»Ihnen wurde
eingeschärft zu schweigen«
Geheimdienstler
in Griechenland vor Gericht. Sie sollen Menschen pakistanischer
Herkunft verschleppt und unter Druck gesetzt haben.
Ein Gespräch mit
Giorgos Goudounas
* Giorgos Goudounas ist Anwalt
in Griechenland. Er vertritt Menschen pakistanischer Herkunft, die
vermutlich vom griechischen Geheimdienst verschleppt wurden
F: In Griechenland beginnt ein
Prozeß gegen Geheimdienstagenten. Ihnen wird das Verschleppen von
Menschen pakistanischer Herkunft vorgeworfen. Was ist da passiert?
Die Geschichte beginnt vor zehn
Monaten. Nachdem mutmaßlich Pakistaner am 7. Juli 2005 Bombenanschläge
in London verübt hatten, drangen am Abend des 15. Juli Geheimdienstagenten
in Athen, Ioannina und vermutlich weiteren griechischen Orten in
die Wohnungen dort lebender Pakistaner ein. Ihnen wurden Mobiltelefone
abgenommen und die Augen verbunden. Anschließend verschleppte man
sie, wahrscheinlich in die Nähe von Athen. Dort wurden sie über
ihre Kontakte zu Landsleuten in Großbritannien verhört, zu religiösen
Ansichten und ihren Verbindungen nach Pakistan befragt.
Die Verschleppten wurden bis zu
sieben Tage festgehalten und dann mit verbundenen Augen im Zentrum
von Athen freigelassen. Diejenigen, die aus der Gegend von Ioannina
stammten, bekamen 100 Euro pro Person für eine Fahrkarte nach Hause.
Allen wurde unter Androhung von Gefahr für ihr Leben eingeschärft,
über das Erlebte Stillschweigen zu bewahren.
F: Wie ist der Fall an die Öffentlichkeit
gekommen?
Ende Juli erstattete der Vorsitzende
der Pakistanischen Gemeinde in Griechenland im Auftrag der Verschleppten
Anzeige bei der Staatsanwaltschaft. Die Anzeige verschwand aber
in der Schublade eines Sachbearbeiters. Die Medien griffen den Skandal
erst Ende August auf, dann verschwand das Thema wieder aus der Öffentlichkeit.
Erst im Dezember, nach einem Bericht des britischen Senders BBC,
kam Bewegung in die Angelegenheit. Auf Anweisung des höchsten Gerichtshofes
gab die Polizei die Untersuchung an die Staatsanwaltschaft ab –
weil es nicht Aufgabe einer Behörde sein kann, gegen sie selbst
oder ihr nahestehende Behörden erhobene Vorwürfe zu prüfen.
F: Die Regierung streitet bis
heute eine Beteiligung griechischer Behörden an den Entführungen
ab. Der damalige Minister für öffentliche Ordnung Giorgos Voulgarakis
hat die Berichte der Pakistaner als Lüge und Provokation bezeichnet.
Zu welchem Ergebnis kommt die Staatsanwaltschaft?
Nach Ansicht der untersuchenden
Richter haben die Entführungen stattgefunden. Demnach wurden sie
wahrscheinlich vom griechischen Geheimdienst EYP ausgeführt. Allerdings
wurden von den acht belasteten Agenten des EYP, deren Namen durch
Recherchen verschiedener Zeitungen bekannt wurden, sechs durch Alibis
entlastet. Lediglich zwei sollen nun vor Gericht gestellt werden.
Wir werden schon in diesem Punkt Einspruch einlegen, da sich die
Alibis allein auf Urlaubs- oder Abwesenheitsbescheinigungen des
EYP stützen. Wir fordern eine Gegenüberstellung mit den Verschleppten.
F: Sie gehen auch von einer Beteiligung
des britischen Auslandsgeheimdienstes MI6 aus. Welche Indizien gibt
es dafür?
An den Verhören waren Agenten beteiligt,
die keine Griechen waren und englisch sprachen. Dies ist aber nicht
das einzige Indiz. Voulgarakis, den wir im übrigen ebenfalls angeklagt
haben, und auch der Chef des EYP haben bestätigt, daß eine kurz
vor den Entführungen begonnene Operation, bei der Tausende ausländischer
Mitbürger in Griechenland kontrolliert wurden, auf eine Initiative
des britischen Staates zurückging. Wir können zwar nicht gerichtlich
gegen den einzigen namentlich bekannten Agenten des MI6 vorgehen,
da er diplomatische Immunität genießt. Wir werden aber gegen ihn,
gegen unbekannte britische Agenten und gegen Außenminister Jack
Straw sowie Minsterpräsidenten Tony Blair Klage wegen Anstiftung
erheben.
F: Der Prozeß gegen die mutmaßlichen
Entführer und Verantwortliche für den Vorfall wird in Kürze beginnen.
Was versprechen Sie sich von dem Verfahren?
Unsere Anklage gegen Minister Voulgarakis
wird wahrscheinlich abgelehnt. Der Fall wird aber mit Sicherheit
unangenehm für die Regierung. Im Fall des Geheimdienstes und der
Agenten wird die Sache interessant. Hier kann die Untersuchung vor
Gericht vielleicht weitere unseriöse Praktiken des Geheimdienstes
aufdecken. Es wird sich nicht nur die Frage nach der Arbeitsweise
des EYP stellen, sondern auch die nach den Gründen seiner Existenz.
Interview: Heike Schrader, Athen
|