Veranstaltung
Prozess gegen ELA
Prozess gegen 17.November
Haftbedingungen
Solidarität
Staat&Repression
Presse
Erklärungen
Fotos und Plakate
Hintergrund
Aktuelles
Europäisches Sozialforum
in Athen 2006
MAIL
|
»Wir wollen Jobs, keine Bomben«
Europäisches Sozialforum von Athen beendet. Großdemonstration
gegen den Krieg
Von Wladek Flakin und Heike Schrader, Athen
Der Geruch von Tränengas hing am
Samstag abend nach einer Demonstration des Vierten Europäischen
Sozialforums (ESF) über der Athener Innenstadt. Rund 50000 Menschen
aus vielen Ländern waren zuvor dem Aufruf zum Protest »gegen Neoliberalismus,
Krieg und Rassismus« gefolgt – und wurden von einem martialischen
Polizeiaufgebot begleitet.
Die Demonstration richtete sich
vor allem gegen den Irak-Krieg und gegen eine Eskalation im Iran-Konflikt.
»Wir wollen Jobs, keine Bomben«, hieß es auf Transparenten, Fotos
von US-Präsident George W. Bush mit der Überschrift »Terrorist Nummer
eins« wurden gezeigt. An einigen symbolträchtigen Orten wie der
US-amerikanischen und der britischen Botschaft oder der Polizeizentrale
kam es schließlich zu Auseinandersetzungen. Steine und einige Molotowcocktails
flogen, ein Streifenwagen brannte aus, und die Fensterscheiben einiger
Geschäfte gingen zu Bruch. Die Polizei setzte Tränengas ein. 30
Menschen wurden verhaftet.
Gegen das System
Die Kommunistische Partei Griechenlands
(KKE) hatte nicht zur Demonstration aufgerufen. Um jedoch ihre Kritik
an den aus ihrer Sicht »systemtreuen« Organisatoren sichtbar zu
machen, hatte die ihr nahe stehende Gewerkschaftsfront PAME englischsprachige
Plakate entlang der Route aufgehängt: »Den Kapitalismus verbessern?
Unmöglich! Ihn stürzen? Unvermeidlich!« Genau diese Fragen begleiteten
auch viele der über 300 Seminare, Workshops und Diskussionsveranstaltungen
des Forums: Fragen zur Perspektive sozialer Kämpfe und nach der
Gesellschaftsform.
Etwa 20000 Aktivisten aus Gewerkschaften,
sozialen Bewegungen und linken Parteien versammelten sich von Donnerstag
bis zum gestrigen Sonntag zum ESF in einem alten Olympiakomplex,
der seit dem Ende der Spiele im August 2004 brachgelegen hatte.
Nach den Foren in Florenz, Paris und London war die griechische
Hauptstadt der vierte Gastgeber des europaweiten Vernetzungstreffen. Dabei fiel die Beteiligung
aus England, Frankreich, Spanien und Deutschland geringer aus als
in früheren Jahren. Zugleich waren wesentlich mehr Menschen aus
der Türkei, den Balkanländern und natürlich auch aus Griechenland
dabei. Die ehemalige Fechthalle diente als eine Art Marktplatz für
Infostände von Nichtregierungsorganisationen (NGO), Gruppen, Initiativen,
linken Parteien.
Gemeinsam streiken
Bei den Diskussionen über Ansätze
für den zukünftigen Widerstand gegen die neoliberale Umgestaltung
Europas standen die Erfahrungen der erfolgreichen Bewegung gegen
das französische CPE-Gesetz, mit seinem Frontalangriff auf den Kündigungsschutz,
im Mittelpunkt. Eine Veranstaltung zum Thema »radikale Studentenbewegungen«
zog 300 Jugendliche an, wobei die Beiträge immer wieder durch Sprechchöre
unterbrochen wurden: »Tous ensemble!«,
»Grève Generale!« - einig handeln bis zum Generalstreik, so die
wichtigsten Lehren aus Frankreich.
Auf derselben Veranstaltung berichteten
deutsche Gewerkschafter wie Heinz-Jürgen Hintzer von der NGG (Nahrung,
Genuß, Gaststätten) über den Anstieg der Arbeitskämpfe in der BRD
und davon, daß der bevorstehende Ausstand bei Coca-Cola mit der
internationalen Kampagne gegen den Brausehersteller, der in Kolumbien
Gewerkschaftsaktivisten von Paramilitärs ermorden läßt, verbunden
werde. So könnten die Aktivitäten gegen den Cola-Konzern ein Beispiel
für die notwendige enge Verbindung gewerkschaftlicher und sozialer
Bewegungen und zugleich ein Beispiel für koordinierten Widerstand
in den reichen Ländern und dem globalen Süden werden – eigentlich
das zentrale Anliegen der Sozialforen.
Iran im Zentrum
Thematisch dominierte der drohende
Krieg gegen den Iran eindeutig die Tage von Athen. Eine Podiumsdiskussion
über den »Krieg gegen den Terrorismus und Menschenrechte« platzte
aus allen Nähten. Rhetorisch wirkungsvoll warnte dort der Autor
Tariq Ali: »Falls die USA bescheuert genug sind, den Iran zu besetzen,
wird der Irak dagegen wie ein Picknick aussehen«. Auch US-amerikanische
Aktivisten wie der Sozialist Ahmed Shawki meinten, daß der Krieg
im Irak drei Jahre nach dem »Mission accomplished«, der Erklärung
des Kriegsendes durch Bush am 1. Mai 2003, für die USA verloren
sei. Keines der wesentlichen Ziele der Angreifer konnte erreicht
werden. Dieses sei auf die Aktivitäten der wachsenden Antikriegsbewegung,
vor allem aber auf den »heldenhaften Widerstand der irakischen Bevölkerung«
zurückzuführen. Aus dem Auditorium forderte eine Studentin aus den
USA dazu auf, die bedeutenden amerikanischen Militärbasen in Europa,
wie die in Ramstein, zu blockieren, um Militärschläge der US-Macht
unmöglich zu machen.
Am Sonntag nach Ende des ESF beschloß
die »Versammlung der sozialen Bewegungen«, den Widerstand gegen
die Besatzung des Irak und den drohenden Krieg gegen den Iran zu
einem Schwerpunkt der weiteren Arbeit zu machen. Ebenso soll europaweit
gegen den im nächsten Jahr in Deutschland stattfindenden G-8-Gipfel
mobilisiert werden. Zudem soll allen Versuchen, die geplante EU-Verfassung
doch noch zu verabschieden, entschlossen entgegengetreten werden.
Energiewende und ökologisch nachhaltiges Wirtschaften, faire Handelsbeziehungen,
globale soziale Rechte, Arbeitszeitverkürzung, Steuergerechtigkeit
und Ausbau der öffentlichen Daseinsvorsorge seien die Perspektiven,
für die sich die Beteiligten am Europäischen Sozialforum einsetzen.
Widerstand gegen Bush
Am Rande des Forums kündigte die
deutsche Abteilung des globalisierungskritischen Netzwerks Attac
an, sich an der Umsetzung der gemeinsamen Beschlüsse in Deutschland
aktiv zu beteiligen. Bereits am 3. Juni ist eine bundesweite Demonstration
in Berlin gegen Sozialabbau und Krieg geplant. Für den 14. Juli
werden Protestaktionen gegen den Besuch von US-Präsident Bush in
Stralsund vorbereitet.
Auch wenn die Medien überwiegend
von den gewalttätigen Auseiandersetzungen am Rande der Demonstration
berichteten, bleibt das ESF – wie es auf einem der zahlreichen Flugblätter
ausgedrückt wurde – »trotz seiner Schwächen der einzige Rahmen für
die Zusammenarbeit der europäischen Linken.«
Daran ändert auch das Tränengas von Athen nichts.
|