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Jungle World vom 17. November 1999
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Nach heftigen
Protesten verschiebt der US-Präsident seinen geplanten Staatsbesuch
in Griechenland.
von ralf dreis,
thessaloniki
Alles
war so schön geplant für den dreitägigen Staatsbesuch von US-Präsident
William Clinton in Griechenland. Auf seinem Weg zum Istanbuler OSZE-Gipfel
sollte er am vergangenen Wochenende in Athen eintreffen. Die Erwartungen
waren groß, erhoffte man sich doch einen Durchbruch im Zypern-Konflikt.
Clinton könnte damit trotz des Jugoslawien-Krieges, der in Griechenland
starke Proteste ausgelöst hatte, als Balkan-Friedensstifter in Rente
gehen. Und Premierminister Kostas Simitis bekäme den nötigen Rückenwind
für die Wahlen im nächsten Jahr.
Daraus
wird wohl nichts. Wegen einer Welle antiamerikanischer Demonstrationen
und erheblicher Sicherheitsbedenken hat der US-Präsident seinen
Besuch um eine Woche verschoben und auf eine Stippvisite reduziert.
Der
Clinton-Besuch war schon vor langer Zeit vorbereitet worden. Offenbar
hatte niemand dabei an die zeitliche Nähe des Präsidenten-Besuchs
zu den jährlichen Gedenkfeierlichkeiten zum 17. November, dem Jahrestag
der Niederschlagung des Studentenprotests von 1973, gedacht. Die
Unruhen waren der Anfang vom Ende der US-gestützten griechischen
Militärjunta gewesen. Mit Blick auf diesen Jahrestag beschlossen
sämtliche linken Organisationen, dem "Völkermörder" Clinton
einen gebührenden Empfang zu liefern.
Hinzu
kam, dass bereits im Vorfeld des geplanten Besuches eine Erklärung
des US-Außenministeriums für Unmut gesorgt hatte. Demzufolge sollte
der Zypern-Konflikt während des dreitägigen Besuches nur eine "untergeordnete
Rolle" spielen. Stattdessen wollte Washington über ein Abkommen
zur "gemeinsamen Terrorismusbekämpfung" verhandeln - was
die Regierung in Athen jedoch sofort als "Einmischung in die
inneren Angelegenheiten" zurückwies.
Die
Stimmung verschlechterte sich noch, als Anfang November zwei Artikel
in der Washington Post zur Terrorismus-Bekämpfung erschienen. Beide
beschäftigen sich mit der Untergrundorganisation "17. November"
- benannt nach dem symbolträchtigen Datum von 1973. Der erste Artikel
beschreibt einen Anschlag auf die deutsche Botschaft am 16. Mai
dieses Jahres. Dann zitierte die Zeitung US-Botschafter Nicholas
Burns mit der Aussage, in der US-Regierung gebe es "einen hohen
Grad an Unzufriedenheit", weil kein Mitglied des "17.
November" bislang verhaftet wurde. Zwar sei er zuversichtlich,
dass Premier Simitis und der Minister für die Öffentliche Ordnung
den US-Wunsch teilen würden, gegen die Gruppe vorzugehen. Aber,
so sagte ein US-Offizieller nach Angaben der Zeitung, Washington
könne nicht für "Leute auf anderen Ebenen" der Regierung
bürgen, die "potenzielle Verbindungen" zu der Gruppe hätten.
Dass
Personen innerhalb der Pasok-Regierung und der Polizeispitze nicht
an der Ergreifung der Terroristen interessiert seien, ist eine These,
die in Griechenland seit Jahren kursiert. Seit die Organisation
im November 1975 den ehemaligen CIA-Repräsentanten in Griechenland,
Richards Wells, erschossen hatte, folgten unzählige Anschläge auf
US-amerikanische, westeuropäische und griechische Konzerne und Personen.
17
Tote - davon vier US-Amerikaner - , 70
Verletzte und Sachschäden in Millionenhöhe sind die bisherige Bilanz.
Doch im Unterschied zur deutschen RAF oder den italienischen Roten
Brigaden wurde seit der Gründung vor 24 Jahren kein einziges Mitglied
der Organisation verhaftet oder erschossen. Es gibt weder Fahndungsplakakte
noch Hinweise darauf, wer Mitglied des 17. November sein könnte.
So ist der Verdacht, dass es Kontakte zwischen Guerilla, Pasok,
Polizei und Geheimdienst gebe, weit verbreitet.
Doch
ein "Yankee" darf das noch lange nicht behaupten, ist
doch der Antiamerikanismus einer der gemeinsamen Nenner der griechischen
Gesellschaft. Direkt nach dem ersten Post-Artikel brach ein Sturm
der Entrüstung los. Der Parteiführer der linksnationalistischen
Dikki rief dazu auf, den "Terroristen Clinton zu terrorisieren".
Am Abend des 7. November wurde im Zentrum Athens das Gebäude der
Griechisch-Amerikanischen Vereinigung beschossen. Zwei Stunden später
flog im Stadtteil Chalandri ein Büro von Levi's in die Luft. Tags
darauf verurteilte ein auf dem Syntagma-Platz in Athen öffentlich
tagendes "Volksgericht", das aus einer Reihe bekannter
Schauspieler bestand, den "Schlächter" Clinton
wegen "Völkermordes". Nach der Urteilsverkündung zogen
die rund 3 000 "ProzessbeobachterInnen" zur US-Botschaft,
um Clintons "Auslieferung" zu verlangen.Für weitere Spannungen
sorgte der Demonstrationszug zur US-Botschaft vom vergangenen Wochenende.
Trotz starkem Druck aus Washington weigerte sich die griechische
Regierung, den Protestmarsch zu verbieten. Nachdem Washington daraufhin
den Clinton-Besuch ganz in Frage gestellt hatte, schlug Athen vor,
die Visite zu verschieben.
Die
Demonstration jedoch fand unter neuen Vorzeichen statt: Simitis
gelang es, die linke, parlamentarische Opposition (KKE, Dikki, Synaspismos)
in eine "Front der nationalen Verantwortung" einzubinden.
Das Ziel: Die Aktion auf keinen Fall außer Kontrolle geraten zu
lassen, um "das Ansehen Griechenlands im Ausland" zu wahren.
Und dafür standen auch die KKE und ihre für solche Fälle mit Eisenstangen
ausgerüstete Schlägertruppe der Bauarbeitergewerkschaft zur Verfügung.
Entsprechend friedlich verlief denn auch die von der KKE dominierte
Demonstration am vergangenen Samstag in Athen, wo die rund 15 000
Teilnehmer anschließend vor der US-Botschaft den Rückzug von Präsident
Clinton bejubelten.
Für
das kommende Wochenende hat die griechische Regierung alle Kundgebungen
in der Nähe von Clintons Aufenhaltsorten verboten. Der hat nun nach
dem ganzen Wirbel um seinen Besuch zumindest eine Ahnung, wieso
er in Athen nicht besonders willkommen ist. "Ich weiß, dass
Griechenland eine lange und reiche Geschichte kommunistischer und
anarchistischer Demonstrationen hat", erklärte er im Hinblick
auf die Verschiebung seines Besuches. Und "alle diese Menschen
missbilligen meinen Standpunkt im Kosovo-Konflikt und vielleicht
schon davor in Bosnien".
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