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Europäisches Sozialforum in Athen 2006
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Skizze für ein neues Europa
Bekenntnis gegen Neoliberalismus und Krieg – gestern endete das
4. Europäische Sozialforum / Vielfalt der Teilnehmer machte Stärke
des Athener Treffens aus
Von Anke Stefan,
Athen
Hunderte Veranstaltungen,
Tausende Teilnehmer, der Austausch von Ideen und Erfahrungen sowie
ein beeindruckender Massenprotest gegen Kriegspolitik und Sozialabbau
– das war das 4. Europäische Sozialforum in Athen
Das schwierigste war die Wahl,
welche der insgesamt 210 Seminare und über 50 Workshops man besuchen
sollte. Zu vielfältig war das Angebot, das beispielsweise Debatten
über »nachhaltige Landwirtschaft«, »Rechte nationaler Minderheiten
in der Türkei« oder die »Rebellion in den Vorstädten von Paris«
enthielt. Und was sollte man tun, wenn das Seminar über den »Entwurf
einer EU-Charta der Menschenrechte« und die Diskussion über die
»Solidarität mit den politischen Gefangenen weltweit« zeitgleich
angesetzt waren?
Bestimmte Themenbereiche standen aber eindeutig im Zentrum des Interesses.
So waren die Seminare zum Thema Repression und Krieg nicht nur zahlreich,
sondern gehörten auch zu den am stärksten besuchten Veranstaltungen.
Neben der Diskussion über den Widerstand gegen die imperialistischen
Angriffskriege in Irak und Afghanistan spielte hier vor allem auch
der drohende Angriff auf Iran eine große Rolle. Besonders die zahlreichen
jungen Besucher zog es zu diesen Foren.
Bei einem weiteren zentralen Thema dagegen waren Podien und Auditorien
eher von älteren Jahrgängen besetzt. Mehr als ein Dutzend Seminare
beschäftigte sich auf die eine oder andere Art mit dem Entwurf eines
anderen Europas. Auf solchen Veranstaltungen waren auch die meisten
»Polit-Promis« zu finden, beispielsweise mit Fausto Bertinotti
von den italienischen Kommunisten und Alekos Alavanos
von der griechischen Linksallianz gleich zwei Vorsitzende von Mitgliedsparteien
der Europäischen Linken. Für die Linkspartei.PDS
brachte Katja Kipping auf der Veranstaltung »Was für ein Europa wollen wir«
Ideen für ein sozialeres Europa ein, darunter die Einführung einer
EU-Staatsbürgerschaft, die gesetzliche Verankerung von Volksabstimmungen
und die Verlagerung weiterer bisher nationaler Kompetenzen auf das
Europaparlament.
Das »Herz« des diesjährigen ESF schlug in der von hunderten Transparenten
geschmückten und mit ebenso vielen Infotischen bestückten Olympiahalle,
in der sich die beteiligten Organisationen der Öffentlichkeit präsentierten.
Hier war der Treffpunkt für alte und neue Bekannte, hier fanden
die wichtigen Hintergrundgespräche und Absprachen außerhalb des
Seminarprogramms statt, hier konnte man sich auch bei einer Tasse
Kaffee inmitten des bunten Treibens von den anstrengenden Veranstaltungen
erholen.
Tragende Säulen des Europäischen Sozialforums sind nach wie vor
die länderübergreifenden Netzwerke von Gruppen, die jeweils an der
gleichen Thematik arbeiten. Großveranstaltungen wie das ESF machen
für sie aber nur einen eher kleinen Teil der gemeinsamen Arbeit
aus. Deutlich gewachsen ist die Rolle der Gewerkschaften im ESF.
Standen sie am Anfang der aus dem Widerstand gegen die neoliberale
Globalisierung gewachsenen Struktur eher am Rande des Geschehens,
so haben sie sich im Laufe der Zeit vom Geldgeber zum engagierten
Teilnehmer und in Athen auch zum aktiven Organisator des Forums
entwickelt. Es scheint, dass die Gewerkschaften die Chancen erkannt
haben, die in der Verknüpfung von Gewerkschaftsaktivitäten mit Kampagnen
von sozialen Bewegungen liegen.
Trotzdem läuft vieles im ESF eher neben- als miteinander. Zu vielfältig
sind nicht nur die ideologischen Positionen, sondern auch die Aufgabenfelder
der beteiligten Organisationen. »Eine gemeinsame Aktion ist unrealistisch,
20 sind nutzlos«, hatte ein Teilnehmer auf der im Vorfeld des ESF
stattfindenden Koordinationssitzung der Bewegungen konstatiert.
Das eine solche gemeinsame Aktion dennoch
möglich und durchaus wirkungsvoll ist, zeigte die Demonstration
am Sonnabendnachmittag. In einem auch
für griechische Verhältnisse beeindruckenden und nicht enden wollenden
Zug zogen Zehntausende mit bunten Transparenten und Fahnen friedlich
durch die Athener Innenstadt. Daran konnte auch die Militanz kleiner
Gruppen einheimischer Anarchisten nichts ändern, die aus der Demonstration
heraus agierten. Die Polizei antwortete auf die Steine und Brandsätze,
die auf die Botschaften der USA und Großbritanniens, auf die Athener
Polizeizentrale, Banken und das Gerichtsgebäude flogen, mit massivem
Einsatz von Tränengas, hütete sich jedoch davor, mit Knüppeln gegen
die eigentliche Demonstration vorzugehen oder diese gar aufzulösen.
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