Kostenlose Bildung für alle
Heike Schrader 23.06.2006
Seit fast zwei Monaten befinden sich Professoren
und Studierende in Griechenland im Dauerstreik. Sie protestieren
gegen geplante Änderungen in der Hochschulgesetzgebung.
Über Monate hatte die Regierung die Gesetzesvorlage
unter Verschluss gehalten. Erst am Donnerstag standen die geplanten
Veränderungen des Hochschulgesetzes in allen Zeitungen. Gleichzeitig
gingen am selben Donnerstag zum wiederholten Male Tausende von Studierenden
auf die Strasse.
Angeblich soll das Gesetz die notwendige Bildungsreform
in Griechenland einleiten. Unter anderem wird dem "ewigen Studenten"
den Kampf angesagt – bisher gab es keine zeitliche Begrenzung für
ein Studium in Griechenland. Die nun vorgesehene Höchstgrenze
der Studiendauer wird massenweise Abiturienten am Studieren hindern,
befürchtet man nicht nur in Studierendenkreisen. Das Gesetz
sieht einen Aufschlag von 50 Prozent auf die meist 4 Jahre betragende
Regelstudienzeit vor. Betroffen davon wären natürlich
in erster Linie Kinder aus Arbeiterfamilien, die sich ihr Studium
selbst verdienen müssen. Eine dem deutschen BAföG gleichende
staatliche Förderung für schwächer gestellte Studierende
gibt es in Griechenland nicht.
Geht es nach dem Willen der Regierung, so wird
in Zukunft auch die derzeit bereits sehr ausgehöhlte Lehrmittelfreiheit
abgeschafft. Nur noch ein Skript pro Vorlesungsreihe wird dann noch
kostenlos zu Verfügung stehen. Jeder Mehrbedarf an Literatur
ist kostenpflichtig. Auch Mensen und Studierendenwohnheime sollen
in Zukunft privaten Betreibern offen stehen. Professoren und Studierende
fordern dagegen seit Jahren die Aufstockung der Mittel für
die chronisch unterfinanzierten Universitäten. Dafür und
gegen schon in der Vergangenheit geplante Einschränkungen
der weitreichenden Hochschulautonomie
hatte es schon in frühren Jahren langanhaltende und massenhafte
Proteste von Lehrenden und Lernenden gegeben.
Kampf ums Bildungsmonopol
Die derzeitigen Hochschulproteste aber sind
die stärksten seit Jahren. Diesmal nämlich soll es der
staatlichen Bildung insgesamt an den Kragen gehen. In Artikel 16
der griechischen Verfassung ist der Staat als alleiniger Verantwortlicher
für eine kostenfreie und allgemeine Bildung festgeschrieben.
Dieses staatliche Bildungsmonopol will eine große Koalition
aus regierender konservativer Nea Dimokratia und "oppositioneller"
sozialdemokratischer PASOK im Zuge der im Herbst geplanten Verfassungsänderung
kippen. Im Einklang mit der im Lisabon
Prozess geplanten EU-weiten "Bildungsreform"
sollen auch in Griechenland private
Hochschulen zugelassen und ihre Abschlüsse
den staatlichen gleichgestellt werden.
Während die Befürworter EU-weit von
einer an die Erfordernisse des Marktes angepasste Ausbildung sprechen,
fürchten die Gegner ein Absinken der Qualifikation. Anstelle
eines allgemeingültigen Abschlusses mit vergleichbarem Diplom
träten dann angesammelte Zeugnisse
über belegte Kurse und Lehrgänge.
Jedem Unternehmen stünde es frei, sich durch Einmischung in
die Lehre maßgeschneiderte Arbeitskräfte, anders ausgedrückt
"Fachidioten", zu erziehen.
Auch wäre ein Studium an einer privaten
Hochschule natürlich mit nicht unerheblichen Kosten verbunden.
Und während ihre Kommilitonen in Deutschland derzeit mit ungewohnt
nachhaltigen Protesten
gegen die Einführung von Studiengebühren
an den staatlichen Hochschulen kämpfen, geht es den griechischen
Studierenden um die Vermeidung von kostenpflichtiger Bildung überhaupt.
Stärkste Streiks seit Jahren
Wie auch in anderen Ländern Europas sorgte
die geplante Einführung privater Hochschulen in Verbindung
mit der Änderung des Hochschulrechtes schon vor geraumer Zeit
für den Beginn eines allgemeinen Aufstands. In Griechenland
traten nach mehreren ein- und zweitägigen Warnstreiks die Professoren
fast aller Hochschulen des Landes Ende Mai in den Dauerstreik. Gleichzeitig
tagte überall die Generalversammlung der Studierenden, das
höchste beschlussfassende Gremium der Studentenvertretung,
um Mittel und Wege des Studierendenprotestes zu beschließen.
Das erst von einzelnen Fachbereichen und Hochschulen
beschlossene Mittel der Universitätsbesetzung bereitete sich
innerhalb kurzer Zeit wie ein Lauffeuer aus. Hielten die Studierenden
in der ersten Woche noch, so ist diese Zahl mittlerweile auf über
400 angestiegen. Um den Überblick zu behalten, ist man in Studierendenkreisen
dazu übergegangen, lieber über die wenigen Dutzend nicht-besetzten
Institute Buch zu führen.
Von den Streiks und den Besetzungen der Hochschulen
sind auch die Abschlussprüfungen betroffen. Genau wie in Deutschland
gibt es in Griechenland zu Beginn eines Semesters Wiederholungsprüfungen
als zweite Chance für die bei den Prüfungen am Ende des
letzten Semesters Durchgefallenen. Da die Abschlussprüfungen
jetzt ausfallen, wird man wahrscheinlich zu Beginn des Wintersemesters
eine doppelte Prüfungsperiode einlegen. Die Studierenden werden
also trotz jetzt ausgefallener Prüfungen im September eine
normale und bei Bedarf eine Wiederholungsprüfung ablegen können.
Dieses Verfahren hat sich für Streikende und sonstige Studierende
schon in vergangenen Jahren, in denen Prüfungen durch Streiks
ausfielen, bewährt. Wohl genau aus diesem Grunde sieht das
Gesetz ein Verbot der doppelten Prüfungsperiode vor. Der Preis
für die Verteidigung von Bildungsrechten soll in die Höhe
getrieben, "brave" Studierende in Zukunft gegen streikende "Chaoten
und Faulenzer" aufgebracht werden.
Zwei geltende Regelungen sind bei den derzeitigen
wie schon bei früheren gesellschaftlichen Auseinandersetzungen
von unschätzbarem Wert. Einmal haben Professoren in Griechenland
– anders als ihre deutschen Kollegen – ein Streikrecht. Zum anderen
und das ist vielleicht noch wichtiger, gilt hier ein absolutes Hochschulasyl.
Nur auf einstimmigen Beschluss eines dreiköpfigen Gremiums,
in dem neben einem Hochschullehrer und dem Leiter der Hochschule
auch ein Studierender vertreten ist, kann die Polizei auf das Hochschulgelände
gerufen werden. Eine Räumung
besetzter Institute, wie wir sie derzeit
überall in Deutschland erleben, ist damit ausgeschlossen.
Gegen die ebenfalls in der Gesetzesvorlage
vorgesehene Aufweichung des Hochschulasyls laufen nicht nur die
Studierenden Sturm. Ausgerechnet der Rektor einer Hochschule, aus
der heraus sich immer wieder Anarchisten mit Polizisten stundenlange
Schlachten mit Molotow-Brandsätzen, Steinen und Tränengas
liefern, verteidigt das Hochschulasyl als unabdingbar für studentischen
Widerstand. Andreas Andreopoulos, Leiter der berühmten Athener
Universität Polytechneion wandte
sich öffentlich scharf gegen Pläne, in Zukunft den Einfluss
der Studierenden durch die Einführung von Mehrheitsbeschlüssen
auszuhebeln. Die Polytechneion Universität wurde am 17. November
1973 während der griechischen Militärjunta (1967-1974)
Schauplatz eines blutigen Massakers, als die Panzer der Diktatur
einen Aufstand von Studierenden niederwalzten.
Vielfältige Aktionen des Widerstandes
Aus den besetzten Hochschulen heraus werden
zahlreiche Veranstaltungen und Protestaktionen organisiert. Vor
den Hochschulen verteilen fast täglich Gruppen von Studierenden
Flugblätter an Passanten. Beliebtes Mittel, seine Forderungen
und Ansichten weiter zu verbreiten, ist auch die kurzzeitige Blockade
von Straßen. Dabei werden in aller Schnelle Plakate und Spruchbänder
an die zum Halten gezwungenen Busse geklebt, die dann die Parolen
des Hochschulstreikes durch die Stadt
spazieren fahren.
Seit Mitte Mai finden jeden Donnerstag Demonstrationen
von Studierenden statt. Und zwar abwechselnd dezentral in verschiedenen
Städten Griechenlands und zentral als griechenlandweite Demonstration
in der Hauptstadt. Dabei geht die Polizei mit ungewohnter Härte
gegen die Demonstrierenden vor. So schossen die Beamten der Sondereinheiten
bei einer Demonstration am 8. Juni ohne erkennbaren Grund mit Tränengasgranaten
in die völlig unvorbereitete Menge vor dem griechischen Bildungsministerium.
Bei den Angriffen
der Polizei wurden auch zwei Kameraleute
verletzt, die sich schützend vor Demonstrierende stellten.
In den darauffolgenden Auseinandersetzungen wurden zahlreiche Demonstranten
verletzt. Auch bei anderen Demonstrationen kam es zu Auseinandersetzungen
mit der Staatsmacht. Während die Polizei vorwiegend Tränengas
einsetzte, flogen im Gegenzug Steine und Molotow-Cocktails gegen
die Beamten. Fensterscheiben von Banken und Geschäften gingen
zu Bruch, mehrere Autos in Flammen auf.
Weil die Aggression
bei den bisherigen Auseinandersetzungen oft unverkennbar von der
Staatsmacht ausging und Tränengas und Polizeiknüppel wahllos
auf die Menge niedergingen, haben die Studierenden die öffentliche
Meinung auf ihrer Seite. "Sonderpolizei und Gewalt sind keine Bildungsmethoden",
lautet die auch von bürgerlichen Fernsehsendern aufgegriffene
Parole der Demonstranten. Bei der Demonstration am vergangenen Donnerstag
hielt sich die Polizei dann auch zurück.
Verbündete suchen die Studierenden vor
allem bei den griechischen Werktätigen. Die Gewerkschaften
jedoch sind zurückhaltend. Zwar haben die beiden Gewerkschaftsdachverbände
in der privaten Wirtschaft, GSEE, und im öffentlichen Dienst,
ADEDY, die Studierenden ihrer vollen Solidarität versichert.
Auf den Druck der Studierenden, die eine Beteiligung
der Gewerkschaften an den Demonstrationen
fordern, konnte sich die GSEE aber gerade einmal zum Aufruf einer
dreistündigen Arbeitsniederlegung für den vergangenen
Donnerstag aufraffen. Auch die Mitglieder der ADEDY, die immerhin
einen 24stündigen Streik ausgerufen hatte, konnte man unter
den in die Tausende zählenden Demonstrationsteilnehmer am Donnerstag
an einer Hand abzählen. Nur die kommunistisch orientierte Gewerkschaftsfront
PAME war nicht nur in dieser, sondern auch schon in vorangegangenen
Demonstrationen mit einem starken Block vertreten.
Aussichten auf einen heißen Herbst
Voraussichtlich einmal noch wird es im Juni
eine Großdemonstration der Studierenden geben. Am 27. und
28. Juni tagt in Athen der Rat
der Bildungsminister der OECD-Staaten.
An diesen Tagen werden die Streikenden sicherlich ein letztes Mal
lautstark ihre Forderung nach allgemeiner und kostenfreier staatlicher
Bildung für alle vertreten. Danach sind Semesterferien und
die Hauptstadt versinkt in die übliche Sommersiesta.
Das Schicksal des Gesetzes dagegen wird sich
im Herbst entscheiden. Die Regierung muss sich gut überlegen,
ob sie die im Oktober anstehenden Kommunalwahlen unter dem Schatten
erneut aufflammender massiver Proteste aus der Bevölkerung
abhalten will.
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