "Schaffung von vielen Vietnams" ist die einzige Hoffnung,
die den Völkern bleibt, um das hochgerüstete Imperium
zu treffen. 27 Jahre lang hat der 17N die Geheimdienste zum Narren
gehalten und das Hollywood-Bild der Superagenten zerstört.
Nur so ist ihre Tobsucht und Rachgier gegen uns zu verstehen.
Im Dezember 1944 warfen die Amerikaner täglich
2.500 Bomben auf die armen Stadtteile von Athen. Während des
Bürgerkrieges setzten sie Napalm ein. Wir erfuhren davon durch
die Erzählungen unserer Eltern. Wir fühlten die Bitterkeit
der Niederlage, der Entbehrungen, des Terrors und der Verbannungen,
der absoluten Macht der Polizisten und Militärrichter. Die
Verräter wurden in unserem Land zu staatlichen Würdenträgern,
die Schwarzmarkthändler Reeder und Industrielle. Wir sahen,
wie sich die Linke an das System verkaufte und die Errungenschaften
jahrzehntelanger Kämpfe preisgab. Wir sagten: Es reicht! Denn
es gibt auch eine Linke, die nicht die andere Wange hinhält,
sondern ihnen einen Fußtritt gibt; nicht die wohlhabende und
ordentliche, sondern eine ungehorsame Linke, die überzeugt
ist, dass die Lösung nur revolutionär sein kann.
Die Propaganda der Volksgewalt
Im Kommunistischen Manifest schrieben Marx und Engels, dass es
die Kommunisten als unwürdig betrachten, ihre Ansichten und
Vorhaben zu verstecken. Sie erklären offen, dass sie ihre Ziele
nur durch den Sturz des gesamten heutigen Gesellschaftssystems verwirklichen
können. Marx schrieb, dass die Gewalt die Hebamme jeder alten
Gesellschaft ist, die eine neue bereits im Leibe trägt. Die
unmittelbare bewaffnete Aktion geht von der Tatsache aus, dass mit
dem bewaffneten Kampf nicht gewartet werden darf, bis die Voraussetzungen
dafür gereift sind. Das läßt sich aus einer These
der Tupamaros ableiten: Die revolutionäre Aktion und die Tatsache,
dass wir uns bewaffnen, dass wir uns vorbereiten, mit Vorräten
versorgen und die bürgerliche Ordnung verletzen, schafft das
Bewußtsein, die Organisation und revolutionären Bedingungen.
Der 17N holte die Waffen aus den Polizeistationen,
die Bazookas aus dem Kriegsmuseum und die Munition aus den Kasernen.
Das waren Aktionen der bewaffneten Propaganda, die ohne jedes Blutvergießen
durchgeführt wurden. Der 17N bewies, dass er sich auf die eigene
Kraft stützte und nicht ferngesteuert war. Als Aris mit seiner
Partisanengruppe in ein Dorf ging und zu den Bewohnern sprach, machte
er bewaffnete Propaganda. Er zeigte, dass es möglich war, Aktionen
unter der Nase der Deutschen durchzuführen. Die Folge war ein
Schock, der die Bedingungen für weitere Aktionen schuf. Sicher,
der 17N war nicht mit den Partisanen von Aris vergleichbar - in
Griechenland herrscht eine bürgerliche, die Oligarchie legitimierende
Demokratie -, trotzdem wies der Kampf des 17N Ähnlichkeiten
mit dem Partisanenkampf auf.
Die Praxis des 17N wird als "Terroriums" charakterisiert.
Wir sagen: Nein! Der 17N richtete sich gegen Ziele und Symbole des
Imperialismus und Kapitalismus. Die US-amerikanische Botschaft in
unserem kleinen Land hatte die höchsten Sicherheitsausgaben
auf der Welt. Die Geheimdienste aller westlichen Länder schickten
ihre Spezialisten nach Griechenland. Die Großindustriellen
und Reeder bauten Festungen, unterhielten Heere von Leibwächtern,
gaben ihr Geld für gepanzerte Fahrzeuge und elektronische Sicherheitsanlagen
aus. All diese Leute, einige tausend - jawohl, sie wurden terrorisiert,
und der 17N ist stolz darauf. Aber das griechische Volk wurde weder
von der Angst vor dem 17N geweckt, noch ging es mit dieser Angst
zu Bett. In einer Meinungsumfrage kurz vor der Explosion in Piräus
gaben nur zwei Prozent der Befragten an, dass sie im Terrorismus
ein gesellschaftliches Problem sehen. Angst hat das Volk vielmehr
vor der Gewalt des Staates, der Gewalt der Armut, der Arbeitslosigkeit,
der Entfremdung.
Der 17N führte keinen Krieg auf allen Ebenen.
Trotz seiner Möglichkeiten verzichtete er darauf, das Niveau
seiner Aktionen zu erhöhen. Er verwechselte nie seine Wünsche
mit der Wirklichkeit und die Gewalt nicht mit Eile. Er versuchte
nicht, das Herz des Staates zu treffen. Den Schwerpunkt seiner Aktivitäten
legte der 17N nicht auf Texte und Erklärungen, obwohl er diese
für unverzichtbar hielt, sondern auf Aktionen. So wurde etwa
beim Angriff auf die US-amerikanische Botschaft keine Erklärung
herausgegeben. Die Propaganda der Volksgewalt muß durch die
Aktion selbst erfolgen. Es war notwendig, dass die Aktion vom Volk
verstanden wird - "sie soll selbst sprechen", wie wir
sagten. Die Praxis sollte das Regime entlarven und keine negativen
Konsequenzen für andere Bewegungen oder arbeitende Menschen
haben.
Die Ziele des 17N waren Symbole der Macht: Vertreter
und Institutionen des bürgerlichen Regimes, der imperialistischen
Hegemonie, der kapitalistischen Ausbeutung und der staatlichen Unterdrückung.
Durch seine Aktionen setzte der 17N Zeichen. Er zeigte, dass es
Menschen gab, die gegen die Übermacht des Staates Widerstand
leisteten und immer leisten werden. So stärkte er die Würde
und den Stolz des Volkes. Die Aktivitäten des 17N wurden vom
griechischen Volk, das Erniedrigung und Ausbeutung erfahren hat,
als gerechter Volkswiderstand betrachtet. Ich möchte hier nur
die Aussage einer unserer besonders leidenschaftlichen Gegner erwähnen:
Ein Europaabgeordneter der Nea Dimokratia sagte, dass 23,7 Prozent,
das sind 2.370.000 Griechen, mit den Kämpfern des 17N sympathisierten.
Es ist eine objektive Tatsache, dass der 17N gesellschaftliche Wurzeln
hatte und seine Praxis in den gesellschaftlichen Widersprüchen
begründet war.
Die Masken sollen fallen
Denken wir an Afghanistan, an Jugoslawien und
an den Irak. Denken wir an die zerstörten Stadtteile und Tausende
zivilen Opfer, an die 500.000 Menschen, die im Irak laut britischen
Quellen an Krebs sterben werden. Können diese Hunderttausende
von Toten mit den wenigen hundert US-amerikanischen Soldaten verglichen
werden, die durch die Gegengewalt des Volkes ums Leben kamen? Und,
abgesehen von der Zahl der Toten, handelt es sich auch qualitativ
um das Gleiche? Wir können es nicht vergleichen, nicht aufwiegen.
Hier zitiere ich Professor Roussis: "Die Gewalt des 17N ist
geringfügig im Vergleich zu den ökonomischen und gesellschaftlichen
Widersprüchen, die sie hervorbrachten". Die Masken sollen
fallen. Die Staatsbeamten, die Migranten, kleine Diebe und Demonstranten
erschießen, werden freigesprochen oder zu symbolischen Strafen
verurteilt. Für den 17N dagegen wurden Sondergesetze, Sondergerichte
und Sondergefängnisse geschaffen. Die Gleichheit vor dem Gesetz,
ein Grundprinzip der Demokratie, wird nicht angewandt. Für
die Mächtigen gelten die Gesetze nicht.
Mit dem Wohlfahrtsstaat fegt der neoliberale
Wirbelwind die Errungenschaften jahrzehntelanger Kämpfe hinweg.
Eine Gesellschaft, die sich nicht für die Schwachen und Kranken
interessiert, die keine Solidarität kennt, ist nicht demokratisch.
20 Prozent aller Griechen leben unter der Armutsgrenze, 15 Prozent
sind ohne Arbeit, unter den Jugendlichen sind es sogar 33 Prozent.
Die öffentlichen Güter, der öffentliche Reichtum
und der öffentliche Boden werden an die Reichen verschenkt.
Soll ich über Provisionen bei den milliardenschweren Rüstungsgeschäften
sprechen? Über das dauernde Verbrechen bei den öffentlichen
Bauten? Über die Barone der Massenmedien? Über die großartige
Idee der Olympiade? Wie viele Jahre werden wir nach 2004 noch bezahlen?
Soll ich über ein Parlament sprechen, das Gesetze auf Bestellung
verabschiedet? Über die schwache, den Mächtigen hörige
Regierung? Was für eine Demokratie ist das?
Der bewaffnete Revolutionär ist kein Fanatiker
der Gewalt. Für solche Menschen gibt es andere, legale Möglichkeiten,
ihren Trieb auszuleben. Der Revolutionär, der sich durch politische
Analyse für die Gewalt als unmittelbare Maßnahme entschieden
hat, ist zu äußersten Konsequenzen verpflichtet, um sich
und seiner Überzeugung treu zu bleiben. Diese Wahl richtet
sich zuallererst gegen seine eigenen Interessen. Denn es gilt, den
eigenen Selbsterhaltungstrieb mit einer Lebenseinstellung zu überwinden,
die paradox ist, weil man sowohl die Freiheit wie das Leben verlieren
kann. Vor allem aber stößt man auf einen tiefen und nur
schwer zu ertragenden Widerspruch: die Liebe zum Leben und die Notwendigkeit,
gegen das Leben zu handeln. Der Kämpfer erlebt diesen Widerspruch
tragisch und schmerzhaft. Es zerreißt ihn. Aber er weiß,
dass er an einem Kampf gegen eine Gewalt teilnimmt, die den Menschen
entmenschlicht und in die Barbarei stürzt.
Die Begriffe, die sie gegen uns verwenden -
"Verbrecher", "Meuchelmörder" - können
unsere Handlungen nicht beurteilen. Der bewaffnete Revolutionär
respektiert das Leben. Er greift zur Waffe, um das Leben gegen diejenigen
zu verteidigen, die es misshandeln und entwürdigen. Er kann
den Verlust eines Lebens akzeptieren, wenn dadurch die revolutionäre
Sache voranschreitet. Er gewinnt zu seinem eigenen Leben ein neues
Verhältnis. Er zögert nicht, sich zu opfern, wenn die
Notwendigkeit des Kampfes es erfordert. Der bewaffnete Revolutionär
greift in eine Gesellschaft ungeheurer Ungleichheiten ein, eine
Gesellschaft, in der ein unerklärter Krieg wütet, der
Opfer auf beiden Seiten fordert - allerdings mehr von der einen
und weniger von der anderen Seite. Es ist ein Krieg der Personen,
die nicht abstrakt sind. Es sind Menschen, die eine Familie haben,
die sie lieben, großgezogen haben und für die sie unersetzlich
sind. Diesen Familien schulden wir Respekt und Mitleid.
Wer kennt die Namen der Leute, die von der Polizei erschossen wurden?
Warum, Herr Vorsitzender, erinnern wir uns an die 45er und nicht
an die 38er Pistolen? Wer kennt die Namen derer, die bei Betriebsunfällen,
in den Bergwerken und bei Schiffsunglücken ihr Leben verloren?
Welcher der Verantwortlichen wurde angeklagt? Wer wurde verurteilt?
Welcher Politiker vergoss deshalb Krokodilstränen? Welche Opfer
hatten Nebenklagevertreter? Gab es überhaupt jemals Nebenkläger?
Alle diese Familien hatten Kinder, die sie verloren haben. Gab es
für sie jemals ein Rednerpult? Hat sich je ein Fernsehteam
für sie interessiert?
Der Krieg, der diesem gesellschaftlichen Widerspruch
entspringt, wird schon lange geführt. Manchmal ist er sichtbar,
manchmal unsichtbar, zuweilen trägt er die Maske des Rechtsstaates,
dann wieder zeigt er seine wahre Gestalt. Diesen Krieg wird es solange
geben, bis die Klassen aufhören zu existieren. Wenn die Menschheit
endlich aus ihrer barbarischen Vorgeschichte heraustritt - Krieg,
Verelendung, Analphabetismus, Ausplünderung -, wenn die Menschheit
übergeht in das Reich der Freiheit, der Gleichheit und ungehinderten
Entwicklung des Menschen, wenn der Mensch seine Menschlichkeit wiedererlangt,
erst dann wird das Leben seinen wirklichen Wert bekommen.
Nachdem ich dies gestern Abend geschrieben habe,
konnte ich kein Auge zumachen. Ich wollte noch einen Epilog verfassen.
Aber ich habe nicht weiter geschrieben. Stattdessen schließe
ich mit einem Vers von Kostis Palamas:
Kind, meinen Obstgarten, den Du erben wirst,
was immer Du in ihm siehst, verzichte nicht darauf.
Pflüge ihn noch gründlicher, gieße ihn häufiger,
pflege seinen Rasen und lockere seine Erde.
Wenn schlechte Zeiten kommen, zornige Jahre,
wenn Vögel und Bäume aus Angst zu hassen lernen,
zu nichts wird er Dir nutzen als zu einer Festung.
Fürchte die Zerstörung, das Feuer nicht, erhebe dein Beil.
Lass ihn brachliegen, schneide die Pflanzen heraus,
baue eine Festung und verschanze dich darin,
für den Kampf, für das Bluten, die neue Geburt,
die wir erwarten und die ständig näherrückt.
Der Text wurde um jene Passagen gekürzt,
die sich mit tagespolitischen Ereignissen und Personen in Griechenland
beschäftigen.
So oder So
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