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Es war einmal...
die Pressefreiheit
Wassilios Karl
Aswestopoulos, telepolis, 07.10.2005
Zensur auf Griechisch
mit deutschen Untertiteln
In
Griechenlands Medienlandschaft nach wirklich unabhängigen Medien
zu suchen ist eine Aufgabe, die selbst Sisyphus abgelehnt hätte.
Er hätte lieber weiter seinen Stein bergauf geschoben, als sich
dieser Tortur zu unterziehen. Die Griechen haben sich im Lauf
der Jahre nach dem Sturz
der Militärdiktatur 1974 daran gewöhnt, einseitig politisch gefärbte
Berichterstattung zu konsumieren.
Der politisch
interessierte Grieche filtert daher einen Kommentar, einen Zeitungsartikel
oder auch eine Sportmeldung mit dem Wissen, dass der Besitzer
des Mediums oder der Chefredakteur eine Art Vorzensur vorgenommen
hat. So weit so gut. Die griechische Medienlandschaft gilt demnach
als weitgehend abhängig.
Doch - wie beim
legendären Asterix - gibt es ein Scherflein unabhängiger, kritischer
Journalisten, die tatsächlich versuchen, ehrlichen, kritischen
Journalismus auszuüben. Allerdings brauchen diese Journalisten
keinen Zaubertrank, sondern ein Medium, um ihre Beiträge zu publizieren.
Eines dieser
Medien ist oder war der Radiosender Flash 96,4. Von Athen aus,
sendet - so lange es ihn noch gibt - Flash ein Programm, das für
griechische Verhältnisse durchaus als Lehrstunde des kritischen
Journalismus gelten könnte. Im Folgenden wird über den Radiosender
allerdings nur noch in der vergangenheitsbezogenen Form berichtet,
da das Programm nach der derzeitigen Lage nie mehr das sein wird,
was es mal war.
Während der zweiten
Regierungszeit der sozialistischen PASOK (Panhellenische Sozialistische
Bewegung) von 1993 bis 2004 waren regierungskritische Reportagen
im Programm des seit 16 Jahren aktiven Senders nicht selten, sondern
eher der Regelfall. Dies, obwohl der Sender im Besitz eines PASOK-Sympathisanten
war. Konsequent wurde diese Linie auch seit der Machtübernahme
im März 2004 durch die konservative
Nea Dimokratia fortgeführt.
Mehrmals wurde
dabei der Ministerpräsident Konstantinos Karamanlis direkt angegriffen.
Die weit verbreitete Vetternwirtschaft wurde ebenso angeprangert
wie die Unfähigkeit des Staatsapparats, alltägliche Probleme zu
meistern. Begleitend zum Radioprogramm wurde ein
Internetportal (http://www.flash.gr) betrieben, welches
ebenfalls weitgehend dem kritischen Journalismus verschrieben
war.
Die Rundfunkjournalisten
und Webautoren haben leider die Rechnung ohne den bisherigen Wirt
gemacht. Einerseits wird veröffentlicht, der bisherige Eigentümer
des Senders, Sokratis Kokkalis habe den Sender für den Spottpreis
von 100.000 Euro verkauft und der neue Eigentümer wünsche ihn
zu schließen. Andererseits tritt Kokkalis noch als Eigentümer
vor die Presse. Fakt ist, dass der Sender geschlossen werden soll.
Es wird vermutet, dass der bisher mit der PASOK sympathisierende
Kokkalis eine Annäherung an die konservative Regierung von Ministerpräsident
Karamanlis sucht.
Kokkalis hätte
allen Grund dazu. Seine Nähe zur damaligen sozialistischen Regierung
hat seinen geschäftlichen Aufstieg gefördert. Er gehört zu den
500 reichsten Personen weltweit. Über seine Firmengruppe
Intracom hat er die Staatliche Telefongesellschaft OTE jahrelang mit Telekommunikationsequipment
beliefert. Er hat außerdem Verträge mit der staatlichen Lottogesellschaft OPAP und ist Besitzer des erfolgreichsten Sportvereins
Griechenlands, Olympiakos Piräus. Als Präsident des Serienmeisters
der ersten Fussballliga Griechenlands ist er wegen dessen großer
Anhängerschaft beinahe
immun gegen jede Strafverfolgung.
Trotzdem wurde
gegen den ehemaligen DDR-Bürger Kokkalis ein Verfahren wegen Wirtschaftsspionage,
Verstoß gegen Außenhandelsgesetze und Spionage für die DDR erhoben. Zur deutschen Wendezeit soll eine ähnliche
Anschuldigung nach Intervention des damals regierenden konservativen
Ministerpräsidenten Mitsotakis beim damaligen Bundeskanzler Helmut
Kohl wortwörtlich in den Akten verschwunden sein.
Im unter Verschluss
gehaltenen Minderheitsbericht der ehemaligen Bundestagsabgeordneten
Ingrid Köppe (Bündnis 90/die Grünen) des ersten Stasi-Untersuchungsausschusses
soll Gerüchten zu Folge sein Name in der Funktion des Industriespions
erwähnt sein.
Es ist also verständlich,
dass Herr Kokkalis unter Druck steht. Offenbar nutzt die konservative
Regierung dies aus, um Regierungskritiker mundtot zu machen. Der
im Ministerrang stehende Regierungssprecher Theodoros Rousopoulos
kommentierte die zur Staatsaffäre ausufernde Situation mit der
Bemerkung, er werde sich darum bemühen, die arbeitslos werdenden
Journalisten mit Programmen des griechischen Arbeitsamtes umzuschulen.
Da Rousopoulos ursprünglich selbst Journalist war, kommt diese
Bemerkung einem Affront gleich. Spricht er doch indirekt seinen
Kollegen die journalistischen Fähigkeiten ab.
Unter dem Druck
der Journalistengewerkschaften, die mit einem Generalstreik drohen,
und nach Intervention internationaler Journalistenverbände sowie
mehrerer parlamentarischer Anfragen seitens der Opposition zeichnet
sich eine Lösung des Problems ab, die eventuell die Arbeitsplätze
sichern kann, den Fortbestand des Senders garantiert, aber gewiss
nicht mit der gleichen, unbeschwerten Regierungskritik fortfahren
wird. Die gesamte griechische Presse veröffentlichte am 6. Oktober
2005 bereits Nachrufe auf den Sender, der im Übrigen nicht der
erste wegen Regierungskritik geschlossene oder gestörte Sender
ist. SKAI-Radio und Planet wurden bereits vorher mit unterschiedlichen
Methoden "gezähmt".
Ein bekannter,
mit der sozialistischen Opposition sympathisierender Journalist,
Nikos Kakaounakis, hat angeboten, den Sender zu kaufen. Dieser
Kauf würde ein bis dato nahezu unabhängiges Medium in ein eindeutig
politisch gefärbtes Medium umwandeln. Der Regierung würde damit
Genüge getan, könnte sie doch darauf verweisen, dass der Sender
seine Kritik aufgrund der politischen Linie und nicht wegen der
tatsächlichen Probleme äußern würde.
Dass es um die
Pressefreiheit in Griechenland nicht so gut steht, zeigen außerdem
weitere Vorfälle der letzten Woche. Zum Beispiel wurde tagelang
im staatlichen Fernsehen ET 1 ein Beitrag angekündigt, in dem
ein Interview mit den Topterroristen
Carlos und dem als Anführer der griechischen Terrororganisation
17. November verurteilten Alexandros
Giotopoulos gesendet werden sollten. Dieser Beitrag wurde kurzfristig
abgesetzt. Als Grund wurde angegeben, dass man den Terroristen
keine Plattform für die Darlegung ihrer Ideologie bieten wolle.
Es stellt sich allerdings die Frage, warum dann erstens die Redakteure
mit den Interviews beauftragt wurden und zweitens tagelang dafür
geworben wurde. Ein Schelm, wer dabei an Zensur denkt.
Immerhin, in
den angesprochenen Fällen ist den Journalisten physisch kein Haar
gekrümmt worden. Dass kritischer Journalismus in Griechenland
durchaus auch Nebenwirkungen auf die Gesundheit haben kann, zeigt
der Fall des Sportjournalisten Sirigos. Dieser wurde bei einer
Messerattacke lebensgefährlich
verletzt. Sirigos hatte sich unter anderem mit der Doping - Affäre
der Olympiasieger und Sprintstars Kostas Kenteris und Ekaterina Thanou, der Olympia
2004- Organisationskommiteevorsitzenden Daskalaki und last but
not least Sokratis Kokkalis in seiner Funktion als Vereinspräsident
von Olympiakos Piräus auseinander gesetzt.
Dass Griechenland
in der Rangliste der Organisation
Reporter ohne Grenzen einen für einen EU Staat beschämenden
33. Platz vor Hongkong belegt, mag keinen
verwundern, verwunderlich scheint eher, warum es nicht niedriger
eingestuft ist.
Doch selbst in
Deutschland scheint die Pressefreiheit nicht den Stand zu haben,
den man eigentlich erwarten könnte. Ein großer deutscher Groß-
und Einzelhandelskonzern hat es tatsächlich geschafft, dass das
ZDF einen kritischen Beitrag des Magazins Frontal 21 im Nachhinein
zensiert hat. Auf der Webseite des Senders zur Sendung vom 16.
August 2005 wurden die Passagen, die den Konzern im Zusammenhang
mit RFID-Funkchips erwähnten,
ersatzlos gestrichen. Dies, obwohl der Konzern und die Anwendung
der Chips dort ausdrücklich erwähnt wurden und obwohl es nicht
die übliche Praxis des ZDF ist, Sendemanuskripte auf der Webseite
derart zu kürzen. Der Fortbestand des ZDF ist allerdings
gesichert.
Berichte über
Kopierschutzmaßnahmen und deren Umgehung sind in Deutschland ebenfalls
zensurgefährdet, wie das Vorgehen der Musikindustrie gegen den Heise-Verlag zeigt.
Telepolis-Artikel:
http://www.telepolis.de/r4/artikel/21/21097/1.html
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